COMPLIANCE – Teil 6

Das geht unter die Haut

Abbildung © Krystian Kaczmarski / www.iStockphoto.com © Krystian Kaczmarski / www.iStockphoto.com

Transdermale therapeutische Systeme bieten den Anwendern viele Vorteile: Sie verbessern die Compliance, gewährleisten gleichmäßige Wirkspiegel und sind gut verträglich.

Unsere Haut erfüllt gleich mehrere Funktionen: Sie reguliert den Wasserhaushalt, steuert die Körpertemperatur, ist unser größtes Sinnesorgan und schützt vor dem Eindringen von Fremdstoffen und Erregern. Die Haut ist aber keine undurchdringbare Barriere. Arzneistoffe mit bestimmten physikalischen Eigenschaften können durch die Hautschichten penetrieren und im Körper ihre Wirkung entfalten.

Dazu müssen sie lipophil sein und möglichst auch in geringen Konzentrationen wirksame Plasmaspiegel erreichen. Wie leicht eine Substanz eindringen kann, hängt nicht nur von den Stoffeigenschaften, sondern auch von der Dicke der Hornschicht der Körperregion ab. Hände und Füße sind deshalb für die Arzneistoffanwendung über Pflastersysteme nicht geeignet.

Intelligente Systeme Transdermale therapeutische Systeme (TTS) sind wirkstoffhaltige Pflaster, die einen Transport der enthaltenen Arzneistoffe über die Haut in das darunter liegende Gewebe und dann in die Blutbahn ermöglichen. So kann der jeweilige Stoff systemisch wirksam werden. Galenisch unterscheidet man Membran- und Matrixpflaster. Die Membranpflaster bestehen aus einer undurchlässigen Folie, einem Arzneistoffreservoir, einer abgabekontrollierenden Polymermembran und einer zusätzlichen Klebeschicht. Membransysteme gewährleisten eine gleichmäßige und relativ konstante Abgabe an Wirkstoff. Wird jedoch die Kontrollmembran zum Beispiel durch Zerschneiden verletzt, besteht die Gefahr einer schlagartigen Freisetzung der Gesamtsdosis („Dose-Dumping“) und damit von Nebenwirkungen in Folge von Überdosierungen.

In Matrixpflastern ist der Wirkstoff in einer gelartigen Matrix gelöst oder dispergiert. Diese wird direkt auf die Haut geklebt und hat in der Regel keine zusätzliche Klebeschicht. Die Abgabe des Arzneistoffs verläuft mittels Diffusion. Moderne Systeme sind so aufgebaut, dass der Wirkstoff in unterschiedlichen Konzentrationen schichtweise in der Matrix vorliegt. Höhere Konzentrationen in den hautfernen und niedrige Konzentrationen in den hautnahen Schichten sorgen für ein konstantes Gefälle, um eine möglichst gleichmäßige Penetration in die Haut zu ermöglichen. Da ein „Dose-Dumping“ nicht möglich ist, gelten diese Systeme besonders bei pharmakologisch sehr potenten Arzneistoffen als sicher. Allerdings erfolgt die Freisetzung pro Zeiteinheit nicht ganz so gleichmäßig wie bei membrankontrollierten Systemen.

Hormonpflaster Estradiolhaltige Pflaster sind sowohl als Matrix- als auch als Membranpflaster auf dem Markt. Sie bieten den Anwenderinnen eine Reihe von Vorteilen gegenüber der oralen Einnahme von Estrogenen. Durch Umgehung des „First-Pass-Effektes“, der ersten Metabolisierung in der Leber, können die Konzentrationen niedriger gehalten werden und rufen so we niger systemische Nebenwirkungen hervor.

Es gibt Präparate, die einmal und solche, die zweimal wöchentlich gewechselt werden. In der Bioverfügbarkeit gelten sie jedoch als gleichwertig. Frauen mit einer gesunden Gebärmutter nehmen in der zweiten Hälfte des Zyklus begleitend ein Gestagen oral ein oder verwenden Kombinationspflaster, die Estradiol und Norethisteronacetat enthalten. Zur Empfängnisverhütung gibt es ein TTS, das Ethinylestradiol und Norelgestromin an die Haut abgibt und entsprechend einer Minipille wirkt. Nach sieben Tagen wird ein Pflasterwechsel vorgenommen. Die vierte Woche ist pflasterfrei, die Abbruchblutung findet in diesem Intervall statt.

Die Testosteronsubstitutionstherapie beim Mann erfolgt sehr viel seltener als der Östrogenersatz bei Frauen. Die Pflaster sind eine wichtige Alternative zur intramuskulären und oralen Applikation von Testosteron, die häufig mit Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen und Unruhe einhergeht. Die TTS werden einmal täglich, vorzugsweise am Abend auf wechselnde Hautstellen des Rückens, des Oberschenkels oder der Oberarme geklebt, um Hautirritationen zu vermeiden. Die Pflaster sollten wegen eines erhöhten Risikos für Hautreaktionen mit Blasenbildung nicht auf knöcherne Vorsprünge (Schulter, Hüfte) aufgebracht werden.

