© Mathias Krohn
Man sollte meinen, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Sabine Bätzing renne überall nur offene Türen ein. Von wegen! Sie schreckt die bayerische Gemütsruhe auf und muss mit dem Vorwurf leben, als Spaßbremse der Nation zu gelten.
Die beste Droge ist ein klarer Kopf – das Zitat des österreichischen Journalisten Herbert Hegenbarth passt nicht schlecht als Lebensmotto von Sabine Bätzing. Sie raucht nicht, trinkt kaum Alkohol, hält diszipliniert Maß. Ist sie deshalb mittelmäßig, ist sie gerade deshalb erfolgreich? Kritiker argumentieren so, doch der Verdacht drängt sich auf, dass Missgunst mit im Spiel ist, wenn eine noch sehr junge, auffallend gutaussehende Frau erfolgreich in der Politik Karriere macht. Gerade hat sie ein Gesetz mit durchgeboxt, das die legale Abgabe für Diamorphin bei Schwerstabhängigen regeln wird. Geschenkt wurde ihr nichts.
Frühe Prägung Zunächst einmal muss das Kind Sabine Bätzing früh auf die Bremse treten. Sie leidet an einer schweren Erkrankung der Bronchien und Atemwege und wird immer wieder mit Blaulicht und schwerer Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert. „Für mich wäre Rauchen Selbstmord gewesen“, stellt sie sachlich fest. Solche lebensbedrohlichen Erfahrungen prägen und hinterlassen Spuren.
Vom schönen Westerwald, „wo der Wind so kalt bläst“, fährt das Einzelkind Sabine als Kind mehrfach nach Borkum und kuriert sich mit viel frischer Nordseeluft. Mutter Ute, früher OP-Schwester, raucht seit den Krankheitsattacken ihrer Tochter nur noch auf der Terrasse, ihr Vater Clemens, heute Rentner und früher Anstreicher von Beruf, stellte das Rauchen von vierzig auf null Zigaretten ein. Drogenbekämpfungserfolge eines Kindes. Sabine Bätzing selbst mag eher Gesundes, um die Seele zum Baumeln zu bringen. Ein warmes Wannenbad, ein Glas Milch mit Honig, ein gutes Buch – das sind ihre Regenerationsmittel. Da lässt sie sich nicht beirren.
Frühe Karriere Heute wirkt sie trotz sehr schlanker Gestalt durchaus robust. Doppelbelastung kennt und übt sie, seit sie erwachsen ist. Schon während ihrer Ausbildung tritt sie mit 19 Jahren in die SPD ein und scheut sich nicht, dort früh Verantwortung zu übernehmen. Mit 22 Jahren ist sie stellvertretende Vorsitzende im SPDOrtsverein, mit 24 sitzt sie im Kreistag. Ihr Job im Sozialamt beschert ihr Einblicke in die finanzielle und soziale Notlage Einzelner und Familien, ihre politische Konsequenz zieht sie in der bedingungslosen Unterstützung der Agenda 2010, da sie erlebt hat, „wie viele Familien zwischen Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe feststeckten.“
Ein Überraschungscoup gelingt der SPD-Nachwüchslerin 2002, als sie sich vom letzten Platz der Landesliste Rheinland-Pfalz aus bei der Bundestagswahl den eigentlich schwarzen Wahlkreis Altenkirchen/Neuwied per Direktmandat holte. So wird Sabine Bätzing mit 27 Jahren Bundestagsabgeordnete – und beweist in den darauffolgenden drei Jahren, dass die Nordseeluft und ihr Charakter ihr langen Atem verschafft haben.
In den Medien ist sie stark präsent, lächelt in Kameras, stellt sich den Fragen von Radio- und Fernsehsendern, verteidigt die Sondersteuer auf Alcopops. 2005 gelingt es ihr problemlos, ihr Direktmandat zu verteidigen und sich damit auch den Weg zum Amt der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zu ebnen. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, deren Werdegang und Persönlichkeit durchaus Ähnlichkeiten zu Sabine Bätzing aufweist, ernennt sie im Dezember desselben Jahres als Nachfolgerin von Marion Caspers-Merk.
