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Kopflausbefall kann mit insektizid wirksamen Arzneimitteln oder mit speziellen Ölen behandelt werden. Entscheidend für den Erfolg ist in jedem Fall die richtige Anwendung – und das läuft nicht ohne Ihre Beratung!
Bereits seit mehreren Jahrzehnten werden zur Bekämpfung der Läuse Arzneimittel mit insektiziden, genauer pedikuloziden, Wirkstoffen eingesetzt. Heute sind dies ausschließlich Substanzen aus der Gruppe der pflanzlichen Pyrethrine (Pyrethrum-Extrakt) beziehunsweise der synthetischen Pyrethrin-Derivate (Permethrin, Allethrin). Pyrethrum-Extrakt, häufig auch einfach nur Pyrethrum genannt, wird aus den Blüten einer Chrysanthemen-Art gewonnen und enthält ein Gemisch von sechs verschiedenen wirksamen Substanzen. Permethrin und Allethrin sind davon abgeleitete synthetische Pyrethroide.
Parallel dazu wurde vor einigen Jahren eine weitere Behandlungsstrategie entwickelt. Verschiedene Öle, wie das synthetische Silikonöl Dimeticon, natürliches Sojaöl und eine waschaktive Substanz auf der Basis von Kokosöl, werden verwendet, um die Läuse zu ersticken. Vereinzelte Berichte aus dem Ausland über resistente Läusestämme, die mit Insektiziden nicht mehr erfolgreich bekämpft werden können und ein stärkeres Bewusstsein der Anwender gegenüber den Gefahren von Arzneimitteln führten zu einer raschen Etablierung der Öle als Alternative zu den Insektiziden. Außerdem werden auch andere Naturstoffe, wie beispielsweise Neem-Extrakt, eingesetzt. Von zweifelhaften Hausmitteln oder physikalischen Verfahren, die mit Hitze oder Kälte arbeiten, muss wegen ihrer mangelnden Zuverlässigkeit dringend abgeraten werden.
Für Läusenerven toxisch Der Unterschied zwischen den Pedikuloziden und den Ölen liegt nicht nur in ihrem Wirkungsmechanismus, sondern dadurch bedingt auch in ihrer Einstufung als Arzneimittel bzw. Medizinprodukt. Pyrethrum, Permethrin und Allethrin sind Kontakt- und Fraßgifte für Insekten. Die Läuse nehmen das Gift hauptsächlich über ihre Körperoberfläche auf. Im Körperinneren beeinflusst es dann die Natriumkanäle an der Membran der Nervenzellen. Dieser Kanal kann sich normalerweise öffnen und schließen.
Ist er offen, dann strömen Natrium-Ionen in die Nervenzelle ein, wodurch diese positiv aufgeladen wird. Bei einem bestimmten Spannungspotenzial entlädt sich die Zelle wieder und der Reiz wird in Form eines elektrischen Impulses weitergeleitet. Hat sich jedoch das Insektizid an einem Rezeptor am Natrium-Kanal angelagert, bleibt dieser permanent offen und führt damit zu unkontrollierbaren Nervenimpulsen.
Zunächst reagiert die Laus mit Krämpfen und Koordinationsstörungen, schließlich wird sie gelähmt. Sie kann nicht mehr atmen, sich nicht mehr fortbewegen und auch kein Blut mehr saugen. Man bezeichnet dies als „Knockdown- Effekt“. Der Tod tritt erst nach einiger Zeit ein. Ist dies dann erreicht, spricht man vom „Kill-Effekt“. Menschen und andere Säugetiere besitzen im Gegensatz zu Insekten und Spinnentieren diesen Rezeptor nicht. Daher ist die Toxizität der Pyrethroide für sie wesentlich geringer und die Mittel gelten als sicher.
