Neurodermitis

Am schlimmsten ist der Juckreiz

Abbildung © Juho Kuva / www.iStock.photo.com © Juho Kuva / www.iStock.photo.com

Der Winter steht vor der Tür und viele Neurodermitiker leiden in der kalten Jahreszeit mehr als in den Sommermonaten. Wie können Sie helfen?

Das atopische Ekzem ist eine der häufigsten Hauterkrankungen im Säuglings- und Kindesalter. Man schätzt, dass mindestens jedes zehnte Kind mehr oder weniger stark davon betroffen ist. Mehr als die Hälfte der Neurodermitiker ent wickelt die Krankheit während des ersten Lebensjahres, ein weiteres Drittel in den folgenden vier Jahren. Der Hautzustand bessert sich häufig bis zur Einschulung.

Das Risiko für Rückfälle im Jugend- oder Erwachsenenalter ist jedoch hoch, besonders bei den Kindern, deren Krankheit erst spät begonnen hat. Den meisten bleibt zumindest eine Neigung zu Hautkrankheiten und Allergien und ganz sicher eine trockene Haut erhalten. Nur sehr selten tritt Neurodermitis erstmals nach der Pubertät auf. Eine genetische Prädisposition lässt sich nicht leugnen, denn zwei Drittel der Neurodermitiker weisen eine atopische Familienanamnese auf.

Verschiedene Erscheinungsbilder Die Krankheit verändert sich mit dem Alter des Patienten. Das Säuglingsekzem nässt stark, es ist entzündet, krustig und schuppig. Meist beginnen die Läsionen an den Wangen. Bekannt sind die symmetrischen verkrusteten Herde, die an übergekochte Milch erinnern, weshalb sie auch als Milchschorf bezeichnet werden. Im weiteren Verlauf zeigen sich die Hautveränderungen an Rumpf und Extremitäten. Wenn das Kind älter wird, nimmt der entzündliche Charakter zu, während das Ekzem trockener wird. Die Läsionen finden sich dann vorzugsweise im Gesicht, an Hals und Nacken und ganz besonders in den großen Beugen sowie an Hand- und Fußrücken. Die übrige Haut ist auffallend trocken und fein schuppend.

Das vorherrschende subjektive Symptom ist der quälende Juckreiz, der die Betroffenen zu heftigem Kratzen veranlasst. Dies wiederum führt zu offenen, teilweise sogar blutigen Hautflächen. Gerade bei Kindern ist der Juckreiz besonders problematisch, denn sie kratzen sich häufig unbewusst und unkontrolliert. Das kann dann neue Krankheitsschübe auslösen oder zu Infektionen führen. Im Erwachsenenalter sind die befallenen Hautareale verdickt und ledrig (lichenifiziert). Die Herde lokalisieren sich vorzugsweise auf Stirn und Augenlidern, am Hals und an den Beugeseiten der Extremitäten sowie auf Hand- und Fußrücken. Zusätzlich zu Ekzem und Juckreiz weisen die Betroffenen manchmal verschiedene diagnostisch wichtige Begleitsymptome auf. Hierzu zählen die Vertiefung der Handlinien, die seitliche Lichtung der Augenbraue (Hertoghe-Zeichen) und die periorale Blässe.

Spätformen In vielen Fällen verschwindet die Neurodermitis in der Pubertät zunächst weitgehend oder sogar ganz. Später zeigen sich dann oftmals charakteristische Zustandsbilder, die manchmal gar nicht als Teilsymptome der atopischen Dermatitis erkannt werden. So können trockene, schuppige Haut an Handflächen und Fußsohlen, trockene Lippen mit teilweise schmerzhaften Einrissen (Rhagaden) oder ein Ekzem mit Bläschen an den Fingerzwischenseiten eine Spätmanifestation der Neurodermitis sein.

Ursachen Allergische Reaktionen spielen eine wesentliche Rolle in der Genese der Neurodermitis. Dies führt zu einer vermehrten Freisetzung von Histamin und Entzündungsmediatoren. Allerdings zeigt der Verlauf auch eine beträchtliche Eigenständigkeit. So können Schübe der Erkrankung auch völlig ohne Al lergenexposition ausgelöst werden. Bei schwer am atopischen Ekzem erkrankten Kindern ist der Zusammenhang mit Nahrungsmittelallergenen nachgewiesen. Bei anderen Allergenen, wie Tierhaare, Pollen und Hausstaubmilben, ist ein solcher Effekt umstritten. Daher ist auch eine Hyposensibilisierung selten erfolgreich.

Durch Auslassversuche kann man feststellen, ob und welches Nahrungsmittel zu einem Schub führt. Groteske Diäten sind dagegen nicht sinnvoll. Bei erwachsenen Neurodermitikern ist eine Allergie auf Nahrungsmittel nur sehr selten nachzuweisen. Dies scheint sich im Zuge der Entwicklung „auszuwachsen“. Auf der Basis der Allergie können nun Störfaktoren, wie Schwitzen durch psychischen Stress, Kleidungsstücke aus reiner Wolle oder Synthetik, aber auch die Einnahme von Mediatoren freisetzenden Stoffen, wozu Alkohol, starke Gewürze oder Konservierungsmittel zählen, einen akuten Ekzemschub auslösen.

