01. Dezember 2010

Alles Natur?

Progesteron

Abbildung © Marco Schmidt © Marco Schmidt

Frauen fühlen sich gesund, wenn ihr Hormonhaushalt gut ausbalanciert ist. Treten Beschwerden auf, können Sexualsteroide helfen. Wissen Sie über Gelbkörperhormon und die Yamswurzel Bescheid?

Bei Wechseljahresbeschwerden denken die meisten Frauen an einen Estrogenmangel. Doch dieses Hormon ist nicht immer allein für Gereiztheit, Schlafstörungen oder Hitzewallungen verantwortlich. Heute weiß man, dass zehn bis 15 Jahre vor der Menopause nicht in jedem Monat ein Follikel reift. Es treten anovulatorische Zyklen auf – das heißt, in diesen Monaten wird auch kein Gelbkörper gebildet und damit (fast) kein Progesteron!

Da die Periode trotzdem kommt, merken viele Frauen nichts von dem beginnenden Ungleichgewicht der Hormone, dem Fehlen des Progesterons und dem Überwiegen des Estrogens. Gerade während der Wechseljahre kann es längere Phasen einer Estrogendominanz geben, wenn die Eierstöcke kein Progesteron, aber noch Estradiol produzieren. Zu dieser Situation kommt es immer wieder dadurch, dass Eisprünge nur noch unregelmäßig stattfinden. Erst Zyklusunregelmäßigkeiten, wie verlängerte oder zu kurze Zyklen, heftige Regelblutungen, Brustspannen, Gewichtszunahme, Wassereinlagerung, Schlafstörungen und depressive Verstimmungen führen sie dann zum Arzt oder Rat suchend in die Apotheke.

Irreführende Bezeichnung Landläufig wird das Progesteron, also das physiologische Gelbkörperhormon, oft als Gestagen bezeichnet – und Gestagene wiederum als Gelbkörperhormone. Im medizinischen Sprachgebrauch ist der Begriff jedoch unterschiedlich definiert: Synthetische Stoffe, die progesteronähnliche Wirkungen haben, werden Gestagene genannt (im englischen Sprachraum: Progestine, Progestogene oder Progestativa) im Unterschied zum körpereigenen Progesteron selbst.

Dies führt häufig zu Verwirrungen im Dialog zu diesem Thema bis hin zu der Tatsache, dass Progesteron gelegentlich mit Gestagenen gleichge setzt wird, die sich allerdings in ihrer molekularen Struktur zum Teil erheblich vom körpereigenen Gelbkörperhormon unterscheiden können. Es gibt nur ein Progesteron, also ein Gelbkörperhormon. Weil das Steroidhormon für eine orale Anwendung nicht in Frage kommt, da es im Magen-Darm-Trakt sehr rasch metabolisiert und damit inaktiviert wird, wurden synthetische Derivate bzw. synthetische Gestagene entwickelt. Diese sind allesamt künstlich her gestellt und chemisch verändert, wodurch eine stärkere und längere Hormonwirkung erzielt worden ist, was zum Teil unerwünschte Nebenwirkungen wie eine nachteilige Beeinflussung von Fettstoffwechsel und Blutzucker hervorrufen kann.

Was ist „natürliches“ Progesteron? Im Internet wird häufig von Präparaten mit „natürlichem Progesteron“ gesprochen, obwohl auch diese Produkte, die als Cremes, Tabletten, Zäpfchen, Injektionen oder Nahrungsergänzungsmittel zur Behandlung von menopausalen und prämenstruellen Beschwerden, gegen Altershaut/Falten und bei vaskulären Problemen in der Menopause eingesetzt werden können, im Labor chemisch hergestellt werden.

Was mit dem Attribut „natürlich“ gemeint sein kann, ist spekulativ. Wahrscheinlich handelt sich um eine Übertragung aus dem Englischen bzw. Amerikanischen („Natural hormone replacement therapy – NHRT“) und einer Wortschöpfung von Marketingleuten zur anthroposophischen Ummäntelung synthetischer Medikamente – und damit ein blumiges Werbeattribut. Insofern geht es wohl um die wissenschaftlich falsche, aber für Laien verständliche Abgrenzung des Progesterons als physiologischem Gestagen gegenüber den synthetischen Gestagenen. Denn eine Extraktion aus tierischem Biomaterial oder menschlichen Körperflüssigkeiten ist – vergleichbar zur Gewinnung konjugierter Estrogene – für Progesteron nicht bekannt.

Wirkstoff aus der Yamswurzel Progesteron wird halbsynthetisch aus pflanzlichen Ausgangsstoffen, den Saponinen gewonnen. Eine Rolle spielen hier die Diosgeninglykoside bestimmter Dioscorea-Arten, auch Yam oder Yamswurzel genannt. Trotz der phytohormonellen Wirkung ist Diosgenin kein Progesteronvorläufer, wie oft behauptet wird. Industriell wird zwar der Wirkstoff Diosgenin in eine bioidentische Ersatzform des Hormons umgewandelt – das so gewonnene Molekül ist dann chemisch identisch mit dem vom Gelbkörper des Eierstocks produzierten. Um die Bioverfügbarkeit dieses naturidentischen Progesterons zu erhöhen, wird es außerdem mikronisiert; dadurch werden nach oraler Einnahme seine Auflösung und die Aufnahme des Hormons im Verdauungsapparat verbessert.

Cremes aus Yamswurzelextrakt sind nicht mit naturidentischen („natürlichem“) Progesteron gleichzusetzen. Sie enthalten in der Regel nur das Basisprodukt – also das Saponin Diosgenin. Ob eine enzymatische Umwandlung von Diosgenin zu Progesteron auch im menschlichen Organismus stattfindet, ist nicht erwiesen. Bioidentisches Progesteron kann neben dem aus der Yamswurzel enthaltenen Saponin-Wirkstoff Diosgenin auch aus den pflanzlichen Sterinen aus der Sojabohne künstlich hergestellt werden.

Für die ärztlich rezeptierte Therapie stehen entsprechende mikronisierte Progesteron-Kapseln zum Einnehmen oder zum Einführen in die Scheide, aber auch Gel zum Auftragen auf die Haut zur Verfügung. Lokal angewandt, wird durch die Umgehung der ersten Leberpassage der Stoffwechsel weniger belastet. Oral zugeführt, werden Fettstoffwechsel, Blutzucker, Blutdruck und Blutgerinnung nicht negativ beeinflusst.

Die verschiedenen Produkte Da die Palette der Angebote breit gefächert ist, hier einige Hinweise für das Beratungsgespräch. Wie alle Hormone sollte Progesteron immer unter ärztlicher Aufsicht und nur bei einem bestehenden Hormonmangel eingenommen werden. Empfehlen Sie Produkte, die ausschließlich Progesteron in mikronisierter Form enthalten. Mikronisiertes Progesteron ist sehr stark angstlösend und bewirkt Müdigkeit. Daher sollte es abends eingenommen werden.

In Deutschland ist „natürliches“ (besser: natur- bzw. bioidentisches) Progesteron verschreibungspflichtig. Es sollten keine Kombinationscremes verwendet werden, hinzugefügt sind diesen beispielsweise Estrogene oder pflanzliche Inhaltsstoffe. Cremes aus Yamswurzelextrakt sind nicht mit naturidentischen („natürlichem“) Progesteron gleichzusetzen. Sie enthalten in der Regel nur das Basisprodukt – also das Saponin Diosgenin.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 12/10 ab Seite 38.

Dr. Kirsten Schuster, Medizinjournalistin

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