PTA-Thema August 2010: Reine Nervensache

Fortbildung: Reizdarm

Abbildung © VikaValter / www.iStockphoto.com © VikaValter / www.iStockphoto.com

In den Industrienationen ist das Colon irritable die häufigste Magen-Darm-Erkrankung. Fast jeder dritte Erwachsene macht damit in seinem Leben Bekanntschaft.

Unter einem Reizdarm-Syndrom (RDS oder irritable bowel syndrome (IBS) versteht man eine chronische Funktionsstörung des Verdauungstraktes. Bei einer Untersuchung findet der Arzt keine Hinweise auf organische oder biochemische Veränderungen des Darmes, weshalb schon mancher Patient als Hypochonder abgestempelt wurde. Dennoch leiden die Patienten unter zum Teil schwerwiegenden Symptomen, wie Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten und Blähungen, die das Allgemeinbefinden stark beeinträchtigen können.

Erfreulich ist, dass die Krankheit das Darmkrebsrisiko nicht erhöht und auch nicht ansteckend ist. In Deutschland sind nach Schätzungen etwa 12 Millionen Menschen betroffen, Frauen ungefähr doppelt so häufig wie Männer. Meist tritt die Erkrankung erstmals zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf. Glücklicherweise werden nicht alle Betroffenen von schweren Symptomen geplagt, weshalb auch nicht jeder Reizdarm-Patient den Arzt aufsucht. Bei einigen treten die Beschwerden nur gelegentlich auf, beispielsweise durch ungewohnte Nahrung, wie etwa auf Reisen. Für diese Betroffenen sind Sie in der Apotheke dann häufig der erste Ansprechpartner.

Überempfindlicher Darm Vollständig geklärt ist die Ursache des Reizdarm-Syndroms bis heute nicht. Es existieren mehrere Theorien. Gesichert ist, dass es sich um eine erhöhte Empfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes handelt. Offenbar ist die Wahrnehmung ganz normaler Verdauungsvorgänge schmerzhaft gesteigert. Dabei spielt das enterale oder viszerale Nervensystem, auch „Bauchhirn“ genannt, eine entscheidende Rolle. Wie es scheint, ist nämlich beim Reizdarm-Syndrom die Reizübertragung an irgendeiner Stelle zwischen Darmmuskulatur, enteralem und zentralem Nervensystem gestört.

Bauchhirn Evolutionsgeschichtlich ist die Entwicklung des Nervensystems eng mit dem Darm verbunden. Das sieht man noch heute an primitiven Tieren, wie dem Regenwurm, dessen Nervensystem aus einem einzigen Bauchnervenstrang mit Ganglien in regelmäßigen Abständen besteht. Dieses Darmnervensystem hat die gesamte Evolution überstanden und sich weiterentwickelt. Da eine effektive Ernährung über Leben und Überleben entscheidet, besitzt auch unser Magen-Darm-Trakt das ausgedehnteste Netzwerk von Neuronen außerhalb des Zentralnervensystems.

Der Verdauungsapparat wird von verschiedenen Gruppen von Neuronen versorgt, die wichtigsten sind die sympathischen und parasympathischen und eben die enteralen Neuronen, wegen ihrer Fähigkeiten
und ihrer Größe auch Bauchhirn genannt. Die Gesamtzahl dieser enteralen Neurone im menschlichen Gastrointestinaltrakt wird auf 100 Millionen geschätzt, was bedeutet, dass er ebenso viele Nervenzellen enthält wie das Rückenmark.

Die Schaltzentrale im Gehirn und das Verdauungssystem sind eng miteinander verbunden, wobei das Bauchhirn nicht nur Befehlsempfänger des Kopfhirns ist. Die Nervenzellen treffen die für den Darm wichtigen Entscheidungen selbstständig, immer dann, wenn es mit Verdauung und Transport zu tun hat. Neurobiologen haben festgestellt, dass 90 Prozent der Nervenverbindungen zwischen Bauch und Hirn von unten nach oben verlaufen und nur zehn Prozent von oben nach unten. Das zeigt, dass der Bauch den Kopf ständig auf dem Laufenden hält. Und es spricht dafür, dass der Bauch einiges selber regelt.

Dies ergibt auch durchaus einen Sinn, wenn man sich die Aufgaben des Magen-Darm-Traktes einmal genauer vor Augen führt. Hier werden ständig die Nährstoffzusammensetzung sowie der Wasser- und Salzgehalt unserer Nahrung analysiert. Daneben müssen Resorptions- und Ausscheidungsprozesse koordiniert werden. Auch die Kontrolle des Gleichgewichts zwischen stimulierenden und hemmenden Neurotransmittern und Hormonen im Verdauungsapparat ist Aufgabe des Bauches. Noch dazu ist der Darm das größte Immunorgan unseres Körpers. Er muss zwischen der physiologischen Darmflora, mit deren Keimen wir symbiotisch zusammen leben, und den potenziell pathogenen Keimen unterscheiden.

