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Erstmals wurden Koordinationsstörungen mit einem Medikament erfolgreich behandelt.
Als Ataxien werden Krankheiten des Kleinhirns und seiner Verbindungen bezeichnet, deren gemeinsames Merkmal fortschreitende oder wiederkehrende Störungen der Bewegungskoordination sind. Der Verlust von Nervenzellen führt dabei zu einem fehlerhaften Zusammenspiel verschiedener Muskelgruppen und oft zu Störungen des Gleichgewichts, der Körperhaltung und des Lagesinns. Das Greifen von Gegenständen wird ebenso erschwert wie das Gehen und das Sprechen.
Abhängig vom Typ der Ataxie können Schwäche und Muskelschwund hinzukommen und in der Folge Deformationen des Skelettes, Störungen des Seh- und Hörvermögens oder vielfältige andere Beeinträchtigungen. Da es sehr viele unterschiedliche Arten von Ataxien gibt, variieren auch die Schätzungen zu der Zahl der Patienten in Deutschland zwischen etwa 4000 bis zu 15 000.
In einer Pilotstudie haben Neurologen versucht, mit dem Wirkstoff Riluzol überaktive Nervenzellen zu regulieren, die bei vielen Formen der Kleinhirn-Ataxie eine Rolle spielen könnten. Riluzol ist bisher ausschließlich bei Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose zugelassen, einer Erkrankung mit Muskelschwund und Lähmungen.
Dazu wurden zwei Gruppen von insgesamt 38 Patienten im Alter zwischen 20 und 78 Jahren untersucht. Die eine Gruppe erhielt acht Wochen lang zwei Mal täglich Tabletten mit 50 Milligramm Riluzol, die andere Gruppe ein Scheinmedikament. Gemessen wurde der Nutzen der Behandlung anhand der 100 Punkte umfassenden Skala ICARS (International Cooperative Ataxia Rating Scale). Hier verbesserten sich im Vergleich zum Ausgangswert bereits nach vier Wochen 9 von 19 Patienten um fünf oder mehr Punkte gegenüber lediglich einem Patienten unter Placebo.
Nach acht Wochen hatten sich sogar 13 Patienten unter Riluzol um mindestens fünf Punkte verbessert, aber weiterhin nur einer, der ein Scheinmedikament erhalten hatte. Im Durchschnitt hatten die Riluzol-Empfänger zum Studienende sieben Punkte hinzugewonnen – ein statistisch signifikanter Unterschied zu den 0,16 Punkten, um die sich die Placeboempfänger verschlechtert hatten. Dies sei den Forschern zufolge ein „substanzieller klinischer Effekt innerhalb eines derart kurzen Zeitfensters.“
Lediglich vier Meldungen über milde Nebenwirkungen wurden erfasst: Zwei Verum-Empfänger zeigten erhöhte Leberwerte und in beiden Gruppen litt jeweils ein Patient vorübergehend unter Schwindel. Insgesamt könnten diese Ergebnisse den Langzeitgebrauch von Riluzol bei Patienten mit chronischen Kleinhirn-Ataxien rechtfertigen, meinen die italienischen Wissenschaftler.
Weitere Studien mit längerer Beobachtungsdauer und größeren Patientendaten zur Bestätigung der Ergebnisse seien zwar notwendig. Dann aber könne Riluzol womöglich als symptomatische Therapie der ersten Wahl betrachtet werden und zwar bereits noch während die oftmals aufwändige und zeitraubende Diagnose der genauen Ataxie-Form im Gange ist – oder sogar als zusätzliche Therapie bei heilbaren Formen der Kleinhirn-Ataxie. Quelle: www.dgn.org
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 06/10 auf Seite 10.
Stichworte: Ataxie, Behandlung, Gehirn, Gleichgewichtsstörungen, Kleinhirn, Koordinationsstörungen, Nervenzellen, Riluzol, Studie, Therapie