Weniger ist mehr

Intimpflege

Abbildung © IKO / www.fotolia.com © IKO / www.fotolia.com

Übertriebene Hygiene schadet der empfindsamen weiblichen Genitalregion und kann verursachen, was eigentlich verhindert werden soll – Infektionen.

Täglich mit klarem Wasser und per Hand sanft reinigen, dabei nur die äußere Scheidenregion von vorn bis hinten waschen – diese Intimpflege ist vollkommen ausreichend, um sich ein gesundes vaginales Bakterienmilieu zu erhalten. Denn die Vaginalflora, die überwiegend aus Laktobazillen besteht (auch als Döderlein-Bakterien bekannt), wehrt ausgezeichnet pathogene Keime ab, indem sie den pH-Wert der Scheide zwischen 3,8 und 4,5 hält. Steigt der pH-Wert allerdings ins alkalische Milieu, können sich die unerwünschten Bakterien vermehren, sodass es zu Infektionen wie Vaginalmykosen oder bakterielle Vaginosen kommt.

Richtige Pflege Dadurch, dass der Vaginalbereich einen anderen, sprich niedrigeren pH-Wert als die Körperhaut aufweist, kann allein die Verwendung von alkalischen Seifen & Co. zu Irritationen führen. Auch Inhaltsstoffe wie Alkohol oder Parfum sind nicht geeignet. Werden daher spezielle Intimwaschlotionen verwendet, ist auf deren Zusammensetzung zu achten. Abzuraten ist von Intimsprays, Scheidenspülungen oder desinfizierenden Lotionen. Da die Scheidenregion „selbstreinigend“ agiert, ist in diesem Falle „weniger wirklich mehr“, da ansonsten schlimmstenfalls zu viele der wünschenswerten Milchsäurebakterien entfernt werden.

Neben der richtigen Reinigung sind es weitere einfache Maßnahmen, die ein gesundes Vaginalklima bedingen, nämlich beispielsweise

  • das tägliche Wechseln der Unterwäsche, die am besten aus Baumwolle besteht und bei 60 Grad waschbar ist.
  • nach dem Schwimmen einen trockenen Badeanzug anziehen.
  • in der Sauna ein eigenes Handtuch zum Hinsetzen verwenden und
  • Whirlpools meiden.

Vaginalmykose Ist das gesunde Scheidenmilieu ins Wanken geraten, können Hefepilze Überhand nehmen, besonders die der Gattung Candida. Die Art Candida albicans ist in 80 bis 90 Prozent der Fälle der Verursacher eine Vaginalkandidose (Kandidose = eine durch Candida hervorgerufene Infektion). Zu einem wesentlich geringeren Prozentsatz finden sich dann andere Arten wie Candida glabrata (2 bis 5 Prozent), Candida krusei (1 bis 3 Prozent), ferner Candida tropicalis oder Candida parapsilosis. Bei etwa 20 Prozent aller nichtschwangeren Frauen vor der Menopause lassen sich Hefepilze nachweisen, von den Schwangeren sind am Geburtstermin etwa 30 Prozent betroffen. Dagegen finden sich nur bei 5 Prozent der gesunden Frauen nach den Wechseljahren Scheidenpilze, während 30 Prozent der Frauen mit einer Abwehrschwäche unter ihnen leiden.

Entscheidend für die Ausbreitung der Hefepilze ist neben dem eigenen Immunsystem auch das Glukoseangebot in der Vagina. Nimmt dieses zyklusabhängig – wie in der zweiten Zyklushälfte – durch den Einfluss der Sexualhormone zu, besteht die Gefahr, dass ein zuckerhaltigeres Milieu auch entsprechende Pilze anlockt. Ist der pH-Wert zudem durch einen Mangel an Milchsäurebakterien alkalisch geworden, bietet sich ein idealer Nährboden für Candida albicans.

Weitere Auslöser für einen Vaginalmykose können neben Hormonschwankungen (Periode, Pille) auch endokrine Störungen sein, zum Beispiel eine Schilddrüsenüberoder -unterfunktion. Auch eine vorangegangene systemische Behandlung mit Antibiotika kann dazu führen, dass die Zahl der Laktobazillen abnimmt. Die Hefepilze stammen dabei zumeist vom eigenen oder Körper des Partners, d. h. aus dem Mundbereich, Dickdarm oder der Haut.

