Porträt

Zuhause im Garten Eden

Abbildung © Brigitte Aiblinger © Brigitte Aiblinger

Die Natur und ihre verborgenen Schätze haben Hildegard Hintereder schon immer fasziniert. Deshalb erfüllte sich die Mutter von sechs Kindern vor fünf Jahren einen lang gehegten Traum: Sie absolvierte eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin.

Hausfrau Gerti wühlt in dem Korb mit den Pflanzen, die sie gerade gesammelt hat. „Und was brauche ich jetzt alles für das Kräutersalz?“ fragt sie. Sozialpädagogin Heidi möchte wissen, wie sie Salaten durch Wildkräuter das gewisse Etwas geben kann. Und Hobbykoch Kurt interessiert sich vor allem für die Herstellung von Likören und Wildbeerenbalsamico. „So was sind prima Geschenke“, findet der Kaufmann.

Gerade ist Hildegard Hintereder (60) mit ihren Kursteilnehmern aus dem Wald zurück gekommen. Jetzt wollen die zwölf Frauen und drei Männer ihre gesammelten Kräuter auch verwerten. „Das anschließende Kochen ist der Höhepunkt meiner Seminare“, sagt die Kräuterpädagogin. „Praktische Anleitung ist wichtig.“ Die Landwirtin hat sich ihren Berufstraum erst vor wenigen Jahren erfüllt. „Vorher“, sagt sie, „hatte ich einfach keine Zeit.“

Altes Familienwissen Hildegard Hintereder wuchs als zweites von sechs Kindern auf einem Bauernhof im Allgäu auf. Schon als kleines Mädchen begleitete sie ihre Großmutter beim Kräuter sammeln. „Meine Oma hatte elf Kinder zur Welt gebracht, von denen die ersten sieben nicht überlebten“, erinnert sich Hildegard. „Sie hat oft Kräuter für Frauenleiden, wie etwa Frauenmantel, geholt. Daraus hat sie dann Badezusätze gemacht.“ Von ihrer Großmutter lernte sie auch, dass man sich beim Kräutersammeln nach dem Stand des Mondes richten soll.

Doch nach der Schule absolviert sie zunächst eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin, arbeitet in Jugendheimen, legt ihre Meisterprüfung ab. Bei einem Volkshochschulkurs trifft sie ihren späteren Mann. Franz Hintereder ist Erbe eines Einödhofes bei Waldkraiburg (Niederbayern) mit Jahrhunderten alter Tradition. „Der Holzhauser Hof wurde vermutlich vor rund 1000 Jahren erbaut, 1320 ist er erstmals urkundlich erwähnt“, erklärt Hildegard. „Und seither ist er im Familienbesitz. Nur der Name hat vor 300 Jahren mal gewechselt.“

Als Hildegard 1973 das erste Mal auf den Hof kommt, ist sie begeistert: Das Anwesen liegt einsam inmitten von Wiesen, Wäldern und Feldern – ein Stück unberührte Natur. Hier müsste es doch auch anderen Menschen gefallen, Städtern, die Ruhe und Erholung suchen. Ein Jahr später bietet sie bereits Urlaub auf dem Bauernhof an. „Na ja, damals waren es gerade mal zwei Zimmer“, winkt sie ab. Im Laufe der Zeit kommen noch drei Ferienwohnungen hinzu.

In den ersten zwölf Jahren ihrer Ehe bringt Hildegard drei Söhne und drei Töchter zur Welt. Außerdem bewirtschaftet sie gemeinsam mit ihrem Mann, der hauptberuflich als Elektriker arbeitet, den Hof: Tiere füttern, Stall ausmisten, Felder bestellen, Gemüse anpflanzen, dazu Haushalt und Feriengäste – viel Zeit für eigene Interessen bleibt da nicht.