ROM-III-KRITERIEN FÜR DIE DIAGNOSE REIZDARM
- wiederkehrende Bauchschmerzen oder Missempfindungen im Bauch;
- Beginn der Symptome vor mindestens sechs Monaten;
- Symptome treten an mindestens drei Tagen pro Monat in den letzten drei Monaten im 
  Zusammenhang mit mindestens zwei der folgenden Symptome auf:
  – Besserung der Symptome nach dem Stuhlgang
  – Beginn geht mit einer Änderung der Stuhlfrequenz einher
  – Beginn geht mit einer Änderung der Stuhlform einher

Die Diagnose setzt voraus, dass keine organischen oder biochemischen Darmveränderungen gefunden wurden. Bei einigen Patienten mit Reizdarm dominieren die Durchfälle (Durchfall-Subtyp), andere haben vorwiegend Verstopfungen (Verstopfungs-Subtyp) und wieder andere leiden besonders unter Bauchschmerzen (Schmerz-Subtyp). Bei vielen Reizdarm-Patienten liegt eine Mischform vor. Nicht selten wechseln die Formen im Laufe der Zeit.

Manches, was geregelt werden muss, läuft über das vegetative Nervensystem ab. Durchtrennt man jedoch den Nervus Vagus, der zum parasympathischen System gehört, dann arbeitet der Verdauungstrakt weiter, denn der größte Teil wird selbstständig vom enteralen Nervensystem gesteuert. Essen wir zum Beispiel etwas Unverdauliches oder Giftiges, dann „fühlt“ dies zuerst unser Verdauungssystem. Es kann auch als erstes reagieren, nämlich mit Erbrechen und Durchfall. Das Bauchhirn schickt diese Information zum Kopfhirn. Wir spüren Übelkeit und vielleicht krampfartige Schmerzen und werden uns damit unseres Bauches bewusst.

Gefunden wurde das Darmhirn schon Mitte des 19. Jahrhunderts – und zwar vom deutschen Nervenarzt Leopold Auerbach. Er zerlegte ein Stückchen Darm und betrachtete es durchs Mikroskop. Dabei fand er eingebettet in die Muskulatur der Darmwand ein feines Netzwerk von Nervenzellen. Heute weiß man, dass dieses Nervensystem eine verblüffende zellbiologische Ähnlichkeit mit unserem Kopfhirn hat. Auch das Bauchhirn arbeitet mit Neurotransmittern und den dazugehörigen Rezeptoren, von denen die meisten identisch sind mit denen des zentralen Nervensystems.

BAUCHGEDÄCHTNIS
Ausgeprägte Stresssituationen oder große Angst hinterlassen nicht nur Spuren im Kopf. Negative Erfahrungen können sich dauerhaft im Bauchhirn einbrennen, denn das „Bauchgedächtnis“ arbeitet mit den gleichen Substanzen, die auch für die Erinnerung im Gehirn benutzt werden. So scheint Stress in frühen Lebensabschnitten die Entstehung eines Reizdarm-Syndroms zu begünstigen. Man weiß heute, dass Kinder, die an Säuglingskoliken leiden, häufig zu Erwachsenen mit irritablem Darm heranwachsen.

Besonders wichtig sind Acetylcholin, Dopamin und Serotonin. Letzteres scheint eine Schlüsselrolle beim Reizdarm-Syndrom zu übernehmen. Es ist an der Reizübertragung zwischen Darmmuskulatur und Darmnerven beteiligt. Je tiefer es in den Verdauungstrakt hinein geht, umso schwächer wird die Herrschaft des Kopfhirns. Speiseröhre und Magen lassen sich zumindest teilweise noch von oben steuern, doch hinter dem Magen übernimmt das Bauchhirn das Kommando. Erst an Rektum und Anus regiert der Kopf durch bewusste Steuerung wieder mit.

