© Valentin Casarsa / www.iStockphoto.com
Stress, Fast Food und zu wenig Bewegung – auf Dauer verschiebt sich dadurch das Säure-Basen-Gleichgewicht, mit der Gefahr einer chronischen Übersäuerung.
Damit die Stoffwechselprozesse in unserem Organismus geregelt ablaufen können, muss der pH-Wert des Blutes sowie aller extra- und intrazellulären Räume unbedingt innerhalb einer geringen Schwankungsbreite konstant gehalten werden. Das Gleichgewicht ist entscheidend für die Struktur und Funktion der Proteine, die Permeabilität der Membranen, die Elektrolytverteilung und die Funktion des Bindegewebes. Für diese Aufgabe stehen dem Körper verschiedene Regulationsmechanismen zu Verfügung. Zum einen fangen Puffersysteme Säuren- oder Basenüberschüsse auf, zum anderen kann auch die Niere saure oder basische Stoffwechselverbindungen mit dem Urin ausscheiden.
Gut geregelt Durch Stoffwechselprozesse entstehen ständig Säuren und Basen. Vor allem Säuren fallen als Endprodukte an. Durch die Puffersysteme kann das Blut extrem schnell darauf reagieren und den BlutpH wieder auf Werte im Normbereich (pH 7,35 bis 7,45) einstellen. Puffer bestehen ganz allgemein aus einer schwachen Säure und ihrer korrespondierenden Base in einem bestimmten Verhältnis. Bei einem Überangebot von Protonen oder Hydroxid-Ionen kommt es zur Reaktion mit der Säure bzw. der Base, wodurch sich zwar das Verhältnis von Säure zu korrespondierender Base ändert, nicht jedoch der pH-Wert der Lösung.
Das wichtigste Puffersystem des Blutes ist der Bicarbonat-Puffer. Er bestimmt zwei Drittel der gesamten Pufferkapazität im Blut. Aus der Base Hydrogencarbonat (Bicarbonat) entsteht durch Aufnahme eines Protons Kohlensäure, die in Wasser und Kohlendioxid zerfällt, das dann über die Lunge ausgeschieden wird. Die Abatmung verstärkt den eigentlichen Puffereffekt. Weitere Puffersysteme des Organismus sind das Redoxsystem des Hämoglobins in den Erythrozyten (Hämoglobinpuffer), der Proteinatpuffer im Plasma und der Phosphatpuffer. Große Bedeutung besitzen auch Mineralstoffe und Spurenelemente. Die Kationen können im Tausch gegen Protonen in die Niere zurückresorbiert werden. Insgesamt wird durch die Abatmung über die Lunge eine hohe Säurebelastung des Körpers vermieden. Das wichtigere Ausscheidungsorgan für die beim Abbau von Säuren anfallenden Protonen ist jedoch die Niere.
Kapazität erschöpft Puffersysteme und auch die Niere können allerdings überlastet werden. Inwiefern eine falsche Ernährung den Säure-Basen-Haushalt aus dem Gleichgewicht bringen kann, wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Allein durch einseitige Ernährung lässt sich sicher keine manifeste Azidose, wie man sie beispielsweise vom Diabetes mellitus oder von bestimmten Lungenstörungen kennt, auslösen.
Neben solchen metabolischen Azidosen, bei denen der Blut-pH-Wert abfällt, sind aber auch latente, chronische Azidosen bekannt. Hierbei ist der Blut-pH innerhalb des Normbereichs geringfügig zum Sauren hin verschoben. Zudem ist die Pufferkapazität des Blutes deutlich vermindert.
Kompensationsmechanismen Wenn die Regulationssysteme überlastet sind, müssen Knochen, Bindegewebe und Muskeln einspringen. Bei einer latenten Azidose werden Mineralstoffe von der Knochenoberfläche abgelöst. Knochenabbauende Prozesse werden durch Aktivierung der Osteoklasten gesteigert, während aufbauende Prozesse durch Hemmung der Osteoblasten gedrosselt werden. Zusätzlich wird durch die Azidose die Kalzium-Rückresorption in der Niere vermindert. Der Kalziumgehalt im Urin steigt an, was ein erhöhtes Risiko von Kalziumoxalat-Steinen in der Niere mit sich bringt.