Gerade die Toilettenhygiene (nie in Richtung Scheide säubern) sowie die Hygiene beim Geschlechtsverkehr (nie direkt von Anal- auf Vaginalverkehr wechseln, bei Analverkehr den Anus zudem vorher waschen) ist daher wichtig, um keine unerwünschten Keime zu verschleppen.

Aber auch während der Menstruation kann unbeabsichtigt ein Klima entstehen, in dem sich Hefepilze besonders wohl fühlen – wenn nämlich Tampons und Binden zu lange getragen werden. Letztere sollten zudem ohne Plastikfolie auskommen, die zusätzlich noch für einen Luftstau sorgt.

Therapie Juckreiz, Brennen und Ausfluss – das sind die typischen Beschwerden, wenn eine Scheidenpilzinfektion vorliegt. Je nach Ausprägung können diese in leichter oder schwerer Form vorhanden sein. Tritt die Infektion das erste Mal oder während der Schwangerschaft auf, sollten die Betroffenen ihren Frauenarzt aufsuchen, der mittels Abstrich und Untersuchung feststellen kann, ob nicht auch etwas anderes dahinter steckt. Kennt Ihre Kundin allerdings ihren Körper und seine Symptome, kann sie zu freiverkäuflichen Produkten greifen. Bringen diese keine Linderung, ist auch hier ein Arztbesuch notwendig.

Zugelassen für die lokale Behandlung der Vaginalmykose in Form von Vaginaltabletten oder Salben sind Polyene, Imidazole und Ciclopiroxolamin-Vaginalia. Klingt die Erkrankung damit nicht ab oder tritt immer wieder auf, eignen sich zur systemischen Behandlung orale Triazole wie Fluconazol oder Itraconazol.

Was ist mit dem Darm? Erst wenn eine Vaginalmykose sehr hartnäckig ist sowie identische Pilze auch im Mund und Stuhl gefunden werden, steht eine Therapie des Darmtrakts mit Amphotericin und/oder Nystation. Eine spezielle Diät ist dagegen nicht angezeigt.

Bakterielle Vaginose Gynäkologen stellen bei rund fünf Prozent der Frauen im Rahmen der Vorsorgeunteruntersuchungen eine Aminvaginose fest, bei Schwangeren sind zwischen 10 und 20 Prozent betroffen. Bei dieser Krankheit vermindert sich die Zahl der Laktobazillen in der Scheide, während die von anaeroben Mikroorganismen wie zum Beispiel Gardnerella vaginalis oder Atopobium vaginae zunimmt. Dieses Ungleichgewicht lässt den vaginalen pHWert über 4,5 ansteigen.

Die Betroffenen berichten über einen vermehrten Ausfluss und einen damit oft einhergehenden „fischigen Geruch“. Problematisch dabei: Die bakterielle Vaginose ruft bei rund der Hälfte der erkrankten Frauen keine solchen Beschwerden hervor. Unbemerkt und damit unbehandelt besteht allerdings ein Risiko, dass die Infektion aufsteigt und damit Gebärmutterhals, Gebärmutterschleimhaut oder Eileiter und Eierstöcke betroffen sind. Um nicht daran zu erkranken, ist die bereits geschilderte Hygiene während und nach dem Geschlechtsverkehr daher oberstes Gebot.

Ein weiterer Risikofaktor ist psychosozialer Stress. Zudem scheint es auch von der jeweils genetisch geprägten Immunantwort der Frau abzuhängen, ob eine Infektion ausbricht. Vorsicht ist besonders bei Trägerinnen einer Intrauterinspirale geboten, da diese das Aufsteigen zu den anderen Geschlechtsorganen zu fördern scheint. Vor der Einlage eine Spirale muss daher der Arzt sicher gehen, dass keine bakterielle Vaginose vorliegt – dies gilt auch für intrauterine Eingriffe.

