PKA-Juli/August

Fortbildung: Mit Kompression punkten

Abbildung © Eurocom © Eurocom

Allein in Deutschland leiden mehr als 40 Millionen Menschen an einer Venenerkrankung. Die Beratung zu Reise- und Stützstrümpfen das Anmessen von Kompressionsstrümpfen sind gute Profilierungsmöglichkeit für PKAs.

Als Mittel zur Krankenpflege im Sinne des § 25 Nr. 2 Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) dürfen medizinische Kompressionsstrümpfe und Kompressionsstrumpfhosen in der Apotheke in den Verkehr gebracht werden. In manchen Apotheken wird von dieser Möglichkeit rege Gebrauch gemacht. Allerdings dürfen Kompressionsstrümpfe nur in einem Umfang angeboten und feilgehalten werden, der den ordnungsgemäßen Betrieb der Apotheke und den Vorrang des Arzneimittelversorgungsauftrags nicht beeinträchtigt (§ 2 Abs. 4 ApBetrO).

Da Beratung, Bestellung, insbesondere das Anmessen von Kompressionsstrümpfen (eventuell mit Hausbesuch) aber vergleichsweise zeitaufwendig sind, können Sie sich durch das Aneignen dieses speziellen Fachwissens profilieren, das übrige Apothekenpersonal entlasten und eventuell sogar ein Alleinstellungsmerkmal erreichen.

Venenleiden-Fakten 32 Millionen leiden an leichten Venenbeschwerden, ersten Besenreisern, so Hochrechnungen von Venenstudien. Viele wissen von ihrer Erkrankung noch nichts. Dank ärztlicher Behandlung ist aber gesichert, dass acht Millionen ausgeprägte Krampfadern, acht Millionen eine fortgeschrittene chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) mit Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe (Ödeme) aufweisen, 1,3 Millionen davon sogar ein Unterschenkelgeschwür beziehungsweise offenes Bein (Ulcus cruris) haben. Unbehandelt können Thrombosen bis hin zu lebensgefährlichen Embolien, insbesondere Lungenembolien auftreten.

Dabei löst sich ein Blutpfropf (Gerinnsel) oder ein Stück davon, wird über die untere Hohlvene zum rechten Herzen transportiert, von dort zum Hauptstamm der Lungenarterien gepumpt. Die Arterie wird verschlossen, in der Lunge findet keine Sauerstoffaufnahme mehr statt, Atemnot, Herzrasen, atemabhängige Brustschmerzen und Husten, oft mit blutigem Auswurf sind Folge und in vielen Fällen tödlich. Die Risikofaktoren für all diese Venenerkrankungen sind die gleichen: Familiäre Veranlagung, weibliches Geschlecht – 73 Prozent aller Betroffenen sind Frauen –, Übergewicht, stehender oder überwiegend sitzender Beruf und Sport wie Body-Building und Kampfsportarten.

Daneben spielen eine erhöhte Blutungsneigung, Schwangerschaft, lange Reisen mit Flugzeug, Auto oder Bahn (Reisethrombose) sowie Bettlägerigkeit eine Rolle. Durch den gestörten Blutrückfluss bei allen Venenleiden werden die betroffenen Gefäße allmählich geweitet, sodass sich die Venenklappen, die Ventilfunktion haben und damit für den Rücktransport des Blutes zum Herzen mitverantwortlich sind, nicht mehr richtig schließen. Das Blut staut sich, Flüssigkeit sammelt sich im Zwischenzellraum an (Ödeme) und Stoffwechselprodukte werden nicht mehr abtransportiert.

Erste Warnsignale – wenn die folgenschweren Veränderungen im tiefen Beinvenensystem von außen noch nicht sichtbar sind – sind müde, schwere Beine, geschwollene Knöchel, Kribbeln, Jucken bis hin zu stechenden Schmerzen.

Druck von außen Grundlage jeder Therapie und aller Vorbeugemaßnahmen sind Gewichtsreduktion, körperliche Bewegung, etwa durch Übungen zum Training der Wadenmuskelpumpe, Vermeidung von langem Sitzen oder Stehen und häufiges Hochlagern der Beine. Den höchsten Stellenwert bei allen Venenerkrankungen hat die Kompressionstherapie mittels Kompressionsstrümpfen oder Kurzzugbinden. Diese umschließen das Bein rundum mit festem Druck, sodass die erweiterten Venen verengt werden und die Venenklappen sich wieder besser schließen.

