Herpes

Küssen verboten

Abbildung © Johannes Heling / www.fotolia.com © Johannes Heling / www.fotolia.com

Lippenherpes ist ein echtes Volksleiden. Etwa zwölf Millionen Deutsche leiden regelmäßig an den juckenden Bläschen. Was kann man Betroffenen während ihrer Herpesepisode am besten empfehlen?

Herpesbläschen sind für die Betroffenen nicht nur schmerzhaft, sondern meist auch psychisch belastend: So fühlen sich viele Herpesgeplagte während eines Ausbruchs unattraktiv und befürchten, von anderen Menschen beobachtet zu werden. Doch wo kommen diese Herpesbläschen her? Lippenherpes, im Volksmund auch Fieberbläschen genannt, wird meist durch humane Herpes-simplex-Viren Typ 1 (HSV-1) und seltener, aber zunehmend, durch Typ 2 (HSV-2) ausgelöst. HSV-2 galt lange Zeit ausschließlich als Erreger des Herpes genitalis.

Einmal Herpes, immer Herpes Obwohl rund 90 Prozent der Deutschen das Virus in sich tragen, bricht die Erkrankung nur bei etwa einem Drittel aus. Warum die anderen zwei Drittel trotz Infektion keine Symptome zeigen, ist bis heute unbekannt. Aber wer sich einmal mit dem Herpesvirus infiziert hat und an Lippenherpes erkrankt ist, entwickelt keine Immunität, sondern kann immer wieder einen Herpesausbruch erleiden. Auch die therapeutische Elimination der Viren ist bis heute nicht möglich.

Die Erstinfektion erfolgt häufig im Kindesalter, meist durch eine Mutter-Kind-Übertragung. In der Regel verläuft sie symptomlos und wird daher gar nicht bemerkt. Grundsätzlich kann man sich jederzeit zum Beispiel durch Körperkontakt mit einem Betroffenen oder das gemeinsame Benutzen von Trinkgläsern oder Handtüchern anstecken, wenn dabei die hochinfektiösen Viren übertragen werden. Nach der Ansteckung befällt das Virus zunächst die oberen Hautzellen. Von der Oberhaut wandert es dann über die Nerven bahnen zu den Ganglien der sensorischen Nerven. Hier nistet es sich, vom Immunsystem unentdeckt, dauerhaft ein.

Die Viren „tarnen“ sich, indem sie ihre immunogene Proteinhülle abwerfen, und über dauern als DNAPartikel, die für das Immunsystem unsichtbar sind. Diese infizierten Nervenzellen dienen als lebenslanges Erregerreservoir. Durch bestimmte Auslöser wie Stress, Erkältungen oder UV-Licht kommt es zu einem weiteren Ausbruch, der diesmal die typischen fühl- und sicht baren Herpessymptome verursacht: Dabei wandert das Virus nun auf dem umgekehrten Wege entlang der Nervenbahnen wieder Richtung Lippe und vermehrt sich dort explosionsartig.

Zuerst kribbelt und brennt es dort, dann rötet sich die Stelle und schwillt an. Es entstehen Bläschen, die Millionen von Herpesviren beherbergen und deren Inhalt folglich hochan steckend ist. Nach einigen Tagen brechen sie auf, verkrusten und heilen schließlich wieder ab. Unbehandelt dauert ein Herpesausbruch etwa acht bis zehn Tage.

Immunsystem stärken Alles, was die Abwehrlage des Körpers belastet, kann zu einem erneuten Ausbruch von Lippenherpes führen. Hierzu zählen nicht nur Infektionskrankheiten oder Stress, auch ein intensiver Aufenthalt in der Sonne kann eine gewisse immunsuppressive Wirkung haben. Im Grunde kann fast jede alltägliche Situation einen erneuten Herpes-Schub aus lösen – zum Beispiel kleine Verletzungen, starke Hautreizungen, ein Zahnarztbesuch aber auch Menstruationsbeschwerden oder einfach nur Stress. Das macht die Krankheit besonders tückisch.