Hobby wird Beruf „Obwohl ich schon immer einen Kräutergarten hatte“, sagt Hildegard. „Das war mein Hobby.“ Auch ihre Feriengäste interessieren sich dafür. Immer wieder muss sie Inhaltsstoffe, Verwendungsmöglichkeit und Wirkung verschiedener Kräuter erklären, das Wissen ihrer Kindheit weitergeben. Oft möchten Urlauber mit ihr in den Wald, etwas über die einheimische Pflanzenwelt erfahren. Vor gut zehn Jahren, als auch die jüngsten Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, meldet sich Hildegard für einen Landschaftsführer-Kurs an. Ihre Familie steht voll hinter ihr. Das muss sie auch, denn der Unterricht ist am Wochenende und oft auch mal 100 Kilometer entfernt. „Da mussten zu Hause alle mit anfassen.“

ROSEN-ROTWEIN-GELEE
15 Rosenblüten von Duftrosen (hellen Fruchtansatz abschneiden) mit einem viertel Liter Rotwein, drei viertel Liter Wasser und Saft von vier Zitronen in verschließbarer Schüssel über Nacht ziehen lassen. Am nächsten Tag bis Siedepunkt erhitzen, durch ein Sieb abgießen. Mit Gelierzucker (2:1) mischen, vier Minuten sprudelnd kochen lassen, in Gläser füllen.

Ursprünglich hatte Hildegard den Kurs nur für ihre Hausgäste machen wollen. Doch schon bald gibt es weitere Interessenten: Vereine, Schulklassen, Gemeinden. Mit ihnen geht sie durch Wald und Feld, erklärt Bäume, Sträucher, Pflanzen. „Das hat mir viel Freude bereitet. Es ist einfach wunderbar, die Natur zu erleben.“ Und deshalb entschließt sie sich vor fünf Jahren, ihren langgehegten Traum zu verwirklichen: die Ausbildung zur Kräuterpädagogin. „Gesunde Ernährung ist mir wichtig“, sagt Hildegard. „Und es hat mich schon immer fasziniert, zu sehen, was ohne unser Zutun wächst und gedeiht, und welche Geschenke die Natur uns bereitet.“ Zwei Jahre lang lernt sie alles über Botanik, Inhaltsstoffe, Heilwirkung und Verarbeitung von Pflanzen, legt eine schriftliche Prüfung ab.

Alles über Heilkräuter Seither bietet sie die unterschiedlichsten Kurse rund um Kräuterkunde an: Wildkräuterwanderungen, Führungen für Kinder, Seminare über Wildbeeren und Wildobst, über Unkräuter, die bei ihr „Delikatessen am Wegesrand“ heißen, vergessene Haustees sowie spezielle Frauenkräuter. Dabei kombiniert die Kräuterpädagogin ihr neu erworbenes Wissen mit dem Erfahrungsschatz ihrer Großmutter.

WALDMEISTER-GELEE
In einem 1-Liter-Gefäß Waldmeisterstengel und -blätter sammeln, drei bis vier Stunden welken lassen, damit der Geschmack rauskommt. Dann je mit 0,5 Liter Wasser und Apfelsaft über Nacht einweichen, morgens durch ein Tuch abfiltern. Es bleibt etwa 3/4 Liter Flüssigkeit. Saft von je einer Zitrone und einer Orange dazugeben und mit 500 Gramm Gelierzucker 4 Minuten sprudelnd kochen lassen. Nach Abkühlen in Gläser füllen. Schmeckt gut und wirkt beruhigend.

Die wichtigsten der altbekannten Heilkräuter sind:

Frauenmantel – enthält eine Art pflanzliches Gestagen, hilft bei Pubertätsakne, klimakterischen Beschwerden, Regelschmerzen, fördert den Milchfluss bei stillenden Frauen, hat nach Geburten zusammenziehende Wirkung, strafft das Gewebe. Zur Blütezeit (Mai bis Oktober) sammeln. Für einen Tee Blätter und Blüten nehmen (1 bis 2 Teelöffel auf einen viertel Liter Wasser, 8 bis 10 Minuten ziehen lassen).

Gänsefingerkraut – hilft gegen Krämpfe aller Art, bei schmerzhafter Periode, kräftigt Binde gewebe nach Geburt und beugt Gebärmuttersenkung vor. Für Tee oder Sitzbad mischt man es auch mit Frauenmantel, Johanniskraut, Himbeer - blättern (macht Gebärmutter elastischer).