Dabei sind zum Funktionsverständnis die Begriffe Ruhedruck und Arbeitsdruck entscheidend. Der Ruhedruck liegt bei ruhig liegendem Bein vor, der Arbeitsdruck bei Bewegung des Beines. Bei Kompressionsstrümpfen ist ein möglichst hoher Arbeitsdruck bei niedrigem Ruhedruck und hohem Tragekomfort sinnvoll. Die Wadenmuskelpumpe kann die Beinvenen auspressen, in der Entspannungsphase zirkuliert das Blut frei, wobei durch den hervorgerufenen Sog die Rückflussgeschwindigkeit des venösen Blutes zum Herzen steigt, was einer Thromboseentstehung entgegenwirkt.

Die Muskelpumpen erhalten ein festes Widerlager, die Stoffwechselvorgänge im Bein werden günstig beeinflusst, Ödeme verschwinden, Unterschenkelgeschwüre können besser abheilen. Dabei wird die Strömungsgeschwindigkeit des venösen Blutes stärker gefördert, wenn die Kompression von distal nach proximal, also vom Knöchel über den Unterschenkel bis zum Oberschenkel, kontinuierlich abnimmt.

Anlegen eines Kompressionsverbandes Bei einem akuten Schwellungszustand der Beine muss immer zunächst ein Ausschwemmen durch eine gezielte Kompressionstherapie der Beine mit Binden erfolgen. Gewickelt wird am möglichst entstauten Bein, optimal morgens vor dem Aufstehen, ansonsten nach mindestens 30minütiger Bein-Hochlagerung, mit einem Druckgefälle abnehmend von herzfern zu herznah.

Sehr weit verbreitet ist hierbei die Verbandtechnik nach Pütter mit zwei am Unterschenkel gegenläufig übereinander gelegten Binden, da diese Technik vergleichsweise einfach durchzuführen ist und bei korrektem Anlegen keine Einschnürungen verursacht. Der therapeutisch wirksame Druck dieses Kompressionsverbandes hängt von den Eigenschaften des Bindematerials und der Anlegetechnik ab. Material mit einem hohen Arbeits- und einem niedrigen Ruhedruck weisen die nur noch selten angewandten unnachgiebigen Zinkleimbinden und Kurzzugbinden mit einer Dehnfähigkeit von 50 bis 90 Prozent auf.

Stützstrümpfe Diese und straffende Strumpfhosen sind feingewebte modische Textilstrümpfe, die ihre Stützkraft durch hochelastische Textilfasern erzielen. Der Druck auf das Bein ist am Fuß am größten und nimmt zum Oberschenkel hin ab. Stützstrumpfhosen für Schwangere sind zudem mit einem eingearbeiteten, verstellbarem Leibbund versehen. Zur Unterstützung der Venentätigkeit, etwa bei ungenügender Druckleistung der Beinmuskulatur, zur Varizen-Prophylaxe bei stehenden Berufen, Bindegewebsschwäche, Übergewicht oder allgemein einer Schwangerschaft ab dem dritten Monat, auch zur Thrombose-Prophylaxe bei Langstreckenflügen oder einer längeren Reise per Auto beziehungsweise Bahn sind diese Strümpfe bei Personen ausreichend, die sonst noch keine Bein-Venenprobleme kennen. Auch Anti-Embolie-Strümpfe, manchmal Thromboseprophylaxestrümpfe genannt, die prä- und postoperativ im Krankenhaus getragen werden müssen, beziehungsweise Venen-Nachtstrümpfe gehören in diese Kategorie.

