01. April 2010

Magen-Darm – Teil 1

Verdauung

Abbildung © ag visuell / www.fotolia.com © ag visuell / www.fotolia.com

Der Verdauungstrakt ist rund um die Uhr aktiv. In die Apotheke kommen die Menschen allerdings erst, wenn etwas im Magen-Darm-Kanal „nicht richtig funktioniert“ und Probleme wie Schmerzen, Druck, Sodbrennen oder Übelkeit auftauchen.

Büroarbeit, Fast Food, wenig Bewegung: Unsere zivilisierte Lebensweise macht dem Verdauungstrakt die Arbeit nicht leicht. Nach einem kurzen Einblick in Aufbau und Funktion des Magen-Darm-Trakts erhalten Sie hier einen Überblick über gastrointestinale Beschwerden und Erkrankungen samt Untersuchungsmethoden.

Verdauungsapparat: Aufbau und Funktion Der Verdauungstrakt besteht aus einem komplexen System hintereinander geschalteter Organe: Mundhöhle, Pharynx (Rachen), Ösophagus (Speiseröhre) und der Gastrointestinaltrakt mit Gaster (Magen) und Intestinum (Darm) gehören dazu. In weiterem Sinne sind sogar die Leber mit den Gallenwegen und die Bauchspeicheldrüse involviert, da sie Verdauungssäfte produzieren, die die Nahrung in ihre Bestandteile aufspalten.

„Gut gekaut ist halb verdaut“ – ist ein bekanntes Sprichwort, welches die Bedeutung des gründlichen Kauens verdeutlicht. Der Speisebrei wird hierbei mit Speichel vermischt, der Amylase, das erste Enzym zur Kohlenhydratverdauung, enthält. Beim Schlucken passiert der eingeweichte Speisebrei den Rachen, gelangt in die Speiseröhre und gleitet am unteren Ende durch Öffnen des Ösophagus-Sphinkters, dem Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen, in letzteren.

Magensäure und eiweißzersetzende Enzyme leiten hier die Proteinverdauung ein, der saure Magensaft mit einem pH-Wert von 0,8 bis 1,5 tötet fast alle mit der Nahrung aufgenommene Mikroorganismen ab. Feste Nahrungsbestandteile werden durch den Magensaft vermischt und verflüssigt, der Speisebrei durch starke Kontraktion der muskulösen Magenwand durchgeknetet (Magenmotilität). Je nach Beschaffenheit der zugeführten Nahrung verweilt diese unterschiedlich lang im Magen. Jeder kennt den Zustand, dass eine fettreiche Speise besonders „schwer im Magen liegt“. Zugeführte Nahrung hat dementsprechend auch Einfluss auf den Weitertransport von Arzneimitteln aus dem Magen in den Darm.

Um sich selbst vor dem salzsäurehaltigen Magensaft zu schützen, benötigt die Magenschleimhaut intakte Schutzfaktoren, insbesondere eine durchgehende Schleimschicht („Mukosabarriere“) und eine gute Schleimhautdurchblutung. Schließlich wird der Speisebrei portionsweise in den Dünndarm, der etwa drei Meter lang ist, abgegeben. In dessen ersten Darmabschnitt, dem etwa 25 Zentimeter langen Duodenum (Zwölffingerdarm), werden Gallen- und Bauchspeicheldrüsenflüssigkeit hinzugefügt und die Fettverdauung beginnt.

Insgesamt wird im Dünndarm, der noch aus den weiteren Abschnitten Leerdarm (Jejunum, etwa 1,2 Meter) und Krummdarm (Ileum, etwa 1,6 Meter) besteht, die Nahrung in kleinste Bausteine zerlegt. Die Nährstoffe werden über die Dünndarmschleimhaut in die Blutbahn aufgenommen. Aufenthaltsdauer der Nahrung im Dünndarm: um die sechs Stunden. Den letzten Teil der Verdauungsarbeit bewältigt der Dickdarm. Dieser besteht aus dem Caecum (Blinddarm) mit dem bekannten Wurmfortsatz (Appendix vermiformis), dem Kolon (Grimmdarm, etwa 1,3 Meter) sowie dem Rektum (Mast- oder Enddarm, etwa 15 bis 20 Zentimeter).

Im Dickdarm werden dem Nahrungsbrei primär Flüssigkeit und darin gelöste Elektrolyte entzogen. Während des täglichen Verdauungsvorgangs gelangen circa zehn Liter Flüssigkeit in den Darm, durch Trinken, Speichel, Magensaft, Darmsäfte, Pankreas- und Gallensaft, die primär im Dickdarm wieder aufgenommen werden müssen. Durch die Eindickung des Darminhaltes entsteht der Stuhl (Faeces). Die Verweildauer des Rest-Speisebreis im Dickdarm kann bis zu 24 Stunden oder auch mehr betragen.

