01. September 2010

»Neuroleptika sind seit den 50er Jahren bekannt.«

Gefährliche Spaßverderber

Abbildung Prof. Dr. Holger Schulze Prof. Dr. Holger Schulze

Neuroleptika blockieren Dopaminrezeptoren und verhindern so die Wirkung dieses zentralen Botenstoffs in Gehirn, Herz-Kreislaufsystem und Niere. Trotz der daraus resultierenden Nebenwirkungen werden sie zunehmend verschrieben.

Kennen Sie das auch? Es ist soweit: Ein geliebter, älterer Mensch, vielleicht die eigene Mutter oder der eigene Vater, entwickelt deutliche Symptome einer Demenz. Er wird vergesslich, zunehmend unselbständig und schließlich zum Pflegefall. In vielen Familien wird diese Pflege dementer Angehöriger dann mit großer Hingabe geleistet. Für die Pflegenden sind dabei die mit einer Demenz oft einhergehenden Persönlichkeitsveränderungen des geliebten Menschen viel belastender als die mit der Pflege verbundenen körperlichen Anstrengungen. Sie empfinden die typische Aggressivität und Unbeherrschtheit als zutiefst verletzend und können die Situation schließlich seelisch nicht mehr ertragen.

Der letzte Ausweg ist dann meist ein Pflegeheim. Und hier erleben die Angehörigen dann oft eine scheinbar positive Überraschung, denn der eben noch so aggressive und störrische Elternteil wirkt nach ein paar Wochen im Heim wie ausgewechselt, ruhig und friedlich. Doch hier ist Vorsicht geboten, denn es könnte sein, dass der alte, unbequeme Mensch mit einem Neuroleptikum behandelt wurde und zwar einfach nur, um ihn „ruhig zu stellen“.

Wie aber wirken Neuroleptika, und warum sind sie potentiell so gefährlich? Neuroleptika sind spätestens seit den 90ern in ihrer Anwendung heftigst umstritten. Das liegt an ihrer Wirkungsweise und den damit verbundenen massiven Nebenwirkungen: Neuroleptika blockieren Dopaminrezeptoren. Als treuer Leser dieser Kolumne wissen Sie, dass der Botenstoff Dopamin zahlreiche wichtige Funktionen in unserem Gehirn hat, ist er doch von zentraler Bedeutung für Lernvorgänge (Langzeitgedächtnisbildung), Motivation (inneres Belohnungssystem, Freude am Erfolg) und Bewegungskoordination. Darüber hinaus wirkt er auf Herz-Kreislaufsystem und Niere.

Dementsprechend führt eine Unterbindung der Dopaminwirkung durch Neuroleptika zu Gedächtnisstörungen, Abstumpfung, Freudlosigkeit, innerer Leere und Depression bis hin zum Suizid (die Menschen empfinden sich als lebende Tote), Störungen der Motorik (Parkinson), Herz-Kreislauf- Störungen, Schlaganfall, Gewichtszunahme, Diabetes, gesteigerter Mortalitätsrate u.v.m.

Ursprünglich bei Schizophrenie mit teilweise gutem Erfolg eingesetzt, da man hier eine vermutete Überaktivität des dopaminergen Systems behandelt, werden Neuroleptika heute in vielen Industrienationen wie etwa den USA oder Deutschland trotz der verheerenden Nebenwirkungen immer häufiger verschrieben, selbst wenn keine zwingende Indikation dafür vorliegt und es alternative Behandlungsmethoden gäbe wie im Falle der Demenz.

Besonders alarmierend sind dabei die steigenden Verschreibungszahlen bei Kindern, denn das Gehirn wehrt sich gegen die Psychoblocker mit gesteigerter Dopaminproduktion und vermehrtem Rezeptorbesatz der Neurone, bis das ganze System irreparabel aus dem Gleichgewicht gerät. Wenn dies geschieht, ist die Persönlichkeit des einst geliebten Menschen für immer verändert oder zerstört – ich hoffe, das kennen Sie nicht …

ZUR PERSON
Prof. Dr. Holger Schulze
Hirnforscher
Holger.Schulze@uk-erlangen.de

Prof. Dr. Schulze ist Leiter des Forschungslabors der HNO-Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg sowie auswärtiges wissenschaftliches Mitglied des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Seine Untersuchungen zielen auf ein Verständnis der Neurobiologie des Lernens und Hörens. www.schulze-holger.de  

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 09/10 auf Seite 12.

Prof. Dr. Holger Schulze

Stichworte: Gehirn, Hirnforschung, Schulze

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