Phosphat wird ebenfalls aus dem Knochen freigesetzt. Die Phosphat- und Hydrogenphosphat-Ionen können Protonen aufnehmen und über die Niere ausscheiden. Gleichzeitig werden Säuren ins Bindegewebe eingelagert und auf diese Weise aus dem Blut entfernt. Von dort werden sie wieder freigesetzt, wenn sich die Verhältnisse im Blut normalisiert haben.
Bei einem chronischen Geschehen passiert dies jedoch nicht. Die Säuren häufen sich an, was ge legentlich etwas ungenau mit dem Begriff „Verschlackung“ beschrieben wird. Im Bindegewebe ändern sich dadurch Wasserbindevermögen und Stoffaustausch. Auch in der Niere laufen zusätzliche Vorgänge ab. Die Ausscheidung von Bicarbonat als Säurefänger wird gehemmt, während das Anion der Zitronensäure, das Citrat, vermehrt ausgeschieden wird. Dies erhöht das Risiko von Nierensteinen zusätzlich, denn Kalzium kann jetzt nicht mehr von Citrat komplex gebunden werden.
Ein weiterer wichtiger Anpassungsprozess ist die gesteigerte Ausscheidung von Ammonium-Ionen. Sie werden durch die erhöhte Säurekonzentration im Harn aus Ammoniak gebildet. Da Ammonium-Ionen durch ihre Ladung nicht wie Ammoniak zurückdiffundieren können, gehen sie dem Körper verloren. Stickstoffverbindungen, wie Ammoniak und Ammonium-Ionen stammen aus dem Aminosäureabbau. Vor allem bei älteren Menschen mit latenter Azidose wurde in diesem Zusammenhang ein verstärkter Muskelabbau beobachtet.
Wie kommt es zur Übersäuerung? In unserer Ernährung kann man Lebensmittel mit säure- und basenbildenden Eigenschaften unterscheiden. Obst, Gemüse und Salat, also ein großer Teil der pflanzlichen Kost, enthält zahlreiche organisch gebundene Mineralien, die basische Eigenschaften besitzen. Fleisch, Fisch, Brot und die meisten Milchprodukte gelten wegen ihres hohen Eiweißanteils als säurebildend. Hauptursache für eine latente Azidose ist nämlich ein hoher Verzehr von schwefelhaltigen Aminosäuren, wie er bei einer eiweißreichen Durchschnittsernährung üblich ist. Eiweiß tierischer Herkunft schlägt hierbei stärker zu Buche als pflanzliches Eiweiß.
Beim Abbau bestimmter Aminosäuren, im wesentlichen Methionin und Cystein, entsteht nämlich Schwefelsäure, die sofort abgepuffert werden muss. Schwefelhaltige Aminosäuren findet man in größerer Anzahl in tierischem Material. Softdrinks, die Phosphorsäure enthalten, gelten genauso wie Alkohol und niedere Kohlenhydrate ebenfalls als säurebildend. Vollkornprodukte und Fette verhalten sich neutral.
NICHT NUR EIWEISS MACHT SAUER
Auch Diäten und Fastenkuren können den Organismus übersäuern. Die katabole Stoffwechsellage beim Fasten lässt den Körper bekanntlich auf seine Fettreserven zurückgreifen. Die dabei vermehrt anfallenden Ketosäuren verschieben das Säure-Basen-Gleichgewicht in Richtung sauer. Wer sich nicht viel bewegt, hat ebenfalls ein Problem. Schlecht durchbluteten Muskeln mangelt es an Sauerstoff, wodurch der anaerobe Stoffwechsel mit dem Endprodukt Milchsäure, das den Säure-Basen-Haushalt belastet, angeregt wird. Stress ist ebenfalls eine Ursache für Übersäuerung. Dabei wird eine Reihe von Stoffwechselprozessen umgestellt, die zu einer vermehrten Bildung von Säuren führen. Im Alter sinkt die Kapazität der Puffersysteme und auch die Niere kann weniger Säuren ausscheiden. Daher haben ältere Menschen prinzipiell ein erhöhtes Risiko für eine latente Azidose.
