Alles mit voller Kraft

Porträt: Maren Valenti

Abbildung © Maren Valenti © Maren Valenti

Mit 29 Jahren erhält eine deutsche Vorzeigesportlerin die Gewissheit, dass sie an einer schweren, bis heute unheilbaren Krankheit leidet: Multiple Sklerose. Doch Maren Valenti nimmt es sportlich und beginnt eine neue Karriere – diesmal als Pop-Art-Künstlerin.

VITA
Maren Valenti wurde am 15. Oktober 1976 in Freiburg/Breisgau geboren. Von klein auf spielte Maren Eishockey und war bald so gut und erfolgreich, dass sie in die Damen-Nationalmannschaft aufgenommen wurde. Als Dreizehnjährige nahm sie 1990 als bislang jüngste Spielerin an einer A-Weltmeisterschaft teil. 1998 trainierte sie vier Wochen mit den Eisbären Berlin und hatte als erste Frau in Deutschland einen Kurzeinsatz bei einem Herrenspiel im Eishockey. 1999 spielte sie regelmäßig mit den Männern des EHC Freiburg in der 2. Bundesliga. Höhepunkt ihrer Karriere waren die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City. 2008 gab Maren Valenti bekannt, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt ist. Heute lebt und arbeitet die gelernte Print- und Mediengestalterin in Mannheim als Pop-Art-Künstlerin.

Draußen ist es kalt, schneeig weiß-grau, ein Januartag ohne Farbe, ohne Konturen. Drinnen ist es mit einem Schlag warm und bunt. Mit knallgrünem Sweatshirt, bunter Mütze und entspanntem Lächeln öffnet Maren Valenti die Tür ihres Ateliers in der Mannheimer Innenstadt, Planquadrat F4. Bilder in satt aufgetragenen, leuchtenden Farben hängen an der Wand, ein Tisch voller Tiegel, Tuben und Pinsel lässt keinen Zweifel daran, dass hier nicht nur ausgestellt, sondern auch gearbeitet wird. Ein Hund ist im Raum, Radiomusik webt den Klangteppich. Wer sich die ehemalige Eishockey-Spielerin als dominant-herbe Walküre vorgestellt hat, wird in seinen Klischeevorstellungen enttäuscht. Sie spricht leise und lässig, aber was sie sagt, sitzt.

Vor und nach der Diagnose Das heutige Leben der Maren Valenti unterscheidet sich enorm von ihrem früheren. Seit frühester Kindheit im Eishockey aktiv, ist sie es gewohnt, mehrmals die Woche zu trainieren, selten zu Hause zu sein, die Wochenenden werden von den Spielen dominiert. Der Wechsel von Verein zu Verein, in Ravensburg, Freiburg, Mannheim, Heilbronn, Esslingen, Bülach (Schweiz), Berlin, dann der große Sprung nach Vancouver und Montreal – all das fällt ihr leicht, zwei Sprachen lernt sie quasi auf dem Eis, wovon Englisch, wie sie sagt, durch viel Praxis besser haften geblieben ist. Doch in der Familie Valenti treibt nicht nur Maren Leistungssport, auch ihr ein Jahr älterer Bruder Sven und ihr Vater widmen ihre Zeit, man kann auch sagen ihr Leben, dem Eishockey, und ihre Mutter ist Eiskunstläuferin.

Über sich und Sven sagt Maren Valenti: „Wir waren immer wie Zwillinge. Zwischen uns gab es keine Konkurrenz, wir haben uns gegenseitig gezogen.“ Der Versuch der Mutter, sie für den Eiskunstlauf zu interessieren, scheiterte. Maren wollte, was ihr Vater und ihr Bruder wollten: Eishockey spielen. Sie ist die bisher erfolgreichste der Familie Valenti: Teilnahmen an vier Europameisterschaften, fünf Weltmeisterschafen. Viermal war sie mit ihren Mannschaften „Deutscher Meister“. 86 Tore und 64 Assists, also Vorlagen, in 164 Länderspielen – eine stolze Bilanz. 2002, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City, gerät diese Karriere im wahrsten Sinne des Wortes ins Wanken. Die erfolgreiche Stürmerin stolpert und fällt unerklärlich oft, die Beine versagen ihr, sie vergibt sichere Torchancen.

Doch zunächst dauern solche Zustände meist nur wenige Sekunden, dann ist sie wieder die ehrgeizige Kämpferin. In diesem Jahr treten auch die ersten Schüttelkrämpfe auf. Es folgen mehrere Jahre voller Zweifel, Hoffnungen, Diagnosen und Gegendiagnosen. Obwohl als Leistungssportlerin immer im Blick von Ärzten, wird Marens Krankheit zunächst nicht erkannt. Und auch sie selbst will es nicht wahrhaben, nicht krank sein, sondern mit umso härterem Training ihre „Fehler“ ausmerzen. Das aber funktioniert nicht. Im Frühjahr 2006 steht fest: Das Eishockey-Ass hat Multiple Sklerose, MS, die tückische Autoimmun-Erkrankung mit den vielen Gesichtern.

