PTA-Thema Mai 2010: Der Preis der Evolution

Fortbildung: Rückenschmerzen und Verspannungen

Abbildung © Christian Leynaud / www.fotolia.com © Christian Leynaud / www.fotolia.com

Bei Vierfüßlern verläuft die Wirbelsäule horizontal, die Belastung ist weitgehend gleichmäßig über die ganze Länge verteilt. Seitdem der Mensch aufrecht geht, sind Rückenschmerzen keine Seltenheit.

Unser Rücken setzt sich aus Muskeln, Knochen, Bandscheiben, Bändern und Gelenken zusammen. Nicht zu vergessen sind das besonders empfindliche Rückenmark und die davon ausgehenden Nerven. Die Wirbelsäule befähigt uns zur aufrechten Haltung. Sie ist das Zentrum des Rückens. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Beschwerden im Rücken von der Wirbelsäule ausgehen. Eine richtige Säule ist sie allerdings nicht, eher eine Kette aus insgesamt 24 einzelnen, in unterschiedlicher Weise gegeneinander beweglichen Wirbeln. Dazu kommen Kreuzbein und Steißbein, bei denen jeweils zehn Wirbelknochen zu einem Block verschmolzen sind.

Man kann die Wirbelsäule in drei Abschnitte einteilen. Die Halswirbelsäule (HWS) besteht aus sieben Wirbeln. Daran schließt sich die Brustwirbelsäule (BWS) an. Sie ist mit zwölf Wirbeln der längste Teil der Wirbelsäule. Die Lendenwirbelsäule (LWS) besitzt nur fünf Wirbel. Betrachtet man die Wirbelsäule von der Seite, so fällt ihre Doppel-S-Form auf. Im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule ist sie nach vorne gebogen. Dies bezeichnet man als Lordose.

Die Brustwirbelsäule sowie das Kreuz- und Steißbein weisen eine Krümmung nach hinten auf. Man nennt das Kyphose. Bei einem Hohlkreuz ist die Lendenlordose zu kräftig ausgeprägt, bei einem Buckel ist die Brustkyphose zu stark. Die Doppel-S-Form wirkt beim Laufen oder Springen wie eine elastische Feder. Der Stoß wird durch Verstärkung der Krümmung und anschließendes Wiederaufrichten abgedämpft. Andernfalls würde der Stoß ungebremst auf den Kopf übertragen. Hier zeigt sich: Die Wirbelsäule funktioniert nur in ihrer Gesamtheit.

DREI TIPPS FÜR DIE WIRBELSÄULE, DIE SIE VIELLEICHT NOCH NICHT KENNEN:
Nicht auf dem Bauch schlafen

Man wird nämlich geradezu ins Hohlkreuz gedrückt, wenn man auf dem Bauch liegt. So findet keine Entlastung der Lendenwirbelsäule statt.
Keine hohen Absätze tragen
Das Gehen auf den Zehenspitzen ist anstrengend.Der Körper muss diese Haltung ausgleichen und fällt ins Hohlkreuz.
Keine nach hinten geneigte Sitzfläche benutzen
Es verführt zu einer passiven Körperhaltung. Das Becken wird gekippt und der Rücken wird rund. Günstig ist die Benutzung eines Sitzkeiles, denn dabei wird die Lendenwirbelsäule aufgerichtet. Allerdings muss man sich langsam daran gewöhnen, sonst besteht die Gefahr, dass die Muskulatur zu schwach ist und man doch wieder ins Hohlkreuz fällt.

Das Bewegungssegment Es besteht aus zwei benachbarten Wirbeln und der dazwischen liegenden Bandscheibe und ist die kleinste Einheit der Wirbelsäule. Der Wirbelknochen selbst ist aus verschiedenen Einzelteilen aufgebaut. Der kräftige, zylinderförmige Teil ist der Wirbelkörper. Seine Aufgabe ist es, schwere Lasten zu tragen. Je mehr Last er trägt, umso größer und stärker ist er gebaut. Entsprechend ist der unterste Lendenwirbel der größte, während die Wirbelkörper der Halswirbelsäule kleiner und schwächer sind. Sie müssen ja lediglich den Kopf tragen.