Folgen der chronischen Übersäuerung Ein unausgeglichener Säure-Basen-Haushalt bleibt meist lange unerkannt, da es keine spezifischen Symptome gibt. Neben einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit findet man auch Auswirkungen auf die Entstehung chronischer Krankheiten. Studien mit einer oral induzierten latenten Azidose zeigen, dass zunächst die Pufferkapazität des Blutes und später auch die des Intrazellulärraumes abnehmen. Hält die Übersäuerung weiter an, werden Mineralstoffe aus der Knochenoberfläche freigesetzt. Dies legt die Vermutung nahe, dass Osteoporose durch eine chronische Azidose verstärkt oder sogar mitverursacht wird.
Reicht die Kompensation nicht aus, werden die in den Zellen gebildeten Säuren im Bindegewebe und der Muskulatur gespeichert. Bindegewebe besteht aus Proteoglykanen, die über zahlreiche Sulfatreste verfügen. Dank der starken Ladung kann das Bindegewebe große Mengen Wasser binden. Werden die Sulfatreste jedoch durch die Protonen neutralisiert, geht diese Fähigkeit verloren. Die Folge ist ein Elastizitätsverlust, der den Verschleiß des Gewebes, vor allem des Knorpelgewebes, fördert. In der Muskulatur kommt es durch die Säureeinlagerung zu einer Verfestigung der Fasern. Dadurch nimmt die Durchblutung ab, was den Abtransport der Säure weiter erschwert. Muskelverhärtungen können die Folge sein, aber auch eine Beteiligung an Weichteilrheumatismus wird diskutiert.
Basen zuführen Bei einer chronischen Übersäuerung ist die Supplementierung mit basischen Mineralstoffen sinnvoll. Eine Umstellung der Ernährungs- und Lebensgewohnheiten allein braucht sehr lange, um die Säuren aus dem Bindegewebe zu entfernen und die Pufferspeicher wieder zu regenerieren. Eine Entsäuerungskur mit einem Basenpräparat muss mindestens drei Monate lang durchgeführt werden. Danach kann man das Gleichgewicht mit einer ausgewogenen Ernährung aufrecht erhalten. Wer das nicht garantieren kann, sollte langfristig seine Speisen mit einem Basenpräparat anreichern.
BESTIMMUNG DES SÄURE-BASEN-STATUS
Der pH-Wert wird üblicherweise mit Indikatorpapier gemessen. Um eine chronische Übersäuerung festzustellen, ist eine Einmalmessung des Urins wegen der normalen physiologischen Schwankungsbreite, die zwischen pH 5 und 8 liegt, ungeeignet. Außerdem wird ein Teil der Säuren gar nicht in freier Form, sondern gebunden ausgeschieden und entzieht sich der Messung. Um eine Fehlinterpretation zu vermeiden, muss die Gesamtsäureausscheidung im 24-Stunden-Sammelurin bestimmt werden. Dies kann in medizinischen Labors durchgeführt werden.
Basenpräparate sind Nahrungsergänzungsmittel und setzen sich aus Kationen, wie Kalziumund Magnesium-Ionen, und Anionen zusammen. Die Kationen sind dabei die eigentlichen Wirkstoffe. Sie werden in der Niere rückresorbiert und bewirken dabei die Ausscheidung der Protonen. Die Anionen beeinflussen die Bioverfügbarkeit der Kationen. Prinzipiell können Mineralstoffe aus organischen Verbindungen besser resorbiert werden als aus anorganischen.
Eine besonders hohe Bioverfügbarkeit haben die Salze der Zitronensäure. Mineralstoffpräparate auf Citratbasis sind auch deshalb besonders empfehlenswert, weil das Citrat-Anion als korrespondierende Base der Zitronensäure selbst eine wirksame Base ist und Protonen aufnehmen kann. Anorganische Anionen sind sehr schwache Basen und können dies nicht. Zudem wird die entstehende Zitronensäure anschließend ohne Belastung des Säure-Basen- Gleichgewichts verstoffwechselt.