Atemöffnungen werden verschlossen Die genannten Öle dringen in die Tracheen der Läuse ein und verkleben sie. Dies führt zum Erstickungstod. Da der Wirkmechanismus rein physikalischer Natur ist, haben diese Produkte keinen Arzneimittelstatus, sondern sind Medizinprodukte. Sie gelten als weniger toxisch, zumindest wird damit geworben. Sie sind jedoch auch weniger gut untersucht beziehungsweise verfügen nicht über die langjährigen Erfahrungswerte der zugelassenen Arzneimittel, nicht nur im Hinblick auf ihre Wirksamkeit, sondern auch in Bezug auf ihre Sicherheit und Unbedenklichkeit. Denn im Gegensatz zu Arzneimitteln müssen sie nicht zugelassen werden. Sie erhalten lediglich eine CE-Kennzeichnung. Dies ist ein formaler Akt, für den ggf. keine klinischen Prüfungen, sondern eine klinische Bewertung erforderlich ist.
Wie ist das mit der Resistenzentwicklung? Resistenzen gegenüber Pyrethroiden wurden zuerst im Ausland beschrieben, und zwar vorwiegend gegenüber den synthetischen Verbindungen Permethrin und dem bei uns nicht zugelassenen Malathion. Inzwischen liegt auch eine deutsche Studie vor, die – allerdings lokal begrenzt – zu einem ähnlichen Ergebnis kommt. Ursache für die Resistenzentwicklung ist eine Genmutation der Laus, wodurch der Bauplan des Natriumkanals verändert ist. Der Rezeptor besitzt eine andere Struktur und lässt ein schnelles Andocken der pedikuloziden Wirkstoffe nicht mehr zu. Der Wirkungseintritt verzögert sich.
Da die Resistenz den Knock-down-Effekt des Läusemittels betrifft, nennt man das veränderte Gen kdr-Gen (Knock-down-Resistenz-Gen). Die therapeutische Wirksamkeit des Insektizids wird allerdings in erster Linie durch den Kill-Effekt sicher gestellt. Dieser kann dadurch natürlich auch beeinflusst werden, bleibt aber in der Regel nicht aus. Zumindest kann aus dem Nachweis einer Genmutation allein noch kein Rückschluss auf die klinische Wirksamkeit gezogen werden. Eine Knock-down-Resistenz führt also nicht automatisch zum Therapieversagen, darauf hat auch die Arbeitsgruppe der deutschen Studie hingewiesen.
Pyrethrum bietet Vorteile Der natürliche Pyrethrum-Extrakt unterscheidet sich von den synthetischen Pyrethroiden, denn jede einzelne der sechs insektiziden Komponenten besitzt seine eigene ganz spezifische Wirkung. Während der wirksamste Bestandteil, das Pyrethrin I für den Kill-Effekt zuständig ist, lösen andere den Knock-down-Effekt aus. Pyrethrum-Resistenzen sind daher kaum verbreitet.
Untersuchungen aus Frankreich an resistenten Anopheles-Mücken konnten belegen, dass auch bei einer vorliegenden kdr-Resistenz die insektizide Wirkung des Pyrethrum-Extraktes nicht zusammenbricht. Der Effekt trat zwar verzögert ein, es wurde aber dennoch eine Mortalitätsrate von 90 Prozent erreicht. In Deutschland wird Pyrethrum zudem mit dem Antioxidans Piperonylbutoxid synergisiert, das den Stoffwechsel der Läuse stört, also die Metabolisierung der Pyrethrine verzögert und insofern als zuverlässiger Resistenzbrecher gilt. Unter den zugelassenen Arzneimitteln zur Behandlung von Kopflausbefall stuft das Arzneimittelkursbuch in seiner soeben aktualiserten Ausgabe (2010–2011) die Kombination aus Pyrethrinen (Pyrethrum-Extrakt) und Piperonylbutoxid als Mittel der Wahl ein.
BEHANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt eine Kombination aus chemischen, mechanischen und
physikalischen Wirkprinzipien. Mit mechanisch-physikalischen Maßnahmen ist das nasse Auskämmen
des Haares gemeint, eine chemische Wirkung erreicht man durch die Behandlung mit einem pedikuloziden Wirkstoff. Das RKI empfiehlt ausschließlich Wirkstoffe, die behördlich nach Infektionsschutzgesetz geprüft und anerkannt sind.
