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Auch Luther, Van Gogh, und Beethoven litten daran: fortwährende Geräusche im Ohr. Was sind die Ursachen für Tinnitus aurium, das „Klingeln der Ohren“?
Nicht nur als Klingeln, sondern auch als Zischen, Klopfen, Knallen, Rauschen oder Dröhnen können sich die Geräusche darstellen, die sich kontinuierlich im Innenohr der Patienten abspielen. Als Störung der Hörfunktion werden sie nur selten durch eine äußere Schallquelle verursacht. Die Fehlfunktion kann an unterschiedlichen Stellen des Ohres lokalisiert sein: Im Außenohr bedingt durch einen festsitzenden Ohrenschmalzpfropfen oder durch eine Gehörgangsentzündung, im Mittelohr durch eine Mittelohrentzündung oder aber durch eine Funktionsstörung der Haarzellen im Innenohr. Auch Schäden der Hörnerven oder des zentralen Hörsystems kommen als Ursache in Frage.
Jugendliche und Gestresste Durch die mannigfaltigen Entstehungsmöglichkeiten der Ohrgeräusche wird deutlich, dass es sich beim Tinnitus nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen handelt. Schier unfassbar ist die hohe Zahl der chronisch vom Tinnitus Betroffenen, die mit fast drei Millionen Menschen in Deutschland ein Ausmaß annimmt, das dem einer Volkskrankheit gleichkommt. In vielen Fällen – und davon sind zunehmend junge Leute betroffen – ist extreme Lautstärke der Grund für die Ohrgeräusche. Langandauernde, laute Beschallung auf Konzerten oder in Diskotheken, aber auch impulsartige Knallgeräusche von Silvesterraketen oder Spielzeugpistolen lösen massive Schallwellen aus.
Diese drücken die Sinneszellen im Innenohr, bestehend aus kleinen Härchen, dauerhaft nieder, anstatt sie wie Geräusche von normaler Lautstärke reversibel zu stimulieren. Verbunden ist der Schaden vermutlich auch mit einer Störung der Mikrozirkulation im Ohr. Als weiterer Grund wird der Auslöser Stress genannt. Die dadurch freigesetzten Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin verengen die Blutgefäße und sorgen für eine Mangeldurchblutung des Innenohrs. Eine dauerhafte Reduktion von Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr schädigt die Haarzellen und beeinträchtig ihre Funktion.
Dauer und Leidensdruck Tinnitus kann ein akutes Phänomen sein, das sich innerhalb eines Vierteljahres wieder legt, aber auch chronisch beeinträchtigen. Von Letzterem spricht man, wenn das Leiden länger als ein Jahr vorliegt. Entscheidend für die Lebensqualität gerade der chronisch Betroffenen ist die Frage: Wie kann ich mit dem „Klingeln im Ohr“ umgehen? Einige können dies kompensieren, sie hören die Geräusche, sind dadurch aber wenig beeinträchtigt. Bei anderen hat das Ohrgeräusch massive Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche, der Leidensdruck ist hoch und die Lebensqualität leidet stark. Man spricht von der dekompensierten Form des Tinnitus. Als Folge davon können sich Angstzustände, Depressionen, Schlafund Konzentrationsstörungen entwickeln.
Erst hinhören, dann überhören Ohrgeräusche sind wie Schmerzen ein Warnsignal, das nicht missachtet werden darf. Ein Betroffener muss möglichst umgehend von einem Ohrenarzt untersucht werden, um die Ursache zu erforschen. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Kopf- und Hals- Chirurgie (DGHNO) rät insbesondere bei starkem Hörverlust und vorgeschädigten Ohren dazu, sofort zu handeln. Die ersten 24 Stunden können hier entscheidend sein. Ein zu später Behandlungsbeginn reduziert den Erfolg der Behandlung.
Die akute Therapie des Tinnitus zielt darauf ab, die Durchblutung des Innenohres zu fördern und die Fließgeschwindigkeit des Blutes zu erhöhen. Gemäß den DGHNO-Leitlinien werden hierfür Plasmaersatzmittel wie Hydroxyethylstärke (HES) und Vasodilatatoren wie Pentoxifyllin über zehn Tage eingesetzt. Darüber hinaus werden in Deutschland Vitamin-E-Präparate, Magnesium, Ginkgo-Präparate, Glukokortikoide sowie intravenös verabreichte Lokalanästhetika wie Procain gegeben.
Weiterführend gilt es die Ursache zu beseitigen, das heißt Reduktion von Stress, Meidung von Lärm und natürlich die Heilung von Ohrenerkrankungen. In seltenen Fällen sind auch externe Faktoren wie Probleme an Zähnen und Kiefer die Quelle der störenden Geräusche. Bei chronischen Ohrgeräuschen – so empfiehlt die Selbsthilfeorganisation Deutsche Tinnitus-Liga e.V. – solle und könne man lernen, die Geräusche zu überhören. Auf keinen Fall dürfe man die Symptome zum Lebensmittelpunkt machen und sich zurückziehen. Erfolgreich werde dabei die Tinnitus-Retraining-Therapie eingesetzt. In einem dreistufigen Programm arbeiten Ärzte, Psychologen und Hörgeräteakustiker Hand in Hand mit dem Ziel, die Bedeutung der Ohrgeräusche zu minimieren. Denn wenn Tinnitus zum Leiden wird, spielen seelische Faktoren eine übergeordnete Rolle.
Dr. Susanne Poth, redaktion.poth@arcor.de
Stichworte: Ohren, Ohrgeräusche, Stress, Tinnitus, hören