Porträt: Dr. Maike Manz

Stillen braucht eine Lobby!

Abbildung © UZV © UZV

Dr. Maike Manz ist bundesweit eine der wenigen Gynäkologinnen, die zuvor als Hebamme gearbeitet haben.

Von dort brachte sie auch ihr Engagement mit, als Still- und Laktationsberaterin nicht nur Schwangere und Mütter, sondern auch die Zertifizierung zum „Babyfreundlichen Krankenhaus“ zu unterstützen.

Montag, halb sieben, Universitätsklinikum Frankfurt am Main, Haus 14, 2. Stock. Die Bänke des kleinen, tristen Hörsaals der Frauenklinik sind gut gefüllt. 12 schwangere Frauen sind alleine gekommen, eine in Begleitung ihrer Mutter, 13 haben ihren Partner an diesem Still-Informationsabend dabei. Vor der Tafel steht eine zierliche Frau in Jeans, grauer Bluse und schwarzer Strickjacke, die dunklen lockigen Haare sind hochgesteckt. Mit warmer, aber fester Stimme stellt sich die 35-Jährige den Anwesenden als Dr. Maike Manz vor, Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe, vorher habe sie als Hebamme gearbeitet. Ihr Ziel dieses Abends: Den anwesenden Frauen die Angst vorm Stillen nehmen und ihnen stattdessen das Selbstbewusstsein vermitteln, zusammen mit ihrem Kind gleichberechtigte Stillpartner zu sein.

VITA
Dr. Maike Manz wird 1975 in Tel Aviv, Israel, geboren und wächst nach der Rückkehr der Familie in München auf. 1994 macht sie ihr Abitur und beginnt 1995 in Tübingen die dreijährige Ausbildung zur Hebamme. Parallel zum Medizinstudium, das sie 1998 an der Frankfurter Universität aufnimmt und 2006 abschließt, übt sie ihre Hebammentätigkeit aus. 2007 fängt sie als Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe an, zuerst in Gelnhausen, dann im Universitätsklinikum Frankfurt. Sie promoviert. 2008 wird sie zertifizierte IBCLC. Sie leitet die Umstrukturierung der Klinik zum „Babyfreundlichen Krankenhaus“ sowie den Still-Informationsabend für werdende Eltern und ist Dozentin auf Kongressen und im Ausbildungszentrum für Laktation und Stillen.

Geburtshelferin mit Leib und Seele Aus dem Wunsch heraus, einen verantwortungsvollen medizinischen Beruf auszuüben, in dem sie mit Frauen, Gebärenden und Familien arbeiten kann, begann Dr. Maike Manz im Januar 1995 zunächst die Ausbildung zur Hebamme – obgleich sie zuvor überlegte, ein Medizinstudium zu beginnen. Heute sei sie dankbar, sagt sie, dass dies keine Entweder-Oder-Entscheidung werden musste. Im Gegenteil, gerade durch ihre Hebammentätigkeit stand es außer Frage, sich als Ärztin auf die Frauenheilkunde zu spezialisieren. Dahinter steckte auch ihr Ehrgeiz, beide beruflichen Qualifikationen zu erlangen, um medizinisch umfassend mit allen Frauen arbeiten zu können und, so formuliert sie es, „keine Fachidiotin“ zu sein, sondern jemand, der auch solide Kenntnisse in den anderen Bereichen der Gynäkologie hat. Dafür war sie bereit, viel zu investieren.

Anstrengende Jahre folgten in Frankfurt am Main, um sowohl das Medizinstudium als auch die Arbeit als angestellte und freiberufliche Hebamme unter einen Hut zu bringen. Doch wer 780 Kilometer den Jakobsweg mit Rucksack bepackt alleine und zu Fuß wandert, der gibt nicht auf. „Gute Organisation ist nicht alles dabei, man muss auch die Motivation haben, wirklich etwas zu wollen“, beschreibt Dr. Maike Manz rückblickend diese Zeit.

Dabei erinnert sie sich auch gerne an Momente wie diesen: „ Ein Anruf einer Frau, die ich als Hebamme in der Nachsorge betreut habe, an einem heißen Hochsommerabend gegen 23 Uhr. Sie hatte solche Schmerzen beim Stillen, war verzweifelt und weinte. Ich konnte sie nicht guten Gewissens auf den Folgetag vertrösten, bin also hingefahren – trotz der Uhrzeit. Fast zwei Stunden lang haben wir die Brust gewärmt, massiert, das Baby angelegt und danach gekühlt. Als ich ging, waren ihre Beschwerden deutlich gebessert und ich verließ ein zufrieden schlafendes Baby, einen wieder entspannten Mann und eine unglaublich erleichterte, dankbare Frau. Solche Momente geben Kraft, anstatt welche zu verbrauchen.“

Das Stillen fördern Trotz des stressigen Klinikalltags engagiert sie sich für ein Thema, das ihr sehr am Herzen liegt: das Stillen. Bereits als Hebamme bemerkte sie, dass dies nur gut funktioniert, wenn sie und ihre Kolleginnen den Frauen „ein im wahrsten Sinne des Wortes gesundes Selbstvertrauen vermitteln können“. Als daher im Jahr 2008 der Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, Professor Manfred Kaufmann, und der Leiter des Schwerpunktes Geburtshilfe und Pränatalmedizin, Professor Frank Louwen, beschlossen, die Qualifikation zum „Babyfreundlichen Krankenhaus“ anzustreben, war Dr. Maike Manz sofort mit im Boot.

Sie und eine ihrer ärztlichen Kolleginnen absolvierten die Zusatzausbildung und das internationale Examen zur „Still- und Laktationsberaterin IBCLC“. Der Titel „International Board Certified Lactation Consultant“ gilt weltweit als „Best Practice“-Modell für die Qualifikation in der Stillberatung und verpflichtet zur regelmäßigen Fortbildung und Rezertifizierung.