HINWEISE FÜR EINE KORREKTE ANWENDUNG
+ Verpackung vorsichtig per Hand oder Schere öffnen, ohne das Pflaster zu beschädigen.
+ Membranpflaster nicht zerschneiden.
+ Pflaster auf haarlose (Haare nicht rasieren, sondern mit der Schere entfernen), gereinigte und
   nicht fettige Haut aufkleben.
+ Möglichst die Klebefläche nicht mit den Händen berühren, damit die Klebewirkung nicht
   beeinträchtigt wird.
+ Pflaster einige Sekunden mit der flachen Hand auf die Applikationsfläche pressen.
+ Hautstellen immer wieder wechseln, um Hautirritationen zu vermeiden.
+ Vorzeitig gelöste Pflaster durch neue ersetzen.
+ Gebrauchte Pflaster zusammenfalten und kindersicher im Hausmüll entsorgen.
+ Hitzeeinwirkung zum Beispiel durch Sauna, Solarium und Heizkissen vermeiden.

Pflaster gegen Schmerzen TTS haben sich in der Behandlung von starken Schmerzen bewährt. Sie haben den Vorteil, dass sie das Schmerzempfinden kontinuierlich und gleichmäßig reduzieren – besser als die meisten oralen Applikationsformen. Buprenorphin und Fentanyl sind Wirkstoffe, die aufgrund ihrer pharmakologischen Potenz und ihrer physikalischen und chemischen Eigenschaften besonders für die Aufnahme über die Haut geeignet sind.

Die transkutane Gabe aus Matrixsystemen führt zu einer Um gehung des Gastrointestinaltraktes und damit zu einer deutlich höheren Bioverfügbarkeit als unter oraler Einnahme. Die mit Schmerz-TTS erreichten Plasmaspiegel sind proportional zur Größe der Pflaster. In der Regel erfolgt ein Pflasterwechsel nach 72 Stunden.

Nikotinpflaster Schon seit den 90er Jahren werden nikotinhaltige Pflaster zur Linderung der Entzugssymptomatik im Rahmen der Raucherentwöhnung eingesetzt. Dabei gibt es Systeme die eine 24-Stunden- und eine 16-Stunden Wirkung erzielen. Erstere eignen sich besonders für starke Raucher, die den ganzen Tag über regelmäßig rauchen und sowohl am späten Abend als auch direkt nach dem Aufstehen ihre Zigarette brauchen. Die anderen Pflaster werden morgens aufgeklebt und zur Nacht wieder entfernt. Parallel zur Anwendung der TTS darf nicht geraucht werden, um Überdosierungen zu vermeiden. Die Pflaster gibt es in unterschiedlichen Dosierungen. Diese wird nach der zuvor gerauchten Zigarettenzahl ausgewählt.

Schutz für das Herz Zur Prophylaxe und Behandlung von Angina pectoris gibt es Nitroglycerin-TTS. Sie werden entweder morgens oder abends aufgeklebt, je nachdem wann die Angina pectoris-Anfälle überwiegend auftreten. Nach zwölf Stunden wird das Pflaster dann wieder entfernt. Wegen der bei einer Dauertherapie auftretenden Nitrattoleranz sollten immer wieder pflasterfreie Intervalle eingehalten werden.

Beratung ist wichtig Die TTS haben viele Vorteile, sind aber erklärungsbedürftig. Der Behandlungserfolg hängt von der korrekten Anwendung ab. Die ordnungsgemäße Entsorgung der gebrauchten TTS ist ebenfalls ein wichtiger Beratungsaspekt. Restkonzentrationen des Wirkstoffs können zum Beispiel bei Kindern zu schweren Reaktionen oder gar Intoxikationen führen. Immer wieder wird die Frage von Patienten gestellt, ob das Duschen erlaubt ist. Duschen und Schwimmen sind normalerweise kein Problem, wenn das Pflaster richtig aufgeklebt ist, erhöhte Temperaturen können jedoch die Wirkstofffreisetzung erhöhen und zu Nebenwirkungen führen.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 12/09 ab Seite 22.

Dr. Katja Renner, k.k.renner@t-online.de

Stichworte: Angina pectoris, Hormonpflaster, Matrixpflaster, Membranpflaster, Nikotinpflaster, Nitroglycerin-TTS, Pflastersysteme, TTS, TTS-Pflaster, Transdermal, Transdermale Systeme, Transdermale therapeutische Systeme, Wirkstoffpflaster, transdermales Pflaster

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