© RVDA. Sophie van der Stap
Mit 21 Jahren wurde bei einer Studentin aus Amsterdam eine seltene Krebserkrankung diagnostiziert, zwei Jahre später galt sie nicht nur als geheilt, sondern auch als berühmt. Sophie van der Stap, das Mädchen mit den neun Perücken, hat in diesem Jahr ihr zweites Buch veröffentlicht.
VITA: Sophie van der Stap wurde am 11. Juni 1983 in Amsterdam geboren. Nach dem Abitur begann sie 2002 mit einem Studium der Politikwissenschaft. Im Frühjahr 2005 diagnostizierten Ärzte bei ihr ein Rhabdomyosarkom. Während ihrer Krankheit begann sie zu schreiben und veröffentlichte 2006 in den Niederlanden „Das Mädchen mit den neun Perücken“, das zum Bestseller avancierte und 2008 auch in Deutschland unter dem Haupttitel „Heute bin ich blond“ erschien. In diesem Jahr hat die junge Autorin ihr zweites Buch veröffentlicht: „Morgen bin ich wieder da. Die Suche nach meinem zweiten Leben“. Sophie van der Stap lebt momentan in Paris und arbeitet als Journalistin und Autorin. Zudem ist sie internationale Botschafterin und Sprecherin von Orange Ribbon International, einer Stiftung, die sich weltweit für krebskranke Kinder, deren Angehörige und Pflegekräfte einsetzt und auch die Forschung unterstützt.
Wer, gerade erst erwachsen, einen Bestseller schreibt, noch dazu über das eigene Leben, verdankt dies meist nicht literarischer Qualität, sondern einem Vorleben, das die Öffentlichkeit interessiert, weil es glamourös, skandalös, amourös ist. Nicht so bei Sophie van der Stap. Weder sang, schauspielerte noch modelte sie, bevor sie krank wurde. Für sie wurde die Krankheit selbst eine Art Coming Out.
„Rhabdomyosarkom“ lautete die Diagnose im Frühjahr 2005, eine nur bei wenigen Menschen auftretende, sehr bösartige Krebserkrankung der Weichteile, die von entarteten Zellen der quergestreiften Muskulatur herrührt und meist bei Kindern unter zehn Jahren auftritt. Bei Sophie setzte sich das Sarkom an einem der Lungenflügel fest. Überlebenschance: etwa 50 Prozent für die ersten fünf Jahre. Was folgte, können nur diejenigen wirklich nachempfinden, die selbst eine Krebserkrankung durchgemacht haben: Klinikaufenthalte, Chemotherapien, Schweißausbrüche, Schwächephasen, Haarausfall. Angst, Schmerz, Bangen, Hoffen, ein Wechselbad der Extreme.
Sie hat starken Rückhalt von ihren Eltern, ihrer Schwester, ihren Freunden – doch aushalten muss sie die Krankheit selbst. In dieser Situation agiert Sophie van der Stap anders als die meisten. Sie zieht sich nicht ins Schneckenhaus zurück, versinkt nicht in Scham und Zweifel, verbirgt sich nicht hinter Klinikmauern, sondern versucht, ihrem Leben mit Krebs aus einer neuen Perspektive heraus möglichst viel abzuringen.
Bestärkt durch ein Buch von Lance Armstrong, der seine Hodenkrebserkrankung besiegte und danach mehrfach die Tour de France gewann, beginnt sie ein Tagebuch zu schreiben: über ihre Ängste, über ihre Freuden, über ihre Wut, über das, was ihr Halt gibt. Über ihre Schwärmerei für einen der Ärzte, über eine Liebe, die bald wieder zu Ende geht, über Reisen und Partys mit ihrer Freundin Annabelle, über Banalitäten und über Punktsiege beim Kampf gegen den Krebs. Vor die Tatsache gestellt, dass ihr Leben mit viel größerer Wahrscheinlichkeit als das von Gleichaltrigen schnell zu Ende gehen kann, flirtet, tanzt, lebt sie den Augenblick in vollen Zügen.
„Ich will zeigen, dass ein Leben mit Krebs möglich ist, dass ich nach wie vor Dinge genießen kann, zum Beispiel mich aufbrezeln, ausgehen.“ Doch neben der extrovertierten Jetzt-erst-recht-Frau gibt es auch die nachdenkliche Sophie: „Das Phänomen Zeit sieht ganz anders aus als vorher, als ich noch langfristige Pläne hatte. Zeit ist kein Brunnen mehr, so tief, dass man nicht auf den Grund sehen kann. Einen Grund, den nicht einmal die Sonne erreicht. Da ist bloß noch eine Pfütze, die von Tag zu Tag kleiner wird“, so schreibt sie in ihrem Buch.
Neunmal anders Sie kauft sich ihre erste Perücke, ein steifes, fremdes Ding, das scheinbar nichts mir ihr zu tun hat, doch sie gibt ihr einen Namen: Stella. Ohne langes Zögern bevölkern nach der ersten bald viele weitere Perücken ihre Wohnung und ihren Kopf, denn sie entdeckt beim Blick in den Spiegel, dass sie mit jeder nicht nur anders aussieht, sondern immer neue Facetten ihrer Persönlichkeit hervorhebt. Und alle haben Namen: Bebé, Blondie, Oema, Daisy, Platina, Pam, Sue, Lydia.
Da ist zum Beispiel Oema, ein langer Kupferschopf, mit dem sie sich selbstbewusst und sexy wie Uma Thurman in Pulp Fiction fühlt. Oder Daisy, mit der sie wie ein roman - tisches High School-Girl wirkt und die sie nach eigenem Bekunden dazu animiert, über jeden dummen Witz zu lachen und Milkshake statt Tomatensaft zu trinken. Als Pam ist sie sportiv und locker, als Sue ausdrucksstark und geheimnisvoll. Bebé, ein glatter, langer Blondschopf, wird oft mit einer mondänen Pelzkappe getoppt, so könnte sie für einen finnischen Designer auf den Laufsteg gehen. Und bei Platina ist Künstlichkeit Programm, Strass und grüne Wimpern begleiten die artifiziellste Sophie von allen.
