Schilddrüsenerkrankungen

Überflüssig wie ein Kropf!

Abbildung © Jasper Grahl / www.panthermedia.net © Jasper Grahl / www.panthermedia.net

Sie ist zwar nur so groß wie eine Walnuss, steuert jedoch fast alle wichtigen Abläufe im Körper. Allerdings zeigt fast jeder dritte Erwachsene Veränderungen an der Schilddrüse.

Mit ihren zwei Seitenlappen und dem kleinen Mittelstück sieht die Schilddrüse aus wie ein Schmetterling. Sie liegt vor der Luftröhre unterhalb des Kehlkopfes und ist im Normalfall 12 bis 20 Gramm schwer. Dahinter liegen die vier Nebenschilddrüsen. Sie bilden Parathormon, welches den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel beeinflusst. Die Schilddrüse selbst besteht aus zahlreichen kugelförmigen Follikeln, die große Mengen Thyreoglobulin, das Vorläuferprotein der Schilddrüsenhormone, enthalten.

Daraus werden die zwei miteinander verwandten Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) gebildet. Über Hormonrezeptoren des Zellkerns steuern diese die Zelldifferenzierung vom Embryo bis zum Jugendlichen. Beim Erwachsenen helfen sie, Grundumsatz und Wärmehaushalt, aber auch Sexualität und Fruchtbarkeit sowie das Wachstum von Haut, Haaren und Nägeln zu regulieren. Spezielle Zellen der Schilddrüse, die C-Zellen, bilden Calcitonin. Dieses Hormon ist der Gegenspieler zum Parathormon und senkt den Kalziumspiegel im Blut.

Die Regelung der Schilddrüsenfunktion ist ein klassisches Beispiel für einen endokrinen Rückkopplungsmechanismus. Im Bedarfsfall wird vom Hypothalamus Thyreotropin- Releasinghormon (TRH) sezerniert. Dieses stimuliert die Produktion und Freisetzung des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) im Hypophysenvorderlappen, welches wiederum die Synthese und Sezernierung von T3 und T4 steuert. Über die Blutbahn gelangen diese auch in den Hypothalamus, wo ihre Konzentration gemessen und bei Bedarf erneut TRH gebildet wird.

Kropf und Knoten

Durch die verbesserte Jodversorgung ist die Zahl der Schilddrüsenvergrößerungen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Große Kröpfe sowie Missbildungen und schwere geistige Unterentwicklung bei Kindern durch Jodmangel während der Schwangerschaft (Kretinismus) sind selten geworden. Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 200 Mikrogramm, die aber oftmals nicht erreicht wird.

Eine unzureichende Versorgung ist daher die häufigste Ursache für einen Kropf (Struma). Dabei wächst die Schilddrüse, um mehr Jod anzureichern und genügend Hormone zu bilden. Meist handelt es sich um eine diffuse oder blande Struma, in der keine Knoten tastbar sind. Je nachdem, wie lange der Kropf schon besteht, bildet er sich durch Gabe von Jod oder Schilddrüsenhormonen zumindest teilweise wieder zurück.

Knotige Stellen können sowohl in einer normal großen wie in einer vergrößerten Schilddrüse entstehen. Je nach ihrer Aktivität unterscheidet man heiße und kalte Knoten. Erstere sind Gewebeveränderungen, die verstärkt Jod aufnehmen und unkontrolliert Hormone bilden und ausschütten. Sie werden nicht mehr von der Hypophyse gesteuert, weshalb man auch von autonomen Adenomen spricht. Langfristig kommt es zu einer Überfunktion der Schilddrüse. Das Positive daran: Es handelt sich fast immer um gutartige Veränderungen.

Kalte Knoten sind inaktiv. Es sind Gewebeveränderungen durch Narben, Verkalkungen oder Zysten. Auch entzündliche Prozesse können sich als kalte Knoten zeigen. In etwa fünf Prozent verbirgt sich dahinter ein bösartiger Tumor, weshalb bei dieser Variante häufiger zur Operation geraten wird.

Hypothyreose

Wenn zu wenig Schilddrüsenhormone gebildet werden, verlangsamen sich die Körperfunktionen. Die Betroffenen sind extrem kälteempfindlich und leiden unter ständiger Müdigkeit. Konzentration und Gedächtnisleistung lassen nach, der Puls ist verlangsamt. Charakteristisch ist auch eine Gewichtszunahme, obwohl nicht mehr gegessen wird als zuvor. Trockene, schuppende Haut, sprödes Haar, das leicht ausfällt, eine raue Stimme, Verstopfung, Zyklusstörungen, Libido- und Potenzstörungen sowie Unfruchtbarkeit können ebenfalls Zeichen einer Hypothyreose sein.

