01. Mai 2010

»Das Gehirn und der Mozart-Effekt«

Macht Musik intelligent?

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Medien berichten immer wieder über angebliche positive Effekte musischer Ausbildung auf kognitive Fähigkeiten und Intelligenz. Aber macht Musik wirklich klüger?

Kennen Sie das auch? Schwangere, die sich und ihre ungeborenen Babys mit Mozart-Musik beschallen oder Eltern, die ihre dreijährigen Kinder, ob die wollen oder nicht, in die Musikschule treiben, immer in der Hoffnung, der Nachwuchs würde sich zu kleinen Genies entwickeln?

Die Vorstellung, dass eine gute musikalische Ausbildung oder auch nur das Hören „guter“, also klassischer Musik, sich positiv auf die Gehirnentwicklung auswirken würde, ist weitverbreitet und beruht letztlich auf einer Studie, die 1993 von Rauscher und Mitarbeitern in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde. Dort wurde berichtet, dass Versuchspersonen, die sich für 10 Minuten Mozartkompositionen angehört hatten, in räumlich-visuellen Test besser abschnitten als Kontrollpersonen, die die gleiche Zeit in Ruhe verbracht hatten.

In der Studie wurde dies als „Mozart-Effekt“ bezeichnet und als Beleg für einen durch die Musik hervorgerufenen deutlichen Zuwachs an allgemeiner Intelligenz gewertet. In der Folge entwickelte sich daraufhin sogar eine ganze Industrie, die Mozart- CDs für Neugeborene oder entsprechende Frühförderkurse für Sprößlinge bildungsbewußter Eltern anbot: Zwei US-Bundesstaaten begannen sogar, Schulkinder täglich klassische Musik hören zu lassen sowie Mozart-CDs an Neugeborene zu verschenken.

Leider ist es nicht so einfach mit der Intelligenz: Zum einen hält der „Mozart-Effekt“ nur für 20 bis 30 Minuten an, zum anderen ist er – wenn überhaupt nachweisbar – sehr spezifisch auf räumlich-visuelle Aufgaben beschränkt und wirkt sich keineswegs ganz allgemeinen auf Intelligenz aus. Nach derzeitigem Kenntnisstand wirkt sich passives Hören von Musik unter bestimmten Bedingungen zwar positiv auf verschiedene kognitive Fähigkeiten aus, die Leistungssteigerungen sind aber immer nur kurzfristig und beruhen daher offenkundig nicht auf dauerhaft intelligenzsteigernden Veränderungen im Gehirn.

Vielmehr lassen sich die durch Musik ausgelösten Effekte wohl durch eine allgemein gesteigerte kognitive Erregung und verbesserte Stimmung erklären. Und dabei ist es egal, ob Sie Mozart oder irgendeine andere Musik hören, es kommt nur darauf an, dass sie Ihnen gefällt! Überdies können dieselben Effekte auch durch andere äußere Einflüsse erzielt werden, wenn sie in ähnlicher Weise anregend und stimmungsaufhellend sind, sei es ein gutes Buch, eine Tasse Kaffee oder ein Stück Schokolade – es kommt nur auf die persönliche Präferenz an!

Langzeiteffekte, etwa einer musikalische Früherziehung, konnten noch nicht sicher belegt werden: Zwar existieren Korrelationen zwischen Musikunterricht und bestimmten Sprachkompetenzen, ein kausaler Zusammenhang konnte aber nie bewiesen werden und der Effekt beschränkt sich auf den beiden Fähigkeiten gemeinsamen phonologischen Bereich. Im Gehirn ist es eben wie im Sport: Wenn eine bestimmte Fähigkeit verbessert werden soll, dann muß genau das trainiert werden und nicht etwas anderes, wer höher springen kann, wird nicht automatisch auch schneller laufen – so kennen Sie das sicher auch …

ZUR PERSON
Prof. Dr. Holger Schulze
Hirnforscher
Holger.Schulze@uk-erlangen.de

Prof. Dr. Schulze ist Leiter des Forschungslabors der HNO-Klinik der Universität Erlangen-Nürnberg sowie auswärtiges wissenschaftliches Mitglied des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Seine Untersuchungen zielen auf ein Verständnis der Neurobiologie des Lernens und Hörens. www.schulze-holger.de

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 05/10 auf Seite 12.

Prof. Dr. Holger Schulze

Stichworte: Förderung, Fötus, Gehirn, Gehirnentwicklung, Hirnforschung, Mozart-Effekt, Musik, kognitive Fähigkeiten

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