In Studien konnte gezeigt werden, dass Rückenschmerzen und Schmerzen bei Rheumapatienten, die häufig durch eine latente Übersäuerung und dadurch bedingte Veränderungen im Bindegewebe ausgelöst werden, durch die Gabe eines Mineralstoffpräparats auf Citratbasis deutlich zurück gingen. Auch die Beweglichkeit der Rheumapatienten besserte sich. Ähnliches wurde bei Migränepatienten festgestellt.
Anorganische Magnesiumsalze brachten nicht den gewünschten Erfolg, erst die Gabe von hoch dosiertem Magnesiumcitrat verringerte die Häufigkeit und die Intensität der Migräneattacken. In weiteren Studien beeinflusste die Citrattherapie die Knochenparameter von Osteoporosepatienten günstig.
Für jeden was dabei Mineralstoffpräparate werden in verschiedenen Formen angeboten. Als Granulat kann das Produkt geschmacksneutral in Speisen und Getränke eingerührt werden. Instant-Produkte werden in Wasser aufgelöst und ergeben ein fruchtig-frisches Getränk. Für unterwegs und auf Reisen eignen sich Tabletten, die wenig Platz erfordern und ohne großen Aufwand zu schlucken sind. Spezielle Präparate für Sportler sollen Übersäuerungen durch Belastung ausgleichen. Bei großen körperlichen Anstrengungen werden im Muskel Säuren gebildet, die den Säure-Basen-Haushalt ungünstig beeinflussen. Die Sportlerpräparate haben eine hypotone Zusammensetzung und sorgen so für einen schnellen Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich. Zusätzlich darin enthaltene niedere Kohlenhydrate stellen dem Sportler schnell verfügbare Energie bereit. Diabetiker müssen diese zusätzlichen Broteinheiten allerdings beachten. Weisen Sie Diabetiker, denen Sie ein solches Präparat empfehlen, darauf hin.
WIESO WIRKEN ZITRONEN BASENBILDEND?
Auf den ersten Blick scheint es unlogisch: Zitronen schmecken sauer und sollen dennoch basisch wirken? Unsere Geschmacksnerven im Mund reagieren aber nur auf „sauer“, wir besitzen keine Rezeptoren für „alkalisch“. Saure Früchte, wie Zitronen, besitzen neben den Fruchtsäuren noch eine Vielzahl organisch gebundener Mineralstoffe, die wir nicht schmecken können. Sie sind jedoch für die basische Wirkung verantwortlich. Die Fruchtsäuren, wie die Zitronensäure, werden im Körper vollständig abgebaut und belasten den Säure-Basen-Haushalt nicht.
Prinzipiell können Basenpräparate bei uneingeschränkter Nierenfunktion beliebig lange in der empfohlenen Tagesdosis eingenommen werden. In Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf an Mineralstoffen und Spurenelementen ohnehin erhöht, daher ist die Einnahme eines Basenproduktes empfehlenswert. Für Kinder sind die Basenmischungen in entsprechend niedrigerer Dosierung ab dem fünften Lebensjahr geeignet.
Beratungsthema Wie gesagt: Übersäuerung äußert sich nicht durch spezifische Beschwerden. Dennoch ist es nicht schwer, Kunden zu erkennen, die von einer latenten Azidose betroffen sein könnten. Es sind jene, die über Störungen des Allgemeinbefindens klagen. Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Nervosität, Leistungsabfall und Konzentrationsschwäche, aber auch Gewichtszunahme und Verdauungsbeschwerden können im Zusammenhang mit einer Übersäuerung stehen. Auch Kunden mit Verspannungen, Gelenk- und Muskelschmerzen, besonders aber Rückenschmerzen sowie häufigen Kopfschmerzen oder Migräne gehören zur Zielgruppe für einen Säure-Basen-Ausgleich. Denken Sie auch an Menschen, die gerade eine Diät oder Fastenkur planen. Fragen Sie Ihre Kunden doch einfach mal nach ihren Ernährungsgewohnheiten. Stehen Obst und Gemüse nur selten auf dem Speiseplan, sollten Sie das Thema Übersäuerung ansprechen.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 02/10 ab Seite 36.
Sabine Bender, s.bender@uzv.de
Stichworte: Azidose, Basen, E-Point, Fernfortbildung, I-Point, Internetfortbildung, Online-Fortbildung, Säure, Säure-Basen-Haushalt, puffer, Übersäuerung