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Mehr als 20 000 Kinder und Jugendliche hierzulande sind zuckerkrank. Damit sie sich normal entwickeln können, brauchen die betroffenen Familien Unterstützung und Beratung.
Wenn das oft noch kleine Kind und seine Eltern mit der Diagnose Diabetes mellitus konfrontiert werden, taucht verständlicherweise die Frage nach der Ursache auf. Es ist wichtig zu vermitteln, dass niemand „Schuld“ hat an dieser Krankheit. Denn im Unterschied zu Erwachsenen handelt es sich bei diabeteskranken Kindern zu 95 Prozent um Typ-1-Diabetiker. Zwar registriert man in den Industrieländern, vor allem in den USA und Japan, aber auch in Deutschland, zunehmend Jugendliche mit Typ-2-Diabetes (früher Altersdiabetes genannt), der mit starkem Übergewicht, Bewegungsmangel und falscher Ernährung zu tun hat.
Der Typ-1-Diabetes wird jedoch nicht durch Ernährungsfehler, wie zu viele Süßigkeiten, ausgelöst, sondern durch eine Kombination aus Vererbung und Umweltfaktoren. Das sollten auch die Freunde, die Erzieherinnen im Kindergarten und generell das Umfeld des Kindes wissen. Es gibt weitere seltene Diabetes-Formen bei Kindern, die hier nicht besprochen werden sollen.
Angeborene Störung des Immunsystems Für den Typ-1-Diabetes sind verschiedene vererbte Genveränderungen verantwortlich. Bestimmte Immunzellen dringen in die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse ein und zerstören sie. Dadurch kann das Organ nicht mehr genügend und schließlich gar kein Insulin mehr bilden. Das Kind – und später der Erwachsene – muss lebenslang mehrmals täglich Insulin spritzen, um den Zuckerstoffwechsel zu regulieren. Damit der Typ-1-Diabetes ausbricht, kommen zu den Erbanlagen noch bestimmte Umweltfaktoren hinzu. Diese Faktoren sind leider noch weit - gehend unbekannt. Vermutet wird, dass Nitrosamine eine Rolle spielen, bestimmte Viren oder der frühe Kontakt mit Kuhmilch. Gesichert ist das alles jedoch nicht. Es gibt derzeit keine Möglichkeit, dem Typ-1-Diabetes vorzubeugen, zum Beispiel wenn die Erkrankung in der Familie gehäuft vorkommt.
Wie erkennt man Diabetes? Das ist relativ einfach: Die Kinder, oft sind sie noch im Vorschulalter, fallen auf, weil sie häufig Wasser lassen und weil sie zugleich stets großen Durst haben, sie nehmen an Gewicht ab und sind nicht so leistungsfähig wie gleichaltrige gesunde Kinder. Wird dann im Labor der Blutzucker (Glukose) im Blutplasma gemessen, liegt der Wert über 200 mg/dl. Normal sind nach einer Mahlzeit bis zu 130 mg/dl. Bei Kindern ohne Symptome und wenn aus anderen Gründen der Verdacht auf einen Diabetes besteht, wird ein Glukosetoleranztest vorgenommen: Dabei wird eine Zuckerlösung mit bekannter Glukosemenge getrunken und davor sowie nach ein und zwei Stunden der Blutzucker gemessen. Werden bestimmte Grenzwerte überschritten, liegt eine gestörte Glukosetoleranz des Körpers oder bereits ein Diabetes mellitus vor.
Behandlung Beim Typ-1-Diabetes gibt es nur eine Möglichkeit: Das fehlende Insulin wird regelmäßig von außen zugeführt. Und, was sonst der Körper ebenfalls „automatisch“ übernimmt: Die Menge an
Insulin muss abgestimmt werden mit der zugeführten Nahrung (sie erhöht den Blutzucker) und der körperlichen Aktivität (sie senkt den Blutzucker). Eine komplexe Angelegenheit, die manche Familie durchaus überfordern kann. Hauptziel ist, dass sich das Kind körperlich und psychosozial normal entwickelt, dass Übergewicht vermieden und Folgekrankheiten, etwa an den Nerven, Nieren, den Augen sowie am Gefäßsystem, verhindert werden. Häufige Überzuckerungen (Hyperglykämien) und Unterzuckerungen (Hypoglykämien) sind ungünstig und können, je nach Ausmaß, gefährlich werden.