„Für mich war es interessant, nach der sehr guten Ausbildung zum Stillen im Rahmen der Hebammenausbildung und der mangelhaften Lehre übers Stillen im Rahmen des Studiums mein Wissen nun auf den aktuellsten Stand gebracht zu bekommen“, erklärt sie. Und Stillexperten wie sie sind dringend nötig.

In den 70er Jahren hatte das Stillen keinen hohen Stellenwert, insbesondere da Babynahrung der Muttermilch überlegen schien. Unterstützung bei Stillproblemen fehlte, sodass aus heutiger Sicht oft zu schnell abgestillt wurde. Erst Anfang der 80er Jahre änderte sich die Einstellung zum Stillen, gerade aus medizinischer Sicht. Viele Programme sorgen seitdem dafür, dass Hebammen, Ärzte und Pflegepersonal sich diesbezüglich weiterbilden – wie zum Beispiel durch das 1985 ins Leben gerufene Examen zum IBCLC.

Auch im internationalen Programm „Babyfriendly Hospital Initiative“, das 1991 von der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem Kinderhilfswerk UNICEF initiiert wurde und „Babyfreundliche Krankenhäuser“ zertifiziert, steht das Stillen im Mittelpunkt der Bemühungen, die Bindung zwischen Eltern und Neugeborenen zu intensivieren.

In Europa haben beim Nachweis spezieller Fähigkeiten und Kenntnisse rund um das Thema Stillen die Deutschen die Nase vorn: 1240 von insgesamt 4545 Still- und Laktationsberatern IBCLC gibt es allein hierzulande – und als eine von ihnen leitet Dr. Maike Manz nun die Umstrukturierung der Universitäts-Frauenklinik zum „Babyfreundlichen Krankenhaus“, von denen es mittlerweile 50 in Deutschland gibt. Dies beinhaltet auch die Weiterbildung ihrer ärztlichen und pflegerischen KollegInnen vor Ort.

Zudem ist sie auch als Dozentin des Ausbildungszentrums für Laktation und Stillen tätig, ferner hält sie Vorträge auf Kongressen wie zuletzt im November 2009 auf dem 7. Deutschen Still- und Laktationskongress in Hamburg. Um von der Arbeit zu entspannen und Kraft zu tanken, singt sie im Chor, trifft sich mit Freunden, treibt Sport und genießt stille Momente des Rückzugs. Am Still-Informationsabend, dessen Leitung sie sich mit ihrer Kollegin teilt und der jeweils am dritten Montag im Monat stattfindet, ist sie aber ganz für die werdenden Mütter da. „Stillberatung muss in der Schwangerschaft losgehen“, erklärt Dr. Maike Manz, „die Frauen und Paare haben ein Anrecht auf fundierte Informationen – und das Stillen klappt häufig besser, wenn gewisse Sorgen erst gar nicht entstehen.“

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Stillen will gelernt sein Und so steht sie mit einer Babypuppe im Arm vor den Schwangeren und gibt ihnen „Take-Home-Messages“ mit, wie sie ihre wichtigsten Anliegen nennt, so zum Beispiel, dass von wenigen Ausnahmen abgesehen jede Frau stillen kann und dass die Bequemlichkeit der Mutter beim Stillen im Vordergrund stehen sollte. Sie erzählt plastisch und mit Humor, sodass selbst ohne Demonstration mit der Babypuppe jeder weiß, was sie meint, wenn sie es auf den Punkt bringt: „Das Kind soll zur Brust und nicht die Brust zum Kind!“

Anatomisches und physiologisches Wissen verbindet sie auf unterhaltsame Weise mit praktischen Tipps, sie bezieht die Zuhörer mit Fragen ein und lässt sich auch selber unterbrechen, wenn, besonders den werdenden Vätern, etwas unklar ist. Dabei nimmt sie jedes Anliegen ernst und erklärt geduldig, was zum Beispiel eine „Saugverwirrung“ ist. Sie redet mit Armen und Händen, geht ein wenig umher und strahlt trotzdem eine Ruhe und Souveränität beim Vortragen aus, dass das Stillen plötzlich kein Mysterium mehr scheint, sondern machbar.

Besonders wichtig ist ihr auch: „Der Alltag mit Stillkind soll ja für die Frauen lebbar bleiben, sie können und sollen nicht wegen des Stillens monatelang isoliert sein! Die WHO empfiehlt sechs Monate ausschließliches Stillen und darüber mit Beikostzufütterung so lange, wie Mutter und Kind das wünschen. Da sollte Stillen in der Öffentlichkeit normal sein. Das Stillen muss ins Leben der Frau passen! Unsere Aufgabe besteht vor allem darin, sie in den ersten Tagen gut zu unterstützen: unser Fachwissen in einer individuell an die Frau angepasste Art und Weise weiterzugeben und ihr so eigene Kompetenz zu erschließen. Dann wird sie auch gerne stillen.“

Die Zeit vergeht viel zu schnell, Dr. Maike Manz muss im Anschluß an den Still-Informationsabend noch zu einem weiteren Termin. „Der Klinikalltag ist anstrengend“, sagt sie. „Aber wo kämen wir hin, wenn sich keiner mehr für Dinge, in denen er etwas zu geben hat, engagieren würde?“

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 05/10 ab Seite 62.

Dr. Petra Kreuter, Redaktion

Stichworte: Babyfreundliches Krankenhaus, Beratung, IBCLC, International Board Certified Lactation Consultant, Laktationsberatung, Maike Manz, Still- und Laktationsberatern IBCLC, Stillberatung, Stillen, Säuglinge

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