Aminvaginosen und insbesondere die aufsteigenden Infektionen stellen in der Schwangerschaft eine Gefährdung dar: Sie erhöhen das Risiko für einen vorzeitigen Blasensprung, vorzeitige Wehentätigkeit, Fehlgeburten und für Komplikationen während und nach der Geburt. Manche Schätzungen sehen bei etwa 20 Prozent der Frühgeburten vaginale Infektionen als Grund. Experten raten daher, alle Schwangeren auf bakterielle Vaginose zu untersuchen.

Diese Untersuchung können die Frauen auch selber vornehmen, indem sie den pH-Wert in der Scheide mittels spezieller Teststäbchen oder Handschuhe messen. Sinnvoll wäre es, auch bereits vor einer geplanten Schwangerschaft Abweichungen des pHWertes über 4,5 zu erkennen, um diese frühzeitig korrigieren zu können und damit das Risiko speziell für Frühgeburten zu senken.

SCHWANGER – AUSREICHEND MIT VITAMIN D VERSORGT?
Einer US-amerikanischen Studie zufolge war bei rund 41 Prozent der untersuchten Schwangeren, die an einer bakteriellen Vaginose litten, der Vitamin-D-Wert niedriger als bei den gesunden Kontrollpatientinnen. Vitamin D spielt eine wichtige Rolle für ein funktionierendes Immunsystem.
Empfehlen Sie Ihren schwangeren Kundinnen allerdings nicht, auf eigene Faust Vitamin D zuzuführen, sondern sich ihren Status vorher beim Arzt bestimmen zu lassen.

Therapie Wird eine bakterielle Vaginose festgestellt, kommen die Wirkstoffe Metronidazol (oral oder als Vaginaltablette) und Clindamycin (2 %ige Vaginalcreme) zum Einsatz. Um während sowie im Anschluss an die Behandlung das bakterielle Gleichgewicht dauerhaft wieder herzustellen, kann zusätzlich Milchsäure als Zäpfchen oder Gel intravaginal verwendet werden. In der Schwangerschaft gestaltet sich die Therapie der bakteriellen Vaginose etwas anders. Nach dem ersten Schwangerschaftsdrittel kann Clindamycin oral angewandt werden. Neuen Erkenntnissen zufolge gilt dies auch für Metronidazol. Ansonsten bleibt die intravaginale Anwendung.

Tipps für die Beratung „Natürliche“ Produkte wie Joghurt, Knoblauch oder Teebaumöl sind weder für die Behandlung der Vaginalmykose noch der Aminvaginose geeignet. Im Gegenteil: Sie reizen die ohnehin gestörte und entzündete Scheidenflora noch mehr. Teebaumöl kann zu Kontaktallergien führen, Knoblauch zu Hautirritationen. Das Problem bei Joghurt: Als Lebensmittel unterliegt er nicht dem Arzneimittelgesetz. Zudem kann selbst ein Naturjoghurt ohne weitere Zusätze auch ungewollt, sprich wenn verdorben, Bakterienstämme enthalten, die denen in der Vagina nicht zuträglich sind. Raten Sie Ihren Kundinnen von solchen Experimenten daher ab.

Was die Laktobazillen aus dem Joghurt betrifft: Milchsäurebakterien sind empfehlenswert, aber nicht in Form von Joghurt getränkten Tampons – die zudem noch zusätzlich Feuchtigkeit entziehen – sondern als Zäpfchen, Tabletten oder Gele. Deren Zusammensetzung garantiert zudem einen für das Scheidenmilieu optimalen pH-Wert, sodass die natürliche Barrierefunktion wieder hergestellt wird.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 05/10 ab Seite 14.

Dr. Petra Kreuter, Redaktion

Stichworte: Aminvaginose, Candida albicans, Clindamycin, Döderlein-Bakterien, Fluconazol, Hefepilz, Intimpflege, Itraconazol, Laktobazillen, Metronidazol, Scheidenflora, Scheidenpilz, Vaginalbereich, Vaginalmykosen, Vaginose, bakterielle Vaginosen

Weitere Informationen

Zur Übersicht

  • Facebook
  • Twitter
  • delicious
  • MisterWong
  • stumbleupon
  • Google
  • Reddit
  • Digg
  • Technorati
  • Newsvine
  • Windows
  • Yahoo!
  • RSS