In die Offensive Seitdem verbringt sie 22 Wochen pro Jahr überwiegend in Berlin, in der übrigen Zeit ist sie im Wahlkreis präsent. Einmal aus der Deckung, glänzt sie anfangs durch Übereifer. Sie will an Tankstellen den Verkauf von Alkohol untersagen und Brauereien die Sponsorentätigkeit im Sport verbieten. Auch ihre Ideen, zur Fußball-WM die Stadien in rauchfreie Zonen zu verwandeln oder grundsätzliches Rauchverbot in Privatwagen zu erteilen, stoßen nicht auf allgemeines Wohlwollen.
Das gesamt-bayerische Aufstöhnen bei ihrem Vorschlag, Bier höher zu besteuern ist medienwirksam, doch Bätzing erhält den Punkt zurück, als der im vergangenen Jahr noch als Ministerpräsident amtierenden Günther Beckstein die Öffentlichkeit mit der Aussage schreckt, er könne auch nach zwei Maß Bier noch Auto fahren.
STECKBRIEF
Sabine Bätzing wurde am 13.02.1975 in Altenkirchen (Rheinland-Pfalz) geboren.
Sie machte 1994 Abitur und trat im selben Jahr in die SPD ein. 1997 Abschluss ihrer Ausbildung zur Diplomverwaltungswirtin (FH). Gleichzeitig begann im Ortsverein der SPD Altenkirchen und im SPD-Kreisverband ihre politische Karriere. 2001wurde sie zur stellvertretenden SPD-Kreisvorsitzenden gewählt, 2002 errang sie ihr erstes Direktmandat als Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Neuwied/Altenkirchen.
Beisitzerin im SPD-Landesvorstand Rheinland-Pfalz wurde sie 2004, ein Jahr später verlängerte sie ihr Direktmandat bei der Bundestagswahl. Im Dezember 2005 wurde sie zur Drogenbeauftragten der Bundesregierung ernannt. Das Amt als Präsidiumsmitglied der rheinland-pfälzischen SPD kam im Juli 2006 hinzu. Sabine Bätzing ist seit 2003 mit dem Musiker Sven Hellinghausen verheiratet.
Sabine Bätzing hat als Drogenbeauftragte inzwischen eigene Schwerpunkte gesetzt. Auch sie kümmert sich wie ihre Vorgängerinnen um Heroin-Junkies. Doch ihr Fokus in der Öffentlichkeit liegt auf den gesellschaftlich anerkannten Drogen: Rauchen, Passivrauchen, Alkoholismus, exzessiver Internetsurf. Im Drogenbericht für 2008, der im Mai dieses Jahres vorgelegt wurde, kann sie Erfolge verbuchen: Immer weniger Jugendliche rauchen, ihr Anteil hat sich seit 2001 halbiert. Immer weniger trinken gar keinen Alkohol und probieren keinerlei Drogen aus. Hier greift systematische Suchtprävention.
Doch ein anderes Suchtproblem hat sich enorm verschlimmert. Seit der Ersterhebung im Jahr 2000 nahm das sogenannte Komasaufen oder Binge Drinking um 150 Prozent zu. 23 000 Kinder und Jugendliche mussten im vergangenen Jahr wegen Alkoholvergiftung in Krankenhäusern behandelt werden. Die Drogenbeauftragte sieht hier klare Mängel in der Anwendung des Jugendschutzgesetzes. Als sie ihren Bericht für 2008 vorlegte, beklagte sie, dass die Vorschläge des Nationalen Drogen- und Suchtrats zur Tabak- und Alkoholprävention im Entwurf zwar Zustimmung fanden, jetzt aber von der CDU/CSU blockiert würden – für Bätzing durchschaubare und verurteilenswürdige Wahltaktik.
Erstmals geht der Bericht auch auf Online- und Computerspielsucht ein. Die Zahlen lassen in der Tat aufhorchen: Zwischen 1,5 und 3 Millionen Bundesbürger verbringen täglich 10 bis 18 Stunden mit Computerspielen oder mit Internetsurfen. Liest man sich in online-Suchtforen ein, findet sich mehrmals das Zitat „Jede Sucht hat einmal als Suche begonnen.“ Das gilt hier wohl ganz besonders.