Leichte Unterfunktionen werden gerade bei älteren Menschen schnell als normale Alterserscheinungen gedeutet. Das kann langfristige Folgen haben. Denn mit dem verlangsamten Stoffwechsel steigen die Blutfettwerte und damit das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Wenn Kunden über derartige Probleme klagen, fragen Sie doch nach, ob ihre Schilddrüse schon einmal untersucht wurde. Die Hypothyreose kann viele Ursachen haben. Neben der durch Jodmangel ausgelösten Form spielt eine chronische Schilddrüsenentzündung mit Autoimmungeschehen, die Hashimoto- Thyreoiditis, eine wichtige Rolle.

Dabei kommt es zu einer lymphozytären Infiltration der Schilddrüse mit nachfolgender Zerstörung des Gewebes, ferner werden Antikörper produziert, die dann als Nachweis für den Autoimmunprozess dienen. Zu Beginn finden sich manchmal Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion durch erhöhte Mengen freigesetzter Hormone. Nach einigen Wochen oder manchmal auch Jahren entwickelt sich schleichend eine Schilddrüsenunterfunktion mit anfangs nur geringen Beschwerden.

Zum Kropf wird die Schilddrüse bei Hashimotopatienten nicht. Zu Beginn der Erkrankung ist sie jedoch oftmals leicht vergrößert, was sich durch Druck- und Kloßgefühle im Hals äußern kann. Behandelt wird mit Schilddrüsenhormonen, um die Unterfunktion auszugleichen. Auch die Gabe von Selen in einer Tagesdosis von 200 Mikrogramm soll sich positiv auf den Immunprozess auswirken. Vorsicht geboten ist vor der unkritischen Einnahme von Jod, da dann der Autoimmunprozess verstärkt wird. Hashimotopatienten sollten auf Jodtabletten und den häufigen Verzehr von Meeresalgen (Sushi) verzichten. Wie bei allen Patienten mit Autoimmunerkrankungen sind auch hierbei Immunstimulanzien zu meiden.

Hyperthyreose

Bei der Schilddrüsenüberfunktion kommt es aufgrund des gesteigerten Grundumsatzes trotz gutem Appetit zu einem unerklärlichen Gewichtsverlust. Weitere Symptome sind Hyperaktivität, Unruhe und erhöhte Reizbarkeit, die zur schnellen Ermüdung führen. Dennoch ist Schlaflosigkeit häufig. Herzrasen und Zittern sind typische kardiovaskuläre Erscheinungen. Die Haut ist meist warm und feucht, die Patienten klagen über Schwitzen. Die Magen-Darm-Passage ist beschleunigt. Wie bei der Hypothyreose fallen die Haare aus und die Sexualfunktion kann beeinträchtigt sein.

Auch für die Hyperthyreose gibt es zahlreiche Ursachen. Die beiden häufigsten sind autonome Adenome und Morbus Basedow. Bei Letzterem handelt es sich wie bei der Hashimoto-Thyreoiditis um eine Autoimmunkrankheit. Allerdings werden hier unter anderem Antikörper gegen den TSH-Rezeptor in der Schilddrüse gebildet. Dadurch wird die vermehrte Produktion von Schilddrüsenhormonen angeregt und es kommt zur Überfunktion. Die Schilddrüse ist meist diffus bis zum zwei- bis dreifachen ihres normalen Volumens vergrößert.

In Verbindung mit der Basedow-Krankheit können bestimmte Augenzeichen auftreten. Frühe Symptome dieser endokrinen Orbitopathie sind ein sandiges Fremdkörpergefühl, Augenschmerzen und übermäßiger Tränenfluss. Mehr als ein Drittel der Patienten zeigt ein Hervortreten der Augäpfel (Exophthalmus). Ist dies sehr stark ausgeprägt, kann es zum Sehen von Doppelbildern kommen. Sehr selten ist die hyperthyreote oder thyreotoxische Krise. Sie stellt eine lebensbedrohliche Form der Hyperthyreose dar und wird von Krampfanfällen, Delirien oder Koma begleitet.

Behandelt werden Hyperthyreosen durch Verringerung der Schilddrüsenhormonsynthese. Dies ist möglich durch Thyreostatika oder die Ausschaltung von Schilddrüsengewebe mittels Operation (Thyreoidektomie) oder Radiojodtherapie. Bevorzugt eingesetzte Thyreostatika sind Thiamazol und Carbimazol, das zu Thiamazol metabolisiert wird. Propylthiouracil wird häufig während Schwangerschaft oder Stillzeit verordnet.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 07/09 ab Seite 14.

Sabine Bender, Apothekerin

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