Auf der Rückseite des Wirbelkörpers befindet sich der halbkreisförmige Wirbelbogen. Der Hohlraum im Halbkreis ist ein Teil des Wirbelkanals, der, wenn man die Wirbelsäule wieder als Gesamtheit betrachtet, wie ein langes Rohr von oben nach unten geht und das weiche, verletzliche Rückenmark enthält. Zwischen den Wirbelkörpern treten auf beiden Seiten die Spinalnerven aus. Sie versorgen den gesamten Körper. Vom Wirbelbogen gehen nach rechts, links, oben und unten insgesamt sieben Fortsätze ab. Der Dornfortsatz zeigt direkt nach hinten und ist am Rücken tastbar und auch sichtbar.

Gelenke im Rücken Die Wirbelkörper werden im hinteren Teil durch Wirbelgelenke verbunden. Sie arbeiten wie eine Kupplung zwischen den Wirbeln und verhindern, dass sich die Wirbelkörper zu weit aufein ander zu bewegen. Gleichzeitig legen sie die Bewegungsrichtung der Wirbelsäule fest. Die Wirbelgelenke sind nicht in jedem Abschnitt der Wirbelsäule gleich. Deshalb hat beispielsweise die Halswirbelsäule eine andere Beweglichkeit als die Brust- oder Lendenwirbelsäule.

Im Bereich des Halses sind Vorwärts-, Rückwärts-, Rechts- und Linksneigung und sogar Drehen möglich. In der Brustwirbelsäule ist die Beweglichkeit am geringsten. Im Prinzip sind auch die Gelenke der Wirbelsäule wie alle anderen Gelenke aufgebaut. Die knöcherne Grundstruktur ist von weichem Knorpel umgeben und das Ganze wird von einer Gelenkkapsel umschlossen. Zwischen den Gelenkknorpeln befindet sich die Gelenkschmiere. Auch in den Wirbelgelenken können arthrotische Veränderungen stattfinden. Zunächst raut die Oberfläche im Bereich des Knorpelüberzuges auf, später kann es zu Deformationen des knöchernen Anteils kommen.

Muskeln und Bänder An den Fortsätzen der Wirbel setzen die kräftigen Rückenmuskeln an. In Summe sind es mehr als 300 Einzelmuskeln, die eine koordinierte Bewegung unserer Wirbelsäule und damit unseres Rückens überhaupt erst ermöglichen. Auch zur Stabilisierung ist die Muskulatur notwendig. Andernfalls käme es bereits bei leichtem seitlichem Anstoßen zu einer Verschiebung der Wirbel gegeneinander. Die Rückenmuskulatur alleine reicht jedoch nicht aus, auch kräftige Bauchmuskeln sind notwendig.

In passiver Haltung, wenn die Muskulatur erschlafft, übernehmen die Wirbelsäulenbänder die Stabilisierung. Behält man diese passive Haltung, egal ob im Sitzen, Stehen oder Liegen, über längere Zeit bei, so werden die Bänder überlastet und reagieren an ihren Ansatzstellen mit Schmerzen.

Die Bandscheiben Sie bestehen aus einem weichen Gallertkern, der von einem faserigen Hüllgewebe umgeben ist. Die gallertige Masse ist stark wasseranziehend. Je mehr Wasser der Kern aufsaugt, umso praller und damit fester wird er. Der Faserring ist wie eine Zwiebel aus mehreren Schichten aufgebaut. Die inneren Schichten sind noch relativ weich und verletzlich, nach außen werden sie zunehmend fester. So wird der weiche Kern optimal geschützt und hat gleichzeitig die Möglichkeit, einseitigen Belastungen in gewissem Rahmen auszuweichen. Blutgefäße fehlen der Bandscheibe völlig. Die Versorgung mit Nährstoffen und die Entsorgung von Stoffwechselendprodukten geschehen durch Aufsaugen und Auspressen von Flüssigkeit.

Beim Liegen nimmt die Bandscheibe Flüssigkeit auf, im Stehen oder Sitzen wird die Flüssigkeit herausgepresst. Nur der ständige Wechsel zwischen Auspressen und Aufsaugen kann die notwendigen Stoffwechselvorgänge erhalten und die Bandscheibe ernähren. Dauerhaftes Liegen ist für die Bandscheiben genauso schädlich wie dauerhaftes Stehen. Hat die Bandscheibe einen mittleren Wassergehalt, dann ist sie fest, aber noch elastisch. So kann sie ihre Aufgabe, nämlich das Dämpfen von Stößen, am besten erfüllen.