Komplikationen Vielleicht aufgrund der Disbalance der Immunzellen und Antikörper sind Neurodermitiker besonders anfällig gegenüber bestimmten bakteriellen, viralen oder mykotischen Superinfektionen. Nicht selten besiedelt sich die lädierte Haut mit Staphylococcus aureus oder Herpes simplex. Dies führt wiederum zu einer Verschlechterung der Dermatose.

Basisbehandlung Sie hat die Verlängerung der erscheinungsfreien Intervalle sowie die Linderung des Juckreizes und die Behandlung der Trockenheit zum Ziel. Hier können Sie mit geeigneten Produkten Ihre Hilfe anbieten. Weisen Sie Ihre Kunden darauf hin, dass sie die Basis behandlung konsequent, am besten zweimal täglich, durchführen sollen. Da nicht befallene Areale auch pathologisch verändert sind, werden sie mitbehandelt.

Die extreme Trockenheit der Haut wird durch eine gestörte Barrierefunktion der Epidermis bedingt. Zudem ist das Wasserbindevermögen der Hornschicht durch fehlende natür - liche Feuchthaltefaktoren vermindert. Beides führt zu einer Erhöhung des transepidermalen Wasserverlustes. Die gestörten Hautfunktionen können durch die Zufuhr von Lipiden günstig beeinflusst werden. Daher eignen sich prinzipiell lipophile Grundlagen.

Als Wirkstoff hat sich ganz besonders Harnstoff (Urea) in Konzentrationen von drei bis zehn Prozent bewährt. Er führt zu einer Hydratisierung der Hornschicht. Ebenfalls gute Ergebnisse wurden mit Linolensäure, die im Nachtkerzen- und im Borretschsamenöl vorkommt, erzielt. Viele Atopiker weisen nämlich einen Mangel an dieser essenziellen Fettsäure auf. Hilfreich ist auch der Zusatz von Silberionen in Basistherapeutika. Sie stören die Energieversorgung der Mikroorganismen und blockieren deren Zellteilung. Silber kann daher die Ausbreitung von Bakterien und Pilzen auf der Haut verhindern.

Therapie der akuten Phase Nach wie vor ist die lokale Applikation von Glukokortikoiden am wirksamsten gegen den Juckreiz und die Entzündungen. Wegen der kurzen Wirkung sowie der raschen Inaktivierung in der Haut sind Hydrokortison und Prednicarbat besonders geeignet. Hier ist bei gezieltem Einsatz nicht mit einer Hautatrophie als Nebenwirkung zu rechnen. Dennoch bedarf die Kortisontherapie der Neurodermitis wegen ihrer langen Dauer großer Erfahrung und sollte einem Arzt vorbehalten bleiben. Da es sich bei der Erkrankung um eine Fehlfunktion des Immunsystems handelt, können auch mit Immunmodulatoren Erfolge erzielt werden.

Die Substanz Tacrolimus ist als Salbe für Erwachsene und Kinder ab zwei Jahren zugelassen, die nicht angemessen auf andere Therapieformen ansprechen. Gelegentlich werden stark nässende und infizierte Ekzeme, besonders bei Kindern, mit Desinfizienzien, wie Gentianaviolett, behandelt. Nachteilig ist die zwar reversible, aber sehr kräftige Verfärbung der Haut.

Sonstige Therapien Auch UV-Strahlung wird mit Erfolg eingesetzt. Die Wirkung begründet sich auf der immunsuppressiven Wirkung. Teilweise sehr effektiv sind Klimatherapien. Besonders das Klima der Nordseeinseln führt selbst bei schwersten Fällen in kurzer Zeit zu erstaunlichen Ergebnissen.

TIPPS ZUM VORBEUGEN
Eindeutig gesichert ist der prophylaktische Wert des Stillens (mindestens vier Monate). Falls dies nicht möglich ist, kann hypoallergene Säuglingsnahrung gefüttert werden. Die Mutter sollte während der Stillzeit wichtige Allergene meiden, die in die Muttermilch übertreten können. Dazu gehören zum Beispiel Kuhmilch, Fisch, Eier und Erdnüsse. Die möglichst späte Einführung fester Nahrung beim Säugling ist ebenfalls eine wichtige vorbeugende Maßnahme. Kuhmilch, Eier und Fisch sollten nicht vor Ende des ersten Lebensjahres, Erdnüsse und Zitrusfrüchte nicht vor dem dritten Lebensjahr gegeben werden. Ganz wichtig: Während der Schwangerschaft und auch danach nicht rauchen!

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 10/09 ab Seite 14.

Sabine Bender, BenderSabine@web.de

Stichworte: Glukokortikoide, Harnstoff, Haut, Hautkrankheit, Hydrokortison, Neurodermitis, Prednicarbat, Tacrolimus, Urea

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