© Jayson Punwani / www.iStockphoto.com. Die PTA ermittelt.
Pflanzliche Arzneimittel werden oft als besonders nebenwirkungsarm und verträglich mit anderen Medikamenten angesehen. Ein Irrtum, der bei Ihren Kundinnen zu Überraschungen führen kann.
Der Fall Frau Lenz ist heute mal wieder gar nicht gut drauf. Sie fragt in der Apotheke nach einem rezeptfreien Mittel, um ihre Stimmung zu verbessern. Nach Möglichkeit soll es etwas Pflanzliches sein. Die PTA empfiehlt ihr ein Johanniskrautpräparat und Frau Lenz ist sofort überzeugt. Vor der Abgabe fragt die PTA noch, ob die Kundin denn weitere Arzneimittel einnehme. Sie antwortet: „Ja klar, die Pille. Aber das spielt sicher keine Rolle. Johanniskraut ist doch rein pflanzlich.“ Da ist die PTA anderer Meinung.
Pharmakologischer Hintergrund Johanniskraut wirkt antidepressiv. Es wird bei innerer Unruhe, psychovegetativen Störungen und leichten Depressionen eingesetzt. Da es das einzige nicht verschreibungspflichtige Antidepressivum ist, wird es im Rahmen der Selbstmedikation gerne empfohlen. Zu beachten ist dabei allerdings, dass Johanniskraut mit zahlreichen Arzneistoffen interagiert. Es werden sowohl pharmakokinetische als auch pharmakodynamische Interaktionsmechanismen beschrieben.
In unserem Fall wird die Wirkung des hormonellen Kontrazeptivums durch Induktion des Enzyms Cytochrom P450 abgeschwächt. Es handelt sich also um eine pharmakokinetische Interaktion. Die Wirkstoffe des Johanniskrauts bewirken die vermehrte Bildung des Subtyps CYP 3A4 in der Leber und im Darm. Da das Enzym an der Elimination von Estrogenen und Gestagenen beteiligt ist, wird deren Abbau beschleunigt und damit die Wirkung der Pille herabgesetzt. Die Wirkung tritt mit einer zeitlichen Verzögerung ein. Ab einer Woche nach der gemeinsamen Einnahme von Johanniskraut und dem hormonellen Kontrazeptivum kann es zu Zwischenblutungen kommen.
Die Wechselwirkung ist relativ gut untersucht. Es existieren mehrere Studien zu dieser Problematik. Ein Eisprung trat in den untersuchten Fällen nicht auf. Allerdings gibt es neben den Studien mehrere Fallberichte, in denen von ungewollten Schwangerschaften durch gleichzeitige Einnahme von Johanniskraut und Pille berichtet wurde. Welcher Inhaltsstoff des Johanniskrauts für die Interaktion verantwortlich ist, ist noch nicht geklärt. Untersuchungen weisen darauf hin, dass Hyperforin der Übeltäter sein könnte. Sicher ist das allerdings noch nicht, weshalb Extrakte mit niedrigem Hyperforingehalt keine Alternative darstellen.
Zurück zum Fall Die PTA erklärt Frau Lenz, dass auch pflanzliche Arzneimittel Nebenwirkungen haben und Wechselwirkungen auslösen können. Sie rät ihr von der gleichzeitigen Einnahme beider Arzneimittel ab. Frau Lenz fragt nach, ob denn der Umstieg auf ein Hormonpflaster eine Lösung sein könnte. Das kann die PTA nur verneinen, denn genau wie die Pille enthält auch das Hormonpflaster Estrogene und Gestagene, die durch Johanniskraut beschleunigt abgebaut werden. Die PTA empfiehlt der Kundin, während der Zeit der Einnahme des Antidepressivums sicherheitshalber zusätzliche nicht-hormonelle Verhütungsmaßnahmen vorzunehmen. Sie kann natürlich auch einen Arzt aufzusuchen, der dann gegebenenfalls ein anderes Antidepressivum verordnet.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 05/10 auf Seite 28.
SB
Stichworte: Antidepressivum, CYP 3A4, Cytochrom P450, Depressionen, Interaktionen, Johanniskraut, Nebenwirkungen, Phytopharmaka, Pille, Wechselwirkungen, pflanzliche Arzneimittel