Verschleißerscheinungen Leider gehen die wasserbindenden Substanzen der Bandscheibe mit zunehmendem Alter immer mehr verloren. Schon ab dem 30. Lebensjahr beginnt dieser Prozess. Durch den Verlust ihrer Quellfähigkeit wird die Bandscheibe zunehmend flacher. Jetzt werden die Wirbelgelenke immer mehr aufeinander gepresst. Die Knorpeloberflächen sind dieser Belastung nicht gewachsen und werden aufgeraut. Man spricht von Bandscheiben- und Wirbelgelenkverschleiß. Zu spüren ist dies am typischen tief sitzenden Kreuzschmerz. Wenn es gleichzeitig zu Deformationen der Öffnungen kommt, durch die die Nerven austreten, dann schmerzt der Rücken dauerhaft. Kälte und Wetterumschläge werden als besonders unangenehm wahrgenommen.

Bandscheibenvorfall Auch die Fasern des Hüllgewebes der Bandscheibe verlieren im Alter ihre Festigkeit und werden brüchig. Das wiederum führt dazu, dass der Gallertkern keinen festen Halt mehr hat und durch einseitige Belastung nach außen gedrückt werden kann. Durch ständige Fehlbelastung kann der Gallertkern sogar schon in jungen Jahren gelockert werden. Ist das Hüllgewebe außen noch intakt, dann verlagert sich der Gallertkern nur vorübergehend. Das Hüllgewebe wölbt sich hervor. Man spricht von einer Protrusion.

Sind Hüllgewebe und Gallertkern noch elastisch genug, dann verschwindet die Vorwölbung bei Entlastung wieder. Sind sie jedoch zerschlissen und mürbe, dann bleibt die Vorwölbung bestehen. Nach vorne und zur Seite ist genügend Platz, sodass dies symptomlos verläuft. Weicht die Bandscheibe jedoch nach hinten in Richtung Rückenmark aus, führt dies zu Schmerzen entlang der Nervenbahnen. So kann es beispielsweise zu Ischiasschmerzen kommen.

Bei fortgeschrittenem Verschleiß des Hüllgewebes reicht dann schon eine falsche Belastung und der Gallertkern sprengt das Hüllgewebe und springt aus seiner Hülle heraus. Jetzt handelt es sich um einen Prolaps oder Bandscheibenvorfall. Der Vorgang ist irreversibel und die Bandscheibe hat damit ihre Funktion völlig verloren. Häufig gerät dadurch der betroffene Nerv unter massiven Druck. Dies äußert sich durch Empfindungsstörungen oder gar Taubheit im Bereich des betroffenen Nervs. Auch Reflexe können ausfallen.

Hat es beispielsweise die unterste Bandscheibe erwischt, so kann es zu einem Taubheitsgefühl an der Außenseite von Ober- und Unterschenkel kommen. Bei noch stärkerem Druck auf den Nerv sind auch Muskellähmungen bekannt. Zunächst handelt es sich nur um eine Abschwächung der Muskelkraft, bei starkem Druck ist eine vollständige Lähmung möglich. Besonders dramatisch ist es, wenn Blasen- und Darmnerven gelähmt sind und damit nicht mehr kontrolliert werden können.

Der Bandscheibenvorfall tritt am häufigsten an der Lendenwirbelsäule auf. Dafür gestaltet sich die Behandlung des Vorfalls an der Halswirbelsäule wesentlich schwieriger, denn hier laufen Nerven und Blutgefäße sehr dicht beieinander und es kommt schneller zu Einengungen, die mit starken Schmerzen verbunden sind.

Verspannungen Nicht jeder Rückenschmerz ist ein Bandscheibenvorfall und auch gequetschte Nerven sind nur selten die Ursache für die Beschwerden. In den meisten Fällen sind es ganz einfach Muskelverspannungen, die in der Nähe gelegene Nerven reizen. Auch dies ist teilweise durch Alterungsprozesse bedingt. Trocknen nämlich die Bandscheiben aus, dann kommt es zu einer Lockerung im Bewegungssegment. Die Wirbelsäule wird instabil. Der Körper reagiert reflektorisch mit einem Anspannen der Rückenmuskulatur, um die Instabilität zu beseitigen und die Wirbelsäule zu stützen.