Johanniskraut („Heilt nicht nur alle Wunden, sondern lässt auch den Leib gesunden“) – wirkt gegen Depressionen, Nervenschwäche, Wechseljahresbeschwerden. Blüten, Blätter und obere Triebspitzen zur Sonnenwende sammeln, daraus Tee zubereiten. Schafgarbe („Schafgarbe im Leib tut gut jedem Weib“) – bei Schließmuskelschwäche der Harnröhre, kräftigt Gebärmutter und Eierstock, bringt eine unregelmäßige Periode wieder ins Lot, hilft bei Myomen sowie vor und nach Unterleibsoperationen. Tee (2 bis 3 Tassen am Tag) oder Sitzbäder (zwei Hände voll Kraut in drei Liter kochendes Wasser, das Ganze ins Badewasser geben). In der Küche kann man Salate, Saucen, Quark und Frischkäse damit anreichern.

Mönchspfeffer – enthält pflanzliche Östrogene, dämpft hauptsächlich Wechseljahressymptome. Am besten als Tee zubereiten.

Beifuß – gilt als Hebammenkraut, erleichtert Geburtsvorgang, fördert die Fruchtbarkeit, in großen Mengen dagegen die Abtreibung. Als Tee oder Sitzbad. Blüten im Knospenstadium sammeln (Ende Juni/ Anfang Juli).

Weiße Taubnessel – gegen alle Arten von Unterleibsbeschwerden, Vaginalentzündungen, für Sitzbäder (mehrere Wochen durchführen) oder Spülungen nur Blüten nehmen (Blütezeit Ende Mai), gegen Melancholie hilft Tee.

Auf den Mondstand achten „Wir richten uns beim Kräuter sammeln selbstverständlich nach dem Mond. Die ätherischen Öle wirken dann viel intensiver, wenn man den richtigen Zeitpunkt berücksichtigt.“ Da gibt es Tage, erklärt Hildegard, an denen sie Blätter sammelt, andere eignen sich eher für Blüten oder Wurzeln. Ob Johanniskraut, Baldrian, Wundklee oder Brennessel – jedes Kraut hat seine spezielle Mondphase. Und auch die Tageszeit variiert. „In der Regel ist es in der Mittagszeit am besten.“ Rituale, die Hildegard in Fleisch und Blut übergegangen sind. „Auch bei der Garten- und Feldarbeit habe ich mich am Mondstand orientiert, mein Mann schlägt auch das Holz nach dem Mond.“

Die Kräuter und Wildfrüchte verarbeitet sie zu Tees, Badezusätzen, Ölen, Kräutersalzen, Likören und Brotaufstrichen – gern gemeinsam mit ihren Kursteilnehmern. „In erster Linie ist das für den Hausgebrauch oder zum Verschenken.“ Einen Hofladen hat sie noch nicht angemeldet. Aber wer weiß – vielleicht wird das ja ihr nächstes Projekt ...

HILDEGARD HINTEREDERS HAUSMITTEL GEGEN SCHÄDLINGE IM GARTEN
Knoblauchsud gegen Rosenläuse: 5-6 Knoblauchzehen mit einem Liter Wasser aufkochen, durch
Sieb abgießen, wenn der Sud kalt ist, in eine Sprühflasche füllen und auf die Rosen sprühen.
Schafgarbe gegen Mehltau: Brühe ansetzen: zwei Hände voll Schafgarbe mit drei Litern Regenwasser in ein Gefäß geben, drei Wochen vergären lassen, ab und zu umrühren. Entweder auf die Pflanzen sprühen oder gießen.
Rainfarnbrühe gegen saugende Insekten: wie Schafgarbe ansetzen
Beinwell und Brennessel zum Düngen und Kräftigen der Wurzeln: wie Schafgarbe ansetzen, anschließend 1:10 verdünnen, auf die Erde gießen.
Mehr Infos: www.holzhauserhof.de

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/09 ab Seite 56.

Linda Amon, mail@amonpress.de

Stichworte: HILDEGARD HINTEREDER, Kräuter, Porträt, Wildkräuter

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