Bestseller Sie hat kein Problem damit, dick aufzutragen. In ihrem Buch heißt es fast trotzig: „Meine Wimpern sind inzwischen alle weg. Aber die falschen sind länger und schöner … Ich habe meinen kürzesten Rock angezogen und eine knallrote Perücke aufgesetzt.“ Sie wagt sich aus der Deckung, will nicht nur akzeptiert, sondern auch begehrt werden. Weiblichkeit ist ihr wichtig und darf keinesfalls monatelang unter unförmigen Kitteln und rosa glänzender Kopfhaut verschwinden.
Das Schreiben scheint bei ihr keine Selbsttherapie, sondern ein Klärungsprozess, der ihr Freude bereitet. Keine Betroffenenheitsliteratur, keine Sinnfrage, sondern ein kraftvoller, ungeschminkter und gleichzeitig merkwürdig von Leichtigkeit bestimmter Textfluss voller Wortwitz und Galgenhumor. Als „Das Mädchen mit den neun Perücken“ 2006 erscheint, hat sie, was den Krebs anbelangt, noch keine Entwarnung erhalten, doch die junge Autorin präsentiert sich der Öffentlichkeit auf dem Buchcover stolz mit eigenem Nachwuchshaar.
Das Buch wird in den Niederlanden ein Bestseller, der 2008 auch in Deutschland erscheint. Der Spiegel schreibt begeistert, Sophie van der Stap finde „das Leichte im Schweren“. Der Stern schwärmt „Nie zuvor hat jemand mit soviel verzweifelter Chuzpe, mit so viel Lebendigkeit und Mut dem Tod die A-Karte gezeigt.“ Nach über einem Jahr Therapie kommt für Sophie die vorläufige Entwarnung. Der Krebs hat nicht in die Leber gestreut. Ihre Überlebenschancen steigen, doch als geheilt wird sie erst nach 80 Monaten gelten, das ist 2012. So lange Zeit kann eine Frau wie sie nicht auf Sparflamme leben.
Sinnsuche 2006 ist sie mit einem Mal berühmt. Ihr wandelbarer Kopf erscheint, zunächst in den Niederlanden, in Hochglanzmagazinen, in Tageszeitungen, im Fernsehen. Sie genießt den Hype ein paar Monate hemmungslos, badet in Berühmtheit, Zustimmung, Zuneigung, Erfolg. Doch irgendwann zieht sich die Welle zurück, es wird ruhiger um sie und sie steht vor den Fragen: Was jetzt? Wie geht es weiter? Wer und was bin ich?
Sie beginnt zu reisen, einmal um die ganze Welt. Heidelberg, Granada, Istanbul, Marrakesch, New York, Rio, Buenos Aires und Hongkong sind Stationen auf der großen Reise, die ein Jahr dauert und die sie im Nachhinein selbst etwas glamourös und „irgendwie krank“ empfindet. Irgendwann merkt sie, dass sie sich eigentlich nur noch nach Hause sehnt – doch genau dazu bedurfte es der Reise. Diese Reise und die Sinnsuche beschreibt sie in ihrem zweiten Buch „Morgen bin ich wieder da“. Am Ende weiß sie, was sie ist und bleiben will: eine Schriftstellerin.
Ihre Eltern und die Schwester unterstützten sie während der Krankheit und auf dem Weg zur Schriftstellerei bedingungslos. Sie begleiteten sie ins Krankenhaus, ließen sie schwach und wütend, traurig und fröhlich sein. Und konnten auch wieder loslassen – inzwischen ist Sophies Zimmer in der elterlichen Wohnung ein Teil des Bed & Breakfast-Angebots, das ihre Mutter mit Engagement betreibt. Im Interview wirkt Sophie van der Stap freundlich, zugewandt und natürlich.
Haben Chemotherapie und Medikamente ihr Angst gemacht? Ja, bestätigt sie, aber sie habe während der Therapie immer versucht, positiv zu denken und sich darauf besonnen, dass die Medikation auch ihr Freund, ihre Heilung war. Sie nimmt keine psychotherapeutische Hilfe in Anspruch, sondern versucht ihren eigenen Raum zu beschützen, nicht zu viele Termine zu vereinbaren, Ruhephasen nicht zu vernachlässigen. Sie läuft durch Pariser Parks und hat Pilates entdeckt, ein ganzheitliches Körpertraining, das entspannt, zentriert, die Muskulatur lockert und Kondition bringt.
Zukunft: Schriftstellerin Lockerheit und Kondition kann sie brauchen, eine ihrer wichtigsten Lektionen war: „Man kann nicht alles ändern, aber man kann alles gestalten.“ So gelingt es ihr, einen gemeinsamen Besuch im Krankenhaus mit den Eltern, bei dem ihre Mutter Brustkrebs-Nachsorge, sie selbst einen Kontrollund ihr Vater einen Vorsorgetermin wahrnehmen, als „eine Art Familienausflug“ zu bezeichnen. „Durch die Konfrontation mit dem Tod habe ich gelernt zu leben.“ In ihrem Pariser Appartement schreibt sie jetzt an einem neuen Buch, „Diesmal hat es endlich gar nichts mit mir zu tun.“ Man darf gespannt sein.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 07/09 ab Seite 56.
Margit Schlesinger-Stoll
Stichworte: Krebs, Leben mit Krebs, Porträt, Rhabdomyosarkom, Sophie van der Stap, Tagebuch