Und nicht selten schlägt das Virus genau dann zu, wenn es Ihre Kunden überhaupt nicht gebrauchen können, wie beispielsweise vor dem lang ersehnten Urlaub, zum Vorstellungsgespräch oder gar vor dem ersten Date. Allein die Angst, einen Herpesausbruch zu einem unpassenden Zeitpunkt zu erleiden, führt bei vielen Betroffenen zu Stress, der ja wiederum zu den klassischen Herpesauslösern gehört – ein Teufelskreis. Hilfreich ist in diesen Fällen ein Herpestagebuch, das den Patienten hilft, ihre individuellen Auslöser kennen zu lernen und wenn möglich zu reduzieren.

Zusätzlich kann durch ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und genügend Bewegung an der frischen Luft das Immunsystem gestärkt und einer erneuten Lippenherpes- Episode vorgebeugt werden. Kommt es trotzdem zu einem Ausbruch, sollte am besten beim ersten Kribbeln sofort eine Lippenherpescreme aufgetragen werden. Denn für die meisten Herpesmittel gilt: Je frühzeitiger die Anwendung, desto wirksamer.

Vorteile für Nukleosidanaloga Es steht eine ganze Palette von lokal anzuwendenden Medikamenten gegen Lippenherpes zur Verfügung. Die potentesten und am besten untersuchten Substanzen in der Selbstmedikation sind die Virustatika Penciclovir und Aciclovir. Diese Nukleosidanaloga hemmen die Vermehrung der Herpesviren, ohne dabei gesunde Zellen anzugreifen. Beide Substanzen beschleunigen den Heilungsprozess und reduzieren das Spannungsgefühl und die Schmerzen. Ihr großer Vorteil ist, dass die Arzneistoffe auch dann noch wirksam sind, wenn das Virus bereits in die Zelle eingedrungen ist. Dadurch können die beiden Virustatika sowohl in der frühen als auch in der späten Phase, wenn schon Bläschen vorhanden sind, eingesetzt werden.

Penciclovir hat beispielsweise in einer Studie aus 2002 seine Wirksamkeit in der Bläschenphase belegt. Alternativen zu den chemisch definierten Virustatika sind pflanzliche Extrakte aus Melisse oder Zubereitungen mit Zinksulfat. Sie hemmen das Eindringen der Viren in die Wirtszelle. Wegen des Wirkungsmechanismus ist die Therapie jedoch nur in der frühen Phase des Herpes, also am besten beim ersten Kribbeln, zu empfehlen. Herpespflaster, die nahezu unsichtbar auf die betroffenen Stellen aufgeklebt werden, enthalten keinen Wirkstoff. Sie arbeiten nach dem Prinzip der feuchten Wundheilung und schaffen gute Bedingungen für die Abheilung der Bläschen.

BITTE MIT FINGERSPITZENGEFÜHL
Auch wenn es keinem Kunden angenehm ist, so geht doch jeder auf seine Weise mit der Herpeserkrankung um. Der Lippenherpes-Neuling kommt häufig auf Grund einer anderen Erkrankung in die Apotheke. Oft hängt dies mit der Belastung des Immunsystems zusammen. Manchmal weiß er gar nicht,dass es sich bei den Bläschen um Herpes handelt. Hier ist Aufklärungsarbeit nötig, denn der Kunde sollte nicht durch Unwissenheit eine Ausweitung des Herpes oder die Ansteckung anderer riskieren. Der gut Informierte hat schon einige Ausbrüche hinter sich und weiß oft sogar, was seine persönlichen Auslöser sind. Er möchte über neue Behandlungsmethoden informiert werden und probiert die Empfehlungen seiner Apotheke in aller Regel gerne aus. Der Resignierte hingegen reagiert meist abwehrend, wenn man ihn auf seine Bläschen anspricht. Er meint, schon alles probiert zu haben – ohne Erfolg. Hier müssen Sie nachfragen und mit viel Einfühlungsvermögen beraten. Eine geeignete Therapie gibt es in jedem Fall.