Die Fortbewegung des Nahrungsbreis in den einzelnen Darmabschnitten erfolgt durch propulsive peristaltische Wellen. Durch ringförmiges Zusammenziehen und wieder Loslassen der Darmmuskulatur entsteht eine Welle, die Darmperistaltik, die den Nahrungsbrei vor sich herschiebt. Neben langsamen peristaltischen Wellen der Ringmuskulatur treten normalerweise ein bis dreimal täglich große peristaltische Wellen auf, die den Stuhl ins Rektum transportieren und so die Defäkation einleiten.

Der Defäkationsreflex wird ausgelöst, wenn bogenförmige untere Dickdarmabschnitte (Colon descendens und Sigmoid) eine entsprechende Füllung aufweisen. Bei einer ausreichend großen Füllmenge wird normalerweise Stuhldrang verspürt.

Gastrointestinale Beschwerden Magen-Darm-Beschwerden sind äußerst vielfältig. Häufig klagen Kunden in der Apotheke über Druck- oder Völlegefühl, Blähungen, Schmerzen, Sodbrennen, Schluckauf, Diarrhöe (Durchfall) und Obstipation (Verstopfung). Aber auch über Übelkeit bis hin zum Erbrechen von Mageninhalt oder Blut, Blut oder Schleim im Kot und andere Stuhlveränderungen wird ab und an berichtet. Deutet das geschilderte Beschwerdebild auf eine Gastritis (Magenschleimhautentzündung), ein Magen-oder Zwölffingerdarmgeschwür, eine virale oder bakterielle Magen-Darm-Infektion und andere schwerwiegendere akute oder chronische Erkrankungen hin, ist unverzüglich auf den Arzt zu verweisen.

Akute Erkrankungen, die häufig mit starken Schmerzen einhergehen, sind beispielsweise eine Blinddarmentzündung, ein Ileus (Darmverschluss) oder eine Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung). Mit Blut und Schleim im Stuhl machen sich häufig Divertikel, Hämorrhoiden, aber auch Darmkrebs bemerkbar.

Chronische Beschwerden können auf ein unspezifisches Reizmagen- oder Reizdarmsyndrom zurückzuführen sein, auf eine Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit), auf Zöliakie, eine Unverträglichkeit der Dünndarmschleimhaut gegen das in vielen Getreidesorten vorkommende Gluten (Klebereiweiß), oder auch auf andere Nahrungsmittelallergien, was sich unter anderem durch wiederkehrenden Durchfall nach Essen entsprechender Speisen äußert. Es kann aber auch eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), etwa Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, dahinterstecken. Auch Essstörungen wie Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Anorexie (Magersucht) führen über das unnatürliche Essverhalten zu anhaltenden Magen-Darm-Beschwerden.

Vielfältige Magen-Darm-Untersuchungen Kunden, die mit Beschwerden in die Apotheke kommen, stellen häufig eine Eigendiagnose. Bei harmlosen Blähungen, einer banalen Obstipation oder Diarrhöe, leichten Hämorrhoiden, ab und an auftretendem Sodbrennen können wir mit Tipps und Präparaten der Selbstmedikation gut weiterhelfen. Bei nicht zu diesen typischen Selbstmedikationsbildern gehörenden Beschwerden sollte auf den Arzt, insbesondere Gastroenterologen oder Proktologen, verwiesen werden.

Grundlage deren ärztlicher Diagnose ist die Anamnese: Treten Schmerzen im Ober- und Unterbauch, vor oder nach dem Essen auf, sind sie krampfartig oder andauernd? Durch Inspektion (Betrachten), Palpation (Abtasten), Perkussion (Abklopfen), Auskultation (Abhören) des Gastrointestinaltrakts erfährt der Arzt viel. Daneben können Blut- und Urinuntersuchungen, aber auch invasive Methoden notwendig werden.

Bei einer Gastroskopie (Magenspiegelung) wird ein dünner Schlauch durch Mund, Rachen und Speiseröhre in den Magen geschoben, ein spezielles Untersuchungsgerät mit kleiner Kamera (Endoskop) ermöglicht Aufnahmen von Speiseröhre, Mageninnerem, Zwölffingerdarm, Behandlung von Magenblutungen, Entnahme von Proben verdächtig aussehender Bereiche (Biopsien) und selbst Ultraschalluntersuchungen an Leber, Gallenblase/Gallengängen und Pankreas (endoskopische Sonographie).

Bei der Koloskopie (Dickdarmspiegelung), einer Untersuchung des Dickdarms über den After mit einem Spezialendoskop, können neben der Betrachtung bei Bedarf ebenfalls Gewebeproben entnommen oder kleinere operative Eingriffe wie eine Darmpolypenentfernung durchgeführt werden. Eine Darmspiegelung kann außerdem im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen zum Tumorausschluss angewandt werden (Darmkrebsvorsorge).