Es gibt kein starres Therapieregime. Bei der konventionellen Therapie, wie sie früher praktiziert wurde, mussten zu festen Zeiten festgelegte Nahrungsmengen aufgenommen und bestimmte Insulinmengen gespritzt werden. Ziel ist heute immer die intensivierte Therapie. Das heißt, dass Mahlzeiten flexibel eingenommen werden und passend dazu sowie zur Korrektur erhöhter Blutzuckerwerte schnell wirksames Insulin gespritzt wird. Zur Deckung des Insulin-Grundbedarfs ist es aber meist notwendig, ein langwirksames Basalinsulin zu spritzen.
Insulinpumpe Immer mehr Kinder mit Diabetes erhalten eine elektrische Insulinpumpe, die das Hormon teilautomatisiert spritzt. Inzwischen sollen es mehr als 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Diabetes sein. Insulinpumpen werden von Diabetologen vor allem empfohlen beim Dawn-Phänomen (hohe morgendliche Blutzuckerwerte mit erhöhtem Insulinbedarf), bei immer wiederkehrenden schweren Unterzuckerungen, schlecht eingestelltem Glukosestoffwechsel, Angst vor Spritzen oder Wunsch nach mehr Flexibilität. Die Therapie ist teurer als bei Verwendung von Pens, andererseits sinkt der Insulinbedarf um zehn bis zwanzig Prozent.
Unterzuckert Bei typischen Unterzuckerungszeichen muss das diabeteskranke Kind sofort etwas Zuckerhaltiges essen (zum Beispiel 10 bis 20 Gramm Traubenzucker, danach Brot oder Kekse) oder trinken (ein Glas Fruchtsaft oder zuckerhaltige Limonade). Unterzuckerungszeichen sind Schwitzen, Blässe, Zittern, Müdigkeit, Schwäche, Heißhunger. Das Kind wirkt ungewohnt unaufmerksam und zerstreut oder ist wesensverändert. Es kann Aggressivität, Verwirrtheit, Weinerlichkeit oder besonders starke Anhänglichkeit zeigen.
Normalerweise erholt sich das Kind nach Zuckeraufnahme innerhalb von fünf bis zehn Minuten. Ohne Kohlenhydrate kann es zum Bewusstseinsverlust kommen. Das ist ein Notfall! Bringen Sie das Kind in die stabile Seitenlage und lassen Sie es nicht allein, bis der Notarzt eingetroffen ist.
SPORT? AUF JEDEN FALL!
Wie jedes Kind muss sich auch das diabeteskranke Kind austoben und Sport treiben dürfen. Das wird von Diabetologen heute ausdrücklich befürwortet. Bei geplanten Aktivitäten sollte immer ein Vorrat an zuckerhaltigen Nahrungsmitteln dabei sein, zum Beispiel Traubenzucker oder Müsliriegel und ein Getränk. Vor dem Sport wird etwas gegessen, dann kann es losgehen. Wichtig: Nach intensiver körperlicher Aktivität ist der Insulinbedarf reduziert. Unterzuckerungen treten oft erst Stunden nach dem Sport auf. Daher ist es wichtig, die übliche Insulindosis nach intensivem Sport zu senken.
Ernährung: Keine Spezialdiät! Wichtig ist eine vollwertige, faserreiche Ernährung, die etwa zur Hälfte aus Kohlenhydraten, zu einem Drittel aus Fett (mit einem hohen Anteil ungesättigter Fettsäuren) sowie aus 15 bis 20 Prozent Eiweiß bestehen sollte. Diabetologen empfehlen die fachkundige Beratung bei Diätassistenten und Ökotrophologen. Es ist keine spezielle Diabetesdiät erforderlich. Vielmehr soll das Kind – im Rahmen der genannten Empfehlungen – essen, was ihm schmeckt. In Schulungen lernt es, den Kohlenhydratgehalt von Nahrungsmitteln abzuschätzen. Denn nur solche, die Kohlenhydrate enthalten, erhöhen den Blutzucker.