Man vermutet, dass es sich beim Reizdarm-Syndrom um eine Kommunikationsstörung zwischen Kopf- und Bauchhirn handelt. Ein gesunder Mensch spürt nicht jede Regung, die in seinem Verdauungstrakt vor sich geht. Es ist wie mit den Kleidern, die man auf der Haut trägt. Man spürt sie nicht bewusst. Auch die Reize aus dem Darm müssen normalerweise eine sehr hohe Schwelle überspringen, um ins Bewusstsein zu dringen. Beim Reizdarm-Syndrom scheint die Schwelle für negative Bauchgefühle jedoch herabgesetzt zu sein. Jedes kleine Unwohlsein, jedes Gluckern, jede Darmbewegung kommen ungefiltert an.

Bauchgefühl Was wir vielleicht schon immer geahnt und die Wissenschaftler inzwischen bewiesen haben: Das Verdauungssystem ist sehr eng mit psychischen Prozessen gekoppelt. Die Frage ist, ob der Darm auch für unsere „Gefühle aus dem Bauch“ verantwortlich ist. Wie es konkret funktioniert, weiß zwar niemand genau, aber eine Informations- und Gedächtnisbildung im Darm scheint möglich und ist sogar wahrscheinlich. Es ist also durchaus denkbar, dass wir mit dem Bauch fühlen. Bewiesen ist bisher aber nur, dass das Bauchhirn selbstständig auf Reize von außen reagiert.

Fenchel wirkt krampflösend …Foto: © Barbo Bergfeldt / www.iStockphoto.com. Psychischer Stress kann beispielsweise funktionelle Magen-und Darmstörungen auslösen. Das hat wohl jeder von uns schon einmal erlebt, vielleicht in Form von Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen oder sogar als Durchfall vor Prüfungen oder anderen Stresssituationen.

Auffällig ist auch, dass etwa die Hälfte der Personen mit Reizdarm-Syndrom an einem oder mehreren nicht gastrointestinalen Krankheitsbild leidet. Am häufigsten sind Depressionen und generalisierte Angststörungen. Der Zusammenhang zwischen Magen-Darm- und psychischen Erkrankungen kann auch aus der Tatsache abgeleitet werden, dass manche Patienten mit funktionellen Magen-Darm-Störungen von einer Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva beziehungsweise einer Psychotherapie profitieren.

Tagsüber am schlimmsten Häufig tritt das Reizdarm-Syndrom sehr plötzlich und ohne vorherige Warnsignale auf. Manchmal geben die Patienten aber auch an, kurz zuvor eine Magen-Darm-Infektion überstanden oder eine psychisch belastende Situation durchlebt zu haben. Am häufigsten klagen die Patienten über schwer zu lokalisierende Bauchschmerzen und Unwohlsein. Typisch ist auch, dass sich die Beschwerden über den Tag steigern und in der Nacht aufhören.

Da keine organischen Ursachen festgestellt werden können und die Diagnose dadurch erschwert wird, haben Fachärzte auf einer Konferenz in Rom eine Liste von Anzeichen aufgestellt, die für das Reizdarm-Syndrom typisch sind. Mittlerweile wurden die Kriterien zum dritten Mal überarbeitet.

Leicht zu verwechseln Bevor die Diagnose Reizdarm-Syndrom gestellt wird, müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Krankheitszeichen, die gegen den Reizdarm sprechen, sind Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, ein sich mit der Zeit verschlechterndes Krankheitsbild und eine eher kurze Krankheitsgeschichte.

… ebenso Kamille …Foto: © Alina555 / www.iStockphoto.comAuch wenn sich die Symptome durch Stress nicht verschlimmern und in Entlastungssituationen keine Besserung auftritt, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine andere Erkrankung handelt. Nach einer ausführlichen Anamnese und einer eingehenden körperlichen Untersuchung wird der Arzt den Stuhl im Labor auf Blut, Bakterien oder Parasiten untersuchen lassen. Dazu kommt eine Ultraschall-Untersuchung des Bauches (Abdomen-Sonografie) und eine endoskopische Untersuchung des Mast- und/oder Dickdarms (Rektoskopie/Koloskopie). Damit werden die Beschwerden von entzündlichen Darmerkrankungen, wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie Darmkrebs abgegrenzt. Auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie beispielsweise die Laktose-Intoleranz oder die Fruktose-Malabsorption, müssen ausgeschlossen werden.

Keine dauerhafte Heilung Die Therapie ist heute darauf ausgerichtet, die Beschwerden zu lindern und damit die Lebensqualität zu verbessern. Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) stützt sich auf drei Säulen. Neben der medikamentösen Behandlung kommen individuelle Ernährungsmaßnahmen, aber auch Psychotherapie und Entspannungsmethoden erfolgreich zum Einsatz. Eine vierte Säule, die hilfreich sein kann, ist körperliche Bewegung und Fitness. Eine pauschale Therapieempfehlung gibt es nicht, denn es hängt von der Schwere der Erkrankung ab und natürlich davon, welches Symptom (Schmerz, Durchfall, Verstopfung, Blähungen) im Vordergrund steht.