Anfangs erhält sie Interferon-Spritzen, die bei ihr schwere Migräne-Attacken auslösen. Sie geht zu einer Heilpraktikerin, die behauptet, sie habe keine MS, und die ihr Schüßler Salze verordnet. Maren setzt die harten Medikamente auf eigene Faust ab, doch die Beschwerden kommen zurück: Schmerzen in Knien und im Rücken, das Zittern fängt wieder an. In dieser Situation wendet sie sich an den Olympia-Stützpunkt in Heidelberg. Die MS-Diagnose wird bestätigt, Maren bekommt wieder Spritzen, wird dann aber auf Infusionen umgestellt, die sie einmal monatlich in einer Praxis erhält und mit denen sie seitdem gut klar kommt.

Auch in dieser Situation übt sie sich im Fair Play. „Ich mache keinem der Ärzte, die mich behandelt haben, einen Vorwurf “, sagt sie heute. „Die Sportärzte und die Heilpraktikerin waren eben keine Neurologen – und außerdem macht es sowieso keinen Sinn, zurückzuschauen.“ Typisch Maren Valenti. Sie schaut nicht zurück, schon gar nicht im Zorn, sondern immer nach vorn. Als feststeht, dass sie MS hat, ist im März 2006 gerade eine Meisterschaft perfekt gelaufen. Doch sie dankt ab. „Vorhang zu, Show vorbei“, meint sie heute rückblickend lakonisch. Ihr Abschied geht ohne großen Paukenschlag über die Bühne, viele wissen damals nichts von Marens Krankheit. „Ich mache alles mit voller Kraft. Als ich wusste, dass ich die im Sport nicht mehr bringen kann, habe ich mich nach Alternativen umgeschaut.“

Zweite Karriere Längst ist Plan B geboren. Gemalt hat Maren Valenti nämlich schon als Kind, ihre zweite große Leidenschaft neben dem Eishockey. In der Schule, in Trainingspausen, für Freunde. „Schon meine Schulhefte enthielten oft mehr Skizzen als Aufzeichnungen – ich habe immer schon viele Bilder im Kopf gehabt und durchweg in diesem Comic-Stil. Jetzt habe ich die Zeit, sie alle zu malen.“

Für eine Ausbildung zur Print- und Mediengestalterin ist sie sogar 2001 aus Kanada zurückgekommen, wohlwissend, dass eine Eishockey-Karriere ohnehin endlich ist. Und Damen-Eishockey ist keine so etablierte Sportart, dass man durch Verträge mit Vereinen und Werbeeinnahmen den Rest seines Lebens damit bestreiten könnte. Auch das findet Maren Valenti für sich persönlich in Ordnung: „Man darf sich nie unterkriegen lassen, man muss Ziele haben und auch die Chance, dafür zu kämpfen.“ Ein gewisser Tunnelblick, so sagt sie, helfe ihr, ihre Ziele nie aus dem Auge zu verlieren, sie bezeichnet sich selbst als ehrgeizig, will bei den Besten sein.

In den drei Jahren nach 2006 spielt sie, was niemand für möglich hält, kaum Eishockey, sondern verlegt ihr Haupt-Spielfeld nach drinnen, in ihre Wohnung, Acryl auf Leinwand. Das Reisen hört auf, sie fühlt sich wohl in ihrer Wohnung, spürt, dass Mannheim ihr so etwas wie Heimat geworden ist. Maren macht ihre BLizenz als Fitness-Trainerin und arbeitet halbtags in einem Fitness-Studio. Als sie zwei Jahre später ihrem neuen Ziel, sich als Künstlerin zu etablieren, nicht sehr viel näher gekommen ist und erkennt, dass sie für ihre Malerei eine andere, größere Plattform braucht, zögert sie nicht, sich an den Deutschen Eishockey-Bund zu wenden, der seinerseits die Deutsche Sporthilfe aktiviert.

Pressemitteilungen werden verfasst, Maren erhält die Chance, bei großen Sportveranstaltungen ihre Bilder zu präsentieren. Eine finanzielle Starthilfe ermöglicht es ihr, gemeinsam mit ihrem Vater das Atelier in Mannheim zu renovieren und einzurichten. Ihr Name wird zum zweiten Mal bekannt. Im Frühjahr 2008 stellt sie auf dem Maimarkt in Mannheim aus, 2009 bereits in der O2 World, Berlin. Nach der Sportszene ist es jetzt die Kunstszene, die auf sie aufmerksam wird und ihre leuchtenden Bilder bespricht. Auf vielen Bildern lebt ihre Vergangenheit als Sportlerin weiter, Eishockey-Symbole und -Embleme blitzen auf. Eines ihrer spektakulärsten Werke ist wohl „Mannheim – New York“, es zeigt, dass die beiden Städte viel gemeinsam haben, zum Beispiel Planquadrate und Eishockeymannschaften.