Kohlenhydratreich sind Brot und Getreideprodukte, Kartoffeln, Reis und Nudeln, Obst und Fruchtsäfte, Milch und Milchprodukte sowie Kekse, Kuchen, Eis und mit Zucker gesüßte Getränke. Bis zu zehn Prozent der täglichen Kalorienmenge dürfen die Kinder, verteilt über den Tag, aus Zucker (Saccharose), der in Nahrungsmitteln enthalten ist, zu sich nehmen. Als Süßungsmittel empfohlen wird eine Mischung aus Saccharin, Cyclamat, Aspartam und Acesulfam-K, die keine Kalorien enthalten. Nicht empfohlen werden die Zuckeraustauschstoffe Fruktose, Sorbit, Mannit und Xylit.
Regelmäßig messen Weil je nach körperlicher Belastung der Korrekturwert beträchtlich schwanken kann, geht das nicht ohne regelmäßige Blutzuckermessung. Viele Kinder erlernen das schnell. Die Interpretation der Werte, besonders wenn sie gefährlich niedrig sind, bedarf allerdings der Unterstützung Erwachsener. Sobald die Kinder dazu in der Lage sind, werden sie geschult, ebenso wie die Eltern. Schulungsprogramme für Kinder berücksichtigen die altersabhängige Verständnis fähigkeit, sie sind weniger verbal als vielmehr auf aktives Handeln ausgerichtet. Diabe tologen empfehlen Eltern und ihren Kindern Folgeschulungen alle zwei bis drei Jahre.
Einfühlungsvermögen ist gefragt Wichtig ist auch die psychologische Begleitung der Kinder und Jugendlichen. Kein Kind möchte wegen seiner chronischen Krankheit in eine Außenseiterposition geraten. Andererseits ist es wichtig, dass zum Beispiel die Klassenkameraden über die Krankheit Bescheid wissen. Nicht zuletzt, weil auch diabeteskranke Kinder an Ausflügen, Klassen - fahrten und ähnlichen Aktionen in Kindergarten oder Schule teilnehmen sollen. Das stärkt das Selbstvertrauen.
Jugendliche Diabetiker testen gern ihre Grenzen aus und vernachlässigen ihre Stoffwech- selkontrolle. Da wird bei den Einträgen im Diabetiker-Tagebuch schon mal geschwindelt. Weil in der Pubertät vermehrt Wachstumshormone ausgeschüttet werden, nehmen die Gewebe außerdem das Insulin schlechter auf. Das verschlechtert die Blutzuckereinstellung zusätzlich. Hier hilft nur der einfühlsame Umgang mit den jugendlichen Diabetikern.
INTERNETADRESSEN
www.diabetes-kinder.de
(Webseite der Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Diabetologie – AGPD)
www.das-zuckerkranke-kind.de
(Webseite einer Tochterstiftung der Deutschen Diabetes Stiftung)
www.diabetes-deutschland.de
(redaktionell gestaltete Seite mit aktuellen und verständlich aufbereiteten Informationen rund um Diabetes mellitus, betreut von 52 Experten)
Typ-2-Diabetes Die Zahl übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher hat sicht- und messbar zugenommen. Infolgedessen steigt offenbar auch die Zahl von Typ-2-Diabetikern unter Kindern, besonders nach Einsetzen der Pubertät. Einer Schätzung zufolge wird derzeit von 200 Kindern zwischen zwölf und 19 Jahren in Deutschland ausgegangen, die pro Jahr neu an Typ-2-Diabetes erkranken. Betroffen sind durchweg fettleibige Kinder.
Bereits bei sieben Prozent aller adipösen Jugendlichen in Deutschland ist die Glukosetoleranz gestört. Das heißt, aufgenommene Kohlenhydrate können nur noch unzureichend verarbeitet werden. Daraus kann später ein Diabetes mellitus werden. Bei den Betroffenen bestehen gleichzeitig oft ein Bluthochdruck und ein gestörter Fettstoffwechsel mit hohen Cholesterinwerten. Mit viel Bewegung, einer umgestellten Ernährung und Tabletten (Metformin) kann man oft viel erreichen. Wesentlich dabei ist allerdings die Änderung des Lebensstils.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/09 ab Seite 36.
Dr. Thomas Meißner, th-meissner@t-online.de
Stichworte: Diabetes, Fortbildung, Kinder, Online-Fortbildung