… Kümmel… Foto: © Gabor Izso / www.iStockphoto.comLeidet der Patient am meisten unter Krämpfen und Schmerzen, kann in vielen Fällen mit pflanzlichen Mitteln geholfen werden. Pfefferminze, Kamille, Anis, Fenchel und Kümmel, aber auch Melisse wirken krampflösend, schmerzstillend und beruhigend auf die Verdauungsorgane, teilweise auch entblähend und entzündungshemmend. Gegen starke Krämpfe werden Spasmolytika, wie Butylscopolamin, Mebeverin oder Trospiumchlorid eingesetzt. Sie entspannen die verkrampfte Muskulatur. Manche Präparate enthalten eine Kombination mit Schmerzmitteln. Auch für Antidepressiva in niedriger Dosierung wurde eine schmerzstillende Wirkung beim Reizdarm-Syndrom nachgewiesen.

Trizyklische Antidepressiva, wie Amitriptylin, Doxepin oder Trimipramin wirken nicht nur auf Neurotransmitter, wie Serotonin, im Gehirn, sondern auch am Darm. Im Gehirn wirken sie psychomotorisch dämpfend, auf den Darm beruhigend und schmerzstillend. Auch die Transitzeit des Kots im Dickdarm wird verlängert, was von Reizdarm-Patienten mit Durchfällen geschätzt wird.

Spricht ein Patient nicht ausreichend auf trizyklische Antidepressiva an, können die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Paroxetin oder Fluoxetin verordnet werden. Arzneistoffe, die direkt am Serotonin-Rezeptor angreifen, sind bisher in Deutschland noch nicht für die Indikation Reizdarm-Syndrom zugelassen. In USA wurden mehrere Substanzen wegen schwerer kardiovaskulärer Nebenwirkungen vorüber gehend vom Markt genommen und nur unter strengen Auflagen wieder zugelassen.

Stehen Durchfälle im Vordergrund, werden Loperamid, aber auch Gerbstoff-Präparate und Elektrolytlösungen eingesetzt. Eine längerfristige Behandlung mit Loperamid sollte mit dem Arzt besprochen werden. Bei Verstopfungen helfen die gängigen Abführmittel, wie Macrogole, Bisacodyl, Natriumpicosulfat, aber auch Glycerol-Zäpfchen und Klistiere. Quell- und Ballaststoffe können ebenso wie Laktulose zu Blähungen führen und eignen sich daher nicht für jeden Reizdarm-Patienten.

Allerdings wird mit Flohsamenschalen über gute Erfolge sowohl bei Durchfällen als auch bei Verstopfung berichtet. Durch sein großes Wasserbindevermögen wird wässriger Stuhl formbar und die Darmpassage verlängert. Dies ermöglicht den Einsatz bei Diarrhoe. Bei der Obstipation dagegen bewirkt die Aufnahme von Wasser wegen des größeren Stuhlvolumens einen Dehnungsreiz, was die Darmpasse verkürzt. Gleichzeitig bleibt der Stuhl weich.

Darmgase sind ein natürliches Nebenprodukt der Verdauung, können aber beim Reizdarm- Syndrom sehr unangenehm werden und auch Schmerzen verursachen, wenn sie sich als Gas ansammlung im Darm festsetzen. Leidet der Betroffene unter den Blähungen, dann helfen entschäumende Medikamente, wie Simeticon oder die bereits genannten Pflanzen mit ätherischen Ölen.

Simeticon erniedrigt die Oberflächenspannung der Gasblasen und lässt sie zusammenfließen, sodass sie leichter weiter transportiert und ausgeschieden werden können. Da der Wirkstoff nicht resorbiert, sondern unverändert ausgeschieden wird, kann er bedenkenlos über längere Zeiträume eingenommen werden.

… Pfefferminze. Foto: © eyewave / www.fotolia.comWärme hilft Alles, was Stress abbaut und zur Entspannung beiträgt, kann die Beschwerden des Reizdarmes lindern. Dies sind zum einen ausreichende Ruhephasen und die Vermeidung von Stress, aber auch Entspannungstechniken, wie autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. In schwierigen Lebenssituationen können Gesprächs- oder andere Formen der Psychotherapie helfen.