Direkten Einfluss auf die Vermehrung der Viren nehmen sie nicht. Von Hausmitteln, wie dem Betupfen mit Zahnpasta oder Eiswürfeln, ist abzuraten. Zahnpasta trocknet zwar die Bläschen aus und Eis nimmt durch Kühlung den Schmerz, eine nennenswerte Verkürzung des Heilungsprozesses ist aber nicht zu erwarten. Im Gegenteil – durch zu starke Austrocknung können die Krusten immer wieder aufplatzen und der Heilungsprozess verzögert sich. Im Leitfaden der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände werden daher die Nukleosidanaloga Aciclovir und Penciclovir für die Selbstmedikation von Lippen herpes empfohlen.

Es kann ins Auge gehen Der typische Lippenherpes zeigt sich zwar hauptsächlich am Mund, kann aber durchaus auf die übrigen Gesichtsareale übergreifen, wie beispielsweise Naseneingang, Ohrläppchen oder Wangen. Auch vor den Augen macht das Virus nicht halt. Befallen die Erreger nur die Bindehaut oder die Oberfläche der Hornhaut, kann die Infektion mit der richtigen Behandlung folgenlos abheilen. In ungünstigen Fällen entwickelt sich jedoch eine tief liegende Entzündung der Hornhaut, eine Herpes-Keratokonjunktivitis.

Sie kann chronisch werden und das Sehvermögen erheblich beeinträchtigen, ja sogar zur Erblindung führen. Die ersten Anzeichen einer Herpes-Infektion des Auges äußern sich in Trockenheit – so als hätten die Augen zu wenig Tränenflüssigkeit. Leidet ein Kunde gleichzeitig sichtbar an Lippenherpes oder berichtet er von einem kürzlich überstandenen Ausbruch, so sollten bei Ihnen die Alarmglocken schrillen. Es besteht der Verdacht, dass der Kunde Herpesviren in sein Auge gebracht hat. Daher muss jede Herpes-Infektion, die deutlich über die Lippe hin ausgeht, unbedingt von einem Arzt behandelt werden.

VOM HERPES DIE FINGER LASSEN?
Bei florierendem Lippenherpes enthalten die Bläschen Millionen von Viren. Öffnen sie sich, so treten die Viren aus und lassen sich leicht auf andere Körperstellen übertragen. Eine wichtige Gefahrenquelle für das Auge ist das Einsetzen von Kontaktlinsen nach Berühren der Herpesbläschen oder nach dem Auftragen der Herpescreme mit dem Finger. Daher ist nach jedem Berühren der Lippen Händewaschen Pflicht! Das sicherste ist, die Bläschen gar nicht erst anzufassen. Damit lässt sich auch die Übertragungsgefahr der Viren auf andere Körperbereiche verringern.

Konsequente Hygiene Um Schmierinfektionen zu vermeiden, sollte die Lippenherpescreme mit einem sauberen Finger aufgetragen werden. Im Anschluss daran sind die Hände zu waschen. Zum hygienischen Auftragen unterwegs kann ein Wattestäbchen oder ein Applikator gebraucht werden. Da viele Apothekenkunden Wattestäbchen unpraktisch finden, gibt es seit Oktober letzten Jahres eine Applikatorbox von Fenistil®, die neben einer Tube Herpescreme mit dem Wirkstoff Penciclovir zwanzig Einweg-Applikatoren und einen kleinen Spiegel enthält. Die Box passt in jede Handtasche.

So haben die Herpes-Geplagten alles dabei, um auch unterwegs ihre Läsionen punktgenau zu betupfen und die Finger aus dem Spiel zu lassen – und mit Penciclovir einen Arzneistoff, der nicht nur beim ersten Kribbeln, sondern auch noch in der Bläschenphase wirksam ist. Gut gewappnet verlieren die Betroffenen möglicherweise dann auch die Angst vor dem nächsten Ausbruch.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/09 ab Seite 30.

Sabine Bender, BenderSabine@web.de

Stichworte: Aciclovir, Herpes, Herpes-Keratokonjunk, Herpespflaste, Lippen, Lippenherpes, Melisse, Nukleosidanaloga, Penciclovir, Zinksulfat

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