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Höher, schneller, weiter – unsere Leistungsgesellschaft fordert immer mehr von uns. Stress gehört für viele Menschen zum Alltag. Doch wann wehrt sich der Körper?
Gestresst zu sein heißt für viele, nicht genug Zeit zu haben für die Aufgaben, die dringend erledigt werden müssen. Dabei ist Stress an sich nicht unbedingt etwas Negatives, wie der Schweizer Stressforscher Professor Sepp Porta weiß: „Stress ist eigentlich das Bestreben eines Organismus, aus einem Ungleichgewicht wieder in ein Gleichgewicht zu kommen.“ Kurzzeitiger, akuter Stress ist daher normal und auch notwendig. „Guter“ Stress unterscheidet sich von „schlechtem“ wie die „Herausforderung“ von der „Überforderung“. Erstere macht das Leben spannend und lebenswert, Letztere auf Dauer krank.
Lebensnotwendiger Instinkt Stress ist eine uralte biochemische Reaktion, die aus einer Zeit stammt, in der es für das Überleben des Menschen entscheidend war, schnell auf Gefahr reagieren zu können. Das Gehirn musste bei bestimmten Signalen in Sekundenbruchteilen über „Angriff “ oder „Flucht“ entscheiden. Gefahrensignale waren zum Beispiel laute, schrille Töne (Angreifer oder Todesschreie) oder ein ungewöhnlich schneller Wechsel von hell zu dunkel (Feind von oben). Bei diesen Signalen lief im Körper immer dasselbe ab: Blutdruck, Muskeltonus und Blutzuckerspiegel erhöhten sich rasend schnell, sodass alle Systeme Höchstleistung bringen konnten und eine schnelle Flucht oder ein kraftvoller Angriff möglich wurden.
Heute sind solche Reaktionen in der Regel kaum noch zum Überleben notwendig, doch die Stressmechanismen laufen trotzdem ab wie vor Millionen Jahren. Gesteuert werden sie durch Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin, Serotonin und Kortisol, die der Körper ausschüttet. Serotonin erweitert die Gefäße in den Muskeln, wodurch sie besser durchblutet werden und mehr leisten können. Noradrenalin und Adrenalin erhöhen schlagartig den Blutdruck und regen die Herz-Kreislauftätigkeit an. Darüber hinaus setzen sie, wie Kortisol, Glukose im Körper und damit Energiereserven frei. Noradrenalin und Serotonin wirken außerdem schmerzhemmend. Sogar die Gerinnungsfähigkeit des Blutes wird erhöht, damit sich mögliche Wunden schneller schließen.
Gleichzeitig werden alle nicht unmittelbar lebensnotwendigen Funktionen wie Verdauung oder Sexualfunktionen heruntergeschraubt, um Energie zu sparen. Unsere Vorfahren konnten den Stress wieder abbauen, indem sie durch Flucht oder Angriff ihren (Stress-)Hormonhaushalt wieder ausglichen. Uns hingegen fehlt heute ein solches Ventil. Und das kann umso schlimmer sein, je häufiger dieser Alarmzustand auftritt. Experten machen Stress daher für viele schwere Krankheiten mitverantwortlich.
WARNSIGNALE FÜR STRESS
Krankheitsursache chronischer Stress Gerät die empfindliche Balance der Stresshormone außer Kontrolle, wird der gesamte Organismus nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Denn selbst wenn die Konzentration eines Stresshormons im Blut schon hoch ist, wird es bei erneutem Stress wieder ausgeschüttet. Dabei werden Adrenalin und Noradrenalin zuerst im Übermaß freigesetzt, wonach ihr Pegel im Blut rapide abfällt. Diese starken Schwankungen erhöhen das Risiko für Bluthochdruck und damit für Herzinfarkt und Schlaganfall. Außerdem können sie Erschöpfungszustände, Depressionen und Schlafstörungen hervorrufen.
Der bei chronischem Stress dauerhaft erhöhte Kortisolspiegel begünstigt das Auftreten eines Diabetes, da Kortisol den Blutzuckerspiegel erhöht. Das ständige Ungleichgewicht der Stresshormone führt auf Dauer auch zu Problemen im Bereich des Magen-Darm-Traktes, wie etwa Verdauungsstörungen und Magengeschwüre. Darüber hinaus können auch chronische Muskelanspannung, Kopfschmerzen und Schmerzen des Bewegungsapparates auftreten. So leiden gestresste Menschen etwa sieben Mal häufiger unter Rückenschmerzen als Menschen ohne Stress.
Dass der Körper ständig in Alarmbereitschaft ist, schädigt auf Dauer auch das Immunsystem. Der Organismus wird zum einen anfälliger für Krankheiten, zum anderen steigt das Risiko für Allergien und Autoimmunerkrankungen wie zum Beispiel Asthma. All diese Krankheiten entwickeln sich schleichend, sodass die Betroffenen die Symptome oft erst viel zu spät bemerken.
Stressoren, Stressverstärker und Stressmanagement Alles, was den menschlichen Organismus belastet, wird als Stressauslöser oder „Stressor“ bezeichnet. Man unterscheidet dabei zwischen physikalischen (Lärm, Hitze, Kälte, Nahrungsmangel, gestörter Wach-Schlaf-Rhythmus), psychosozialen (Trauer, Wut, Hass, Liebeskummer, Existenzängste, Mobbing, Zeitdruck, Einsamkeit etc.) und toxischen Stressoren wie etwa Zigarettenrauch. Zu den von außen wirkenden Stressoren kommen häufig innere Verstärker hinzu, die die Betroffenen durch ihre Gefühle, Gedanken und ihr Verhalten selbst hervorrufen.