Keine Berührungsängste Doch wonach sucht der Mensch Sabine Bätzing? Nach öffentlicher Anerkennung, nach Ruhm, Einfluss? Mitmischen, sich einmischen scheint eines ihrer Prinzipien. Neben ihren politischen Ämtern ist sie in mehr als einem Dutzend Vereinen und Organisationen aktiv, darunter so unterschiedliche wie der Schützenverein Leuzbach/Bergenhausen, die Müllkinder von Kairo, die Deutsche Dystoniegesellschaft, die Gewerkschaft Komba und der ZDF-Fernsehrat.
Sie macht mit bei „Abgeordnetenwatch“, einem Online-Dienst, wo Bürger direkte Fragen an Abgeordnete stellen können, mehr als 300 Fragen hat sie tatsächlich bereits beantwortet. Auf ihrer Internetseite bemüht sie sich augenscheinlich darum, die Abgeordnete Sabine Bätzing transparent und ansprechbar darzustellen. Direkt unter ihrer Vita listet sie unter dem Stichwort „Die gläserne Abgeordnete“ ihre Einkünfte und Diäten auf, seit der Erhöhung letzterer im Januar 2008 gibt sie den Zusatzverdienst an karitative Einrichtungen in ihrem Wahlkreis.
Im Servicebereich erscheint an jedem Freitag „Sabines Woche“, ein Dienst, der per E-Mail ins Haus geliefert wird, und in dem sie aktuelle politische Fragen erörtert. Überhaupt taucht ihr Vorname überraschend oft allein auf. Bätzing will Sabine sein, zum Wahlkampf 2009 tritt sie auch mit einem Lied an, es heißt „Natürlich Sabine“. Das hat übrigens ihr Ehemann Sven Hellinghausen geschrieben. Kürzlich hat er seinen ersten Roman über einen Musikschulleiter veröffentlicht, Titel: „Arschgeige“.
Stramme Feministinnen wettern gegen die Boulevardpresse, wenn eine weibliche VIP nur beim Vornamen genannt wird und in der Tat würde es noch immer seltsam anmuten, wenn beispielsweise der Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, Peter Schaar, eine regelmäßige Info wie „Peters Wanze“ herausgeben würde. Doch hier nimmt Sabine Bätzing als Vertreterin ihres Geschlechts und ihrer Generation die Errungenschaften der Frauenrechtlerinnen selbstverständlich in Anspruch, ohne auf gezielt platzierte Koketterie zu verzichten. Auch ihr Auftritt in der Tele-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zeigt, dass sie keine Berührungsängste vor Trivialem hat – sie weiß, wo und wie Menschen zu erreichen sind.
Privates Ein Mensch, dessen Beruf oder Berufung es ist, das Exzessive, das Bedürfnis nach Rausch zu zügeln, wird wohl immer auf Widerstand stoßen. Die Unkenrufe, Sabine Bätzing sei eine spaßfeindliche Volkserzieherin, lassen sich nicht aufrechterhalten, wenn man sie lachen sieht. Sie liebt auffällige Handtaschen, große Ringe, hört gerne Italo-Schnulzen und Wagner-Opern. Auf Nachfrage gesteht sie sogar eine Sucht ein: Kartoffelchips. Und sie liebt die dunklen Kriminalromane von Henning Mankell. Zum Ausgleich schwimmt und wandert sie gern im Westerwald, den Rheinsteig entlang.
Sabine Bätzings Vorbild ist Regine Hildebrandt, ehemalige Ministerin für Arbeit und Soziales in Brandenburg, Mutter Courage des Ostens, 2001 erlag sie einem Krebsleiden. Sie galt als schonungslos mit sich und anderen und wollte nie den Kontakt zur Basis verlieren. Ihr Lieblingskuchen war zeitlebens der Frankfurter Kranz mit Margarine und Haferflocken statt Butter und Mandeln. Keine Suchtgefährdete, sondern eine Überzeugungstäterin. Die Vergnügungssucht ist unersättlich und frisst am liebsten – das Glück. Was Marie von Ebner-Eschenbach vor 100 Jahren schrieb, hätte wohl auch die Unterschrift von Regine Hildebrandt erhalten – und natürlich die von Sabine Bätzing.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 08/09 ab Seite 56.
Margit Schlesinger-Stoll, pr@schlesinger-stoll.de
Stichworte: Drogen, Drogenbeauftragte, Portrait, Porträt, Sabine Bätzing, Sucht