Andererseits kann auch schon eine heiße Tasse Tee (am besten Kümmel, Fenchel, Anis), in Ruhe genossen, den Schmerz kurzfristig lindern. Wärme wirkt generell entspannend. Eine heiße Wärmflasche oder ein Leibwickel wirken entspannend, vor allem zusammen mit einem guten Buch auf dem Sofa. Günstig wirken sich auch Atemübungen aus, mit gleichmäßiger Atmung tief in den Bauch hinein. Vielen Reizdarm-Geplagten hilft auch regelmäßige körperliche Bewegung. Sport aktiviert den Darm und ermöglicht, mit den Beschwerden besser zu recht zu kommen.

Gute Keime In unserem Darm siedeln etwa 100 Billionen Mikroorganismen, bestehend aus bis zu 500 verschiedenen Arten. Sie leben untereinander und mit uns in Symbiose. Vor allem E.coli- Bakterien, die meist als erstes den zunächst sterilen Säuglingsdarm besiedeln, schaffen die richtigen Lebensbedingungen für unsere physiologische Darmflora. Im Dickdarm befinden sich wesentlich mehr Bakterien als im Dünndarm. Diese Mikroflora ist an der Abwehr von Krankheitserregern, der Verdauung und Darmperistaltik und der Versorgung mit Vitaminen beteiligt.

Beim mikrobiellen Abbau von Kohlenhydraten aus für uns unverdaulichen Ballaststoffen entstehen kurzkettige Carbonsäuren, wie Propion- und Buttersäure. Diese sind wichtig für die Anregung der Darmperistaltik und die Versorgung des Darmepithels mit Energie. Patienten, die mit Antibiotika behandelt wurden, haben ein dreimal höheres Risiko, ein Reizdarm-Syndrom zu entwickeln, auch wenn die Therapie schon länger zurück liegt. Antibiotika können nicht zwischen Darmflora und pathogenen Keimen unterscheiden. Sie schädigen auch die schützenden Bewohner unseres Darmes.

ALLGEMEINE ERNÄHRUNGS-TIPPS BEI RDS
Bei vielen Reizdarm-Patienten löst Essen starke Beschwerden aus. Dennoch ist es sehr unterschiedlich, worauf der einzelne reagiert, weshalb es auch keine spezielle Reizdarm-Diät gibt. Sinnvoll ist das Führen eines Tagebuches, um festzustellen, was man nicht verträgt.
- Keine großen Portionen essen, lieber mehrere kleine am Tag.
- Immer frühstücken.
- Nicht hastig zwischendurch oder in Stresssituationen essen.
- Keine unangenehmen Debatten während der Mahlzeiten.
- Gut kauen.
- Genussmittel, wie Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke sowie Zigaretten nur in Maßen oder  
  ganz meiden.
- Sparsam umgehen mit sehr fetten Speisen, Kohl und Hülsenfrüchten sowie starken Gewürzen.
- Reichlich trinken.

Auch wenn man einem Reizdarm-Syndrom nicht vorbeugen kann, ist daher eine „darmfreundliche“ Ernährung mit Sauermilchprodukten, wie Buttermilch, Joghurt oder Kefir einen Versuch wert. Die durch die Gärung entstandene Milchsäure beeinflusst die Darmflora günstig und erschwert die Besiedlung des Darmes mit unerwünschten Keimen. Die Gabe probiotischer Keime kann die Beschaffenheit des Stuhls beeinflussen – ein Therapieansatz, den der Freiburger Hygieniker Professor Alfred Nissle schon 1920 zur Behandlung verschiedener Darmerkrankungen empfahl.

Ihr Rat ist gefragt Das Reizdarm-Syndrom ist zwar nicht gefährlich, beeinträchtigt die Lebensqualität jedoch häufig stark. Zudem sind die Beschwerden chronisch und können dem Betroffenen das ganze Leben erhalten bleiben. Ursächlich behandeln lässt sich die Erkrankung bislang nicht, allerdings können mit der richtigen Lebensweise und Therapie die Beschwerden gelindert werden. Geben Sie Ihren betroffenen Kunden die notwendigen Informationen an die Hand, nur dann haben sie die Möglichkeit, aus der Fülle von Ansätzen die für sie individuell beste Behandlungs- oder Verhaltensmethode auszuwählen.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 08/10 ab Seite 28.

Sabine Bender, Redaktion

Stichworte: Bauchhirn, Blähungen, Darmbakterien, Durchfall, Reizdarm, Verdauung, Verstopfung

Weitere Informationen

Zur Übersicht

  • Facebook
  • Twitter
  • delicious
  • MisterWong
  • stumbleupon
  • Google
  • Reddit
  • Digg
  • Technorati
  • Newsvine
  • Windows
  • Yahoo!
  • RSS