Kompressionsstrümpfe und -strumpfhosen Reicht die Kompression derartiger Stützstrümpfe nicht aus, werden zur Behandlung von Venenleiden medizinische Kompressionsstrümpfe beziehungsweise -strumpfhosen angewandt, die sich durch einen voneinander unabhängigen Längs- und Querzug (Zweizugkompression) auszeichnen. Beträgt der Druck am Knöchel 100 Prozent, so nimmt er von herzfern zu herznah kontinuierlich ab, um am Knie bei 70 Prozent, am Oberschenkel bei 50 Prozent, am Schritt bei 40 Prozent und im Hosenteil der Strumpfhose bei nur noch 20 Prozent zu liegen.

Während bei der Kompressionsbinde die Druckwirkung abhängig von Bindenmaterial und Wickeltechnik ist, werden die Drücke eines Kompressionsstrumpfes durch das verarbeitete Material und angewandte Stricktechnik bestimmt. Moderne Ausführungen mit Mikrofasern sind atmungsaktiv, sehr fein, farblich gut abgestimmt und erinnern in Optik und Tragekomfort eher an normale Strumpfhosen als an harte, braune Gummistrümpfe. Erstattungsfähig sind nur Produkte, die das RAL-Gütezeichen tragen.

Je nach Grad der Erkrankung können vier verschiedene Kompressionsklassen für Strümpfe gewählt werden, wobei Kompressionsklasse 2 am häufigsten von Ärzten verordnet wird. Übrigens: Die auf den Kompressionsstrumpfpackungen meist deutlich sichtbar aufgeführte Einheit den (Denier) charakterisiert die Blickdichte der Strümpfe und ist keine Maßeinheit für die Kompressionswirkung. Meist verordnet werden Halbschenkelstrümpfe, Schenkelstrümpfe oder Strumpfhosen, es gibt aber auch Socken, Wadenstrümpfe und Kniekappen.

Die Strümpfe müssen nach exaktem Vermessen am abgeschwollenen Bein des stehenden Patienten meist bestellt werden. Anhand einer bundeseinheitlichen Richttabelle für Kompressionsstrümpfe und -strumpfhosen werden die Seriengrößen I bis V ermittelt. Bei außergewöhnlicher Körpergröße oder Beinform, bei speziellen Druckanforderungen oder unterschiedlichen Kompressionsklassen beider Beine kann eine Strumpf-Sonderanfertigung notwendig sein.

Da durch die Kompressionsbehandlung die Symptome nur physikalisch unterdrückt werden, nicht jedoch die Ursache behoben wird, müssen die Strümpfe täglich direkt morgens zum Aufstehen angezogen und getragen werden. Üblicherweise halten Kompressionsstrümpfe etwa ein halbes Jahr, bis das Gewebe an Festigkeit verliert und die medizinische Wirkung nachlässt. Damit der Stoff beim Anziehen nicht beschädigt wird, sollte den Kunden geraten werden, keinen Schmuck an den Händen zu tragen, sondern Gummihandschuhe zu verwenden, da diese das Greifen und gleichmäßige nach oben Abrollen des Strumpfes erleichtern, ohne ihn zu überdehnen. Regelmäßiges Strümpfe-Waschen ist nicht nur aus hygienischen Gründen wichtig, es stellt auch die Festigkeit der durch das Tragen geweiteten Strümpfe wieder her.

Rechtliche Hürden Um vom Arzt auf Rezept verschriebene Kompressionsstrümpfe abrechnen zu können, sind apotheken-, sozial- und vertragsrechtlichen Grundlagen, wie die Teilnahme am entsprechenden Hilfsmittelliefervertrag, zu beachten. Hierzu muss auch ein meist eintägiges Qualifikationsseminar, das den Empfehlungen der Spitzenverbände der Krankenkassen zur einheitlichen Anwendung der Zulassungsbedingungen gemäß § 126 SGBV sowie den detaillierten Vereinbarungen des Verbandes der Angestellten Krankenkassen (VdAK)-Vertrages Anlage 2 (Anhang A-I) entspricht, absolviert werden. Saison für Venen-Marketing Insbesondere in den Sommermonaten sind Marketingaktionen zum Themengebiet „Gesunde Beine“ mit Venenfunktionstest-Messungen via Licht-Reflexions-Rheographie (LRR) sinnvoll.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 07/10 ab Seite 40.

Dr. Eva-Maria Stoya

Stichworte: Kompressionsstrumpf, Venen, Ödeme

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