Per Sonographie (Ultraschalluntersuchung) können einzelne Darmschlingen oder Flüssigkeitsansammlungen sichtbar gemacht werden, Röntgenaufnahmen können – etwa durch freie Luft unter dem Zwerchfell – ein durchgebrochenes Magengeschwür anzeigen.

Mittels Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) kann der Bauchraum bildlich in viele kleine Schnitte zerlegt werden, wodurch auch kleinste Veränderungen oder Tumore sichtbar lokalisierbar sind.

Der Laktose-Toleranz-Test soll klären, ob der Darm in der Lage ist, Laktose (Milchzucker) zu verwerten, also mittels des Enzyms Laktase in seine zwei Bestandteile Glukose und Galaktose zu spalten. Bestimmt wird die in den Körper aufgenommene Glukosemenge anhand des Blutzuckerspiegels. Kann der Körper die Laktose nicht verwerten, fehlt der Blutzuckeranstieg.

Noch einfacher und unkompliziert für den Patienten ist ein H2-Atemtest. Dieser beruht auf der Messung der Konzentration des Wasserstoffs (H2) in der Ausatemluft. Das dahinter stehende Prinzip: Der ungespaltene Milchzucker im Darm vergärt, es entstehen verschiedene Gase, die größtenteils abgeatmet und dabei gemessen werden können.

Um das Magenbakterium Helicobacter pylori, einen wichtigen Auslöser vieler Magenschleimhautentzündungen und -geschwüre nachzuweisen, existiert neben einem HP-Antikörpernachweis im Blutserum, einem Stuhltest, dem kulturellen Keimnachweis oder dem Urease-Schnelltest aus dem Magenbiopsie-Material unter anderem auch ein spezieller Atemtest. Hierbei wird eine ungiftige, mit C13 markierte Harnstofftestlösung getrunken.

Im Infektionsfall spaltet die von Helicobacter produzierte Urease den aufgenommenen Harnstoff, setzt dadurch C13 frei, das in der Ausatemluft gemessen werden kann. Insbesondere nach einer HP-Eradikations-Therapie wird dieser Test gern zur Erfolgskontrolle verwendet.

WAS MAGEN UND DARM GUT TUT – EINFACHE TIPPS UND HAUSMITTEL BEI UNKOMPLIZIERTEN
BESCHWERDEBILDERN
- über 24 Stunden Nahrungskarenz oder nur leichtverdauliche Kost (Zwieback, Haferschleim)
- Verzicht auf Alkohol und Koffein
- viel Flüssigkeit, insbesondere Kamillentee
- Wärmflasche, Bettruhe
- Änderung der Lebensführung zur Vermeidung von psychischem Stress (eventuell progressive
   Muskelentspannung nach Jacobsen, autogenes Training, Yoga )
- Raucherentwöhnung

Vorbeugen – besser als heilen Wichtigste Eckpfeiler für ein gesundes Magen-Darm-System sind ballaststoffreiche Ernährung, ausreichende Bewegung und regelmäßige Krebsvorsorge. Ein hoher Obst- und Gemüseanteil hält die Verdauung in Schwung und ist als Schutz vor Karzinomen und Divertikel-Erkrankungen anerkannt. Die Darmtätigkeit wird durch ausreichend Bewegung angeregt, was Blähungen und Obstipation mit vermeiden hilft.

Bewegungs-und Entspannungsübungen sind auch bei häufig stressbedingten Erkrankungen, wie einer Gastritis oder Reizmagen/-darm, sinnvoll. Bei verschiedenen Krankheitsbildern, etwa bei Laktoseintoleranz oder einer Zöliakie, bietet sich eine auf die Krankheit abgestimmte Ernährung an. Raten Sie Kunden, insbesondere die von den Krankenkassen in Form von Vorsorgeuntersuchungen bezahlten Früherkennungsmaßnahmen für Krebserkrankungen regelmäßig wahrzunehmen. Im den weiteren Teilen dieses Repetitoriums werden einzelne gastrointestinale Beschwerden und Erkrankungen nebst Behandlung näher beleuchtet.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 04/10 ab Seite 44.

Dr. Eva-Maria Stoya, EStoya@gmx.de

Stichworte: Darm, Dickdarm, Dünndarm, Gastritis, Gastrointestinaltrakt, Gastroskopie, Helicobacter pylori, Koloskopie, Laktoseintoleranz, Magen-Darm-Bereich, Magen-Darm-Beschwerden, Magen-Darm-Erkrankung, Magen-Darm-Trakt, Magengeschwür, Sodbrennen, Verdauung, Verdauungsapparat, Verdauungsbeschwerden, Verdauungstrakt, Zwölffingerdarmgeschwüre, gastrointestinale Störungen, Übelkeit

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