So kann der Stressor „Zeitdruck“ durch Perfektionismus, Ungeduld oder eine negative Einstellung („Das schaffe ich nie!“) noch mehr Gewicht bekommen. Andersherum gilt aber auch: Wer positiv denkt („Bei der neuen Aufgabe kann ich viel lernen!“) und gelassen mit Stressoren umgeht, mildert sie dadurch ab. Wichtig ist es, vermeidbare Auslöser, wie Zigarettenrauch oder Lärm, auch tatsächlich zu meiden. Auf keinen Fall sollte man auch durch ständigen Freizeitstress noch zusätzlich für Stress sorgen. Der Feierabend sollte sich vom Alltag deutlich unterscheiden.
Einigen Stressoren kann man jedoch nicht aus dem Weg gehen. Hierzu zählen Zeitdruck im Job, Mobbing, Existenzängste, beispielsweise durch Schulden oder emotionale Ausnahmezustände wie beim Verlust einer nahe stehenden Person. Um hier aus der Stressspirale auszubrechen, empfiehlt Professor Porta Bewegung: „Wer seine Stresshormone abbauen will, braucht Kampf, Flucht und Bewegung und nicht den Computer oder den Fernseher. Denn die zusätzliche Energie, die der Körper durch die Hormone erhält, muss ihn auch wieder verlassen können.“ Stressgeplagte sollten darüber hinaus auf eine leichte und ausgewogene Ernährung achten, um ihr Verdauungssystem zu entlasten. Wie viel Stress ein Organismus aushält, ist individuell verschieden und auch von der jeweiligen Fähigkeit zum Stressmanagement abhängig.
STRESSMANAGEMENT
Was man tun kann, um dem Teufelskreis entkommen:
+ Eine Liste mit den persönlichen Stressauslösern aufstellen und vermeidbare Stressoren konsequent meiden.
+ Das Zeitmanagement analysieren und bei Bedarf optimieren. Wichtiges von Unwichtigem trennen, Kräfte bündeln und fokussieren.
+ Im Beruf Aufgaben delegieren
+ Den Feierabend nicht minutiös durchplanen. Stattdessen Ruheinseln „ohne Uhr“ schaffen und sich in diesen auch treiben lassen.
+ Regelmäßig Sport treiben, um Stress abzubauen. Gut geeignet sind Sportarten, die schnell und energiezehrend sind, zum Beispiel Squash, Laufen, Spinning oder Aerobic.
+ Selbstgemachte Stressverstärker wie zum Beispiel übersteigerten Ehrgeiz abtrainieren.
+ Eine positive gedankliche Grundhaltung entwickeln. Das reduziert die Wirkung der Stressoren.
+ Die Psyche stärken, um mit Stressoren gelassener umgehen zu können. Gut geeignet dafür sind Yoga, Meditation, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen oder autogenes Training.
Burn-Out-Syndrom Ein typisches Warnsignal im fortgeschrittenen Stadium der mangelhaften Stressbewältigung ist das Burn-Out-Syndrom. Dieses „Ausgebrannt-Sein“ tritt auf, wenn extreme Arbeitsbelastung auf hohes persönliches Engagement trifft. Irgendwann ist die Arbeitslast, die die Betroffenen sich aus dem ursprünglichen Enthusiasmus heraus aufgebürdet haben, zu groß. In der Folge entstehen Erschöpfung, chronische Müdigkeit, häufig auch Drehschwindel. Dazu kommen Frustration und schließlich ein Gefühl völliger Leere.
Das Burn-Out-Syndrom kann unbehandelt zu Depressionen, Suchtverhalten und sogar zum Suizid führen. Die Therapie gelingt häufig nur mit einer psychologischen Betreuung.
Downshifting – eine sinnvolle Alternative? Downshifting bedeutet wörtlich übersetzt „Einen Gang zurückschalten“. Arbeiten, um prinzipiell überflüssige Konsumgüter anzuschaffen, lehnt diese Philosophie ab. Stattdessen sind die Kernfragen „Warum arbeite ich so viel? Brauche ich das Geld wirklich zum Leben oder brauche ich es für mein Prestige? Worauf kann ich verzichten? Was kann ich stattdessen mit meiner Zeit machen? Wie verbringe ich meine Freizeit, woran habe ich Spaß?“
Daraufhin wird das Leben neu organisiert, die Arbeit reduziert und die frei gewordene Zeit sinnvoll und bewusst genutzt. In Zeiten der Wirtschaftskrise, von Hartz IV und hohen Arbeitslosenzahlen mag die Idee, beruflich kürzer zu treten, zynisch klingen. Doch Downshifting-Anhänger halten dagegen, dass man sich überlegen muss, wie viel man sich selbst, seiner Familie und letztendlich auch der Wirtschaft nützt, wenn man durch Krankheit arbeitsunfähig wird. Downshifting kann in manchen Fällen die Reißleine sein, um der lebensgefährlichen Stressspirale zu entkommen.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 12/09 ab Seite 14.
Dr. Holger Stumpf, stumpf28@web.de
Stichworte: Burn-Out-Syndrom, Burn-out, Downshifting, Stress, Stressbewältigung, Stressmanagement