Doch auch viele Tiere bevölkern die Bilder von Maren Valenti: Kühe, Giraffen, Schafe, Schweine, Zebras. Sie zerlegt diese Körper in Muster und Farben, verfremdet aber nie zur Unkenntlichkeit. Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass das Schaf Schlittschuhe trägt, das Schwein ein Eishockey-Shirt, immer wieder erlaubt sich die Künstlerin Reminiszenzen an ihren früheren Beruf und setzt damit witzige Kontrapunkte. Es geht bergauf mit dem Erfolg der Malerin Maren Valenti, sie findet auf anderer Ebene zur alten Form zurück. Ihr Lebensmotto: „Nur nicht unterkriegen lassen!“ funktioniert.

Gefragt nach Vorbildern in der Pop-Art wie James Rizzi oder Andy Warhol, meint sie selbstbewusst: „Ich habe meinen ganz eigenen Stil ent wickelt.“ Manchmal träumt sie begonnene Bilder nachts weiter und weiß dann am nächsten Tag, wo und wie sie den Pinsel anzusetzen hat.

Zurück aufs Eis Seit einigen Monaten trainiert sie die Kurpfalz Ladies Mannheim, junge, ehrgeizige Sportlerinnen, denen sie viel weiterzugeben hat. Zeigt den Frauen, wie man vorbereitet, wie man den Puck treffsicher ins Tor bugsiert, ohne sich aufhalten zu lassen. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern? „Frauen neigen dazu, Probleme auszudiskutieren, während Männer sie kurz und direkt auskämpfen. Auf dem Feld zählt der Fight, da sind Männer im Vorteil, andererseits sind Frauen aber äußerst zäh und setzen mehr Technik ein.“

Maren muss es wissen, sie hat neben Damenvereinen bei den Wölfen Freiburg, einem reinen Herrenverein, in der zweiten Bundesliga mitgespielt. Doch das ist Vergangenheit. Pucks, die kleinen schwarzen Scheiben aus Hartgummi, dienen ihr heute auch dazu, Papier am Aufrollen zu hindern.

100 Prozent Lebensqualität Gefragt nach einer besonderen Lebensweise, einer Diät, um der Multiplen Sklerose entgegenzuwirken, verneint Maren Valenti. Neben den Trainings mit den Kurpfalz Ladies macht sie Kräftigungsgymnastik und ernährt sich vernünftig. Keine Fertiggerichte, gutes Vollkornbrot, viel Obst und nur ganz wenig Fleisch. Als Nahrungsergänzung nimmt sie ausschließlich Aminosäuren ein. Kochen kann sie nicht, das übernimmt Freundin Claudi. Mit ihr und zwei Kindern lebt Maren zusammen und nimmt lebhaft an der Entwicklung der Kinder Anteil.

Letztes Jahr wurde sie in die Hockey Hall of Fame in Augsburg aufgenommen. Was ihr das heute bedeutet? Sie zuckt die Achseln. „Mit mir zusammen sollte der Nationaltorwart Robert Müller die Ehrung erhalten. Er starb einen Tag zuvor an einem Gehirntumor.“ Trotzdem denkt Maren grundsätzlich positiv und ist überzeugt davon, dass dies auch den Verlauf ihrer Krankheit positiv beeinflusst. „Auf einer Skala von eins bis zehn fühle ich mich heute bei den Gesunden, meine Lebensqualität ist bei 100 Prozent.“ Der Hund „Book“ wird unruhig. Auch er ist krank, hat Diabetes und muss gespritzt werden. Seinen Namen hat er, weil er aus einem spanischen Tierheim kommt und laut Maren „bestimmt Erzählstoff für ein ganzes Buch“ hätte. Maren und Book verschwinden nach draußen um die Ecke, sind kurz darauf wieder fröhlich präsent. Man wird das Gefühl nicht mehr los, sich auch jenseits der Hall of Fame etwas von ihnen abschauen zu können.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 02/10 ab Seite 60.

Margit Schlesinger-Stoll, pr@schlesinger-stoll.de

Stichworte: Maren Valenti, Porträt, promi

Weitere Informationen

Zur Übersicht

  • Facebook
  • Twitter
  • delicious
  • MisterWong
  • stumbleupon
  • Google
  • Reddit
  • Digg
  • Technorati
  • Newsvine
  • Windows
  • Yahoo!
  • RSS