Natürlich verstärken Fehlhaltungen oder Fehlbelastungen das Geschehen. Sogar psychische Belastungen können Rückenschmerzen durch Verspannung der Muskulatur auslösen oder zumindest an ihrer Entstehung mitwirken. Man geht davon aus, dass über 90 Prozent der Rückenschmerzen durch Muskelverspannungen ausgelöst werden.

Ein Teufelskreis Bei Verspannungen und Blockaden im Rücken ist es manchmal unmöglich, die Muskulatur bewusst zu entspannen. Der Nerv wird also weiter gereizt, was wiederum zu einem vermehrten Anspannen der Muskeln führt. In sehr hartnäckigen Fällen bilden sich so genannte Triggerpunkte. Dies sind Verhärtungen der Muskulatur, die immer wieder Schmerzen auslösen, wenn sie nicht aufgelöst werden. Es gilt also, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Mit einer raschen Schmerzlinderung kann sich der Betroffene schnell wieder bewegen und die Muskulatur entspannen. Für die Selbstmedikation können Sie Ihren Kunden Analgetika, wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac oder Naproxen, empfehlen. Besonders geeignet sind Substanzen mit antiphlogistischer Wirkkomponente. Vergessen Sie jedoch nicht, bei der Auswahl des Wirkstoffes nach den Kontraindikationen zu fragen.

So ist beispielsweise Paracetamol für Personen mit schweren Leber- und/ oder Nierenfunktionsstörungen ungeeignet. Frauen im letzten Drittel der Schwangerschaft dürfen gar keine der genannten Substanzen einnehmen. In diesem Fall können Sie die Anwendung von Wärme empfehlen. Auch alle anderen Betroffenen profitieren von einem Wärmekissen, einem Rheumapflaster oder einer Rheumasalbe.

Wärme löst die Verspannungen. Natürlich muss vor der Empfehlung generell geklärt werden, ob eine andere Ursache für die Schmerzen zu Grunde liegen kann und Sie dem Kunden daher besser zum Arztbesuch raten. Mit den genannten Analgetika können die Schmerzen allerdings bis dahin gelindert werden. Auch der Arzt wird, sofern sonst kein Auslöser für die Rückenschmerzen zu finden ist, zunächst symptomatisch behandeln.

Hexenschuss
Unter einer Lumbalgie (oder Lumbago) versteht man den akuten, heftigen, stechenden Kreuzschmerz, der meist durch Drehbewegungen beim Heben, Bücken oder einfach beim Aufrichten ausgelöst wird. Dabei werden die Nerven, die die Wirbelsäule selbst versorgen, gereizt. Die Spinalnerven, die den übrigen Körper versorgen, sind nicht betroffen, weshalb ein Hexenschuss auch nicht im Bein schmerzt.

Nur nicht schonen Trainierte Muskeln stabilisieren die Wirbelsäule, daher ist Bewegung das A und O zur Vorbeugung und auch zur Behandlung der meisten Fälle von Rückenschmerzen. Schonhaltung dagegen führt zu weiteren Verspannungen. Lediglich bei akuten Bandscheibenvorfällen oder anderen Beschwerden, bei denen die Gefahr besteht, dass Nerven dauerhaft geschädigt werden, ist Vorsicht geboten. Aber sogar hier wird heute zu maßvoller Bewegung geraten.

Radfahren (jedoch nicht mit einem Rennradlenker!), Schwimmen und Gymnastik sind ideale Sportarten, um den Rücken zu trainieren. Wichtig ist aber auch das Training der Bauchmuskeln, denn nur, wenn Rücken- und Bauchmuskulatur im Gleichgewicht stehen, kann die Wirbelsäule optimal gehalten werden. Sehr günstig ist auch der Besuch einer Rückenschule. Hier wird neben muskelaufbauenden Übungen auch rückengerechtes Verhalten in Alltagssituationen erlernt. Besonders Patienten mit chronischen Rückenschmerzen müssen auf eine korrekte Körperhaltung achten.

Das sind nicht wenige, denn bei jedem zehnten Rückenschmerz-Patient chronifizieren die Beschwerden. Weitere sehr hilfreiche Behandlungsverfahren sind Osteopathie, Chirotherapie und Akupunktur. Krafttraining stärkt ebenfalls die Muskulatur, sollte aber nur mit ärztlicher Erlaubnis und unter fachkundiger Anleitung ausgeübt werden.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 05/10 ab Seite 36.

Sabine Bender

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