Was ist mit den Nissen? Der Inhalt der Läuseeier ist schwerer zu erreichen als Larven und adulte Läuse. Kein Wirkstoff gilt als absolut zuverlässig ovizid. Die Öle können die ungeschlüpften Larven nur dann ersticken, wenn alle Nissen vollständig und ausreichend lange damit umhüllt werden. Dem Pyrethrum-Extrakt setzt man Diethylenglykol zu, das die Nissen austrocknet und damit auch in einem Stadium abtötet, in dem die in den Nissen reifenden Larven noch kein Nervensystem besitzen. Die synthetische Substanz Permethrin bleibt länger an Kopfhaut und Haaren haften als der Pyrethrum- Extrakt. Dessen Wirkstoffe zersetzen sich rasch unter dem Einfluss von Licht und Sauerstoff.
Permethrin ist hingegen auch nach intensiven Haarwäschen noch mehrere Tage nach der Anwendung nachweisbar. Dieser Depot- oder Residual- Effekt soll eine effektive Vernichtung aller Läuse und Nissen nach der Behandlung ermöglichen. Allerdings kann die Dosierung in einen Bereich abfallen, der für eine abtötende Wirkung nachschlüpfender Larven nicht mehr reicht. Daher empfehlen das Robert-Koch-Institut (RKI) und andere Behörden heute grundsätzlich für alle pedikuloziden Arzneimittel und Medizinprodukte eine Wiederholungsbehandlung.
Überlebenschance durch Flucht Läuse haben gegenüber insektiziden Wirkstoffen, aber auch gegenüber natürlichen oder synthetischen Ölen eine biologische Verhaltensresistenz. Sie äußert sich durch Flucht. Insofern ist die vollständige und intensive Benetzung des gesamten Haupthaars für den therapeutischen Erfolg stets notwendig. Hierdurch wird auch eine Unterdosierung verhindert. Bei einer zu geringen Mittelkonzentration im Haar können Läuse den Kontakt mit insektiziden Wirkstoffen überleben. Dies gilt aber auch für den physikalischen Behandlungsansatz.
Läuse sind auf keine konstante Atmung angewiesen. Bei reduzierter Stoffwechselaktivität können sie vorübergehend die Atemfunktion aussetzen. Außerdem sind sie in der Lage, durch Erhöhung des intrathorakalen Drucks Fremdstoffe aus den Tracheen zu entfernen. Bei nicht ausreichender Mittelapplikation kann es insofern – wirkstoffunabhängig – zu einer Selektion kommen mit der Folge, dass widerstandsfähige Läuse überleben und sich im Sinne einer Population mit erhöhter Vitalitätstoleranz verbreiten.
BEWÄHRTES BEHANDLUNGSSCHEMA
Am Tag der Diagnose wird der Kopf mit einem Pedikulozid behandelt und die Haare direkt im Anschluss noch nass mit dem Läusekamm und gegebenenfalls zum besseren Durchkämmen mit Pflegespülung ausgekämmt. Für den Fall, dass nicht alle Eier abgetötet wurden, wird am fünften Tag nach der Behandlung erneut nass ausgekämmt. So können früh geschlüpfte Larven erfasst werden, bevor sie mobil werden. Zwischen dem achten und zehnten Tag sollte unbedingt eine Wiederholungsbehandlung mit dem Pedikulozid stattfinden. So können auch spät geschlüpfte Larven erfasst werden. Am dreizehnten und siebzehnten Tag wird zur Kontrolle noch einmal untersucht und nass ausgekämmt.
Beratung muss sein Fehler bei der Anwendung führen vermutlich wesentlich häufiger zum Therapieversagen als Resistenzen. Noch dazu kann eine falsche Anwendung das Überleben widerstandfähiger Läuse und damit die Entstehung resistenter Populationen begünstigen. Daher sollten Sie Betroffene oder die Eltern befallener Kinder unbedingt über die Anwendung informieren und keine Frage offen lassen. Fordern Sie sie dazu auf, die Gebrauchsanweisung vor der Anwendung zu Hause genau zu lesen.
Die häufigsten Fehler in der Behandlung sind zu kurze Einwirkzeiten, zu sparsames Ausbringen des Mittels, ungleichmäßige Verteilung des Mittels, zu starke Verdünnung des Mittels im triefend nassen Haar oder das Unterlassen der Wiederholungsbehandlung. Auf die erneute Behandlung nach acht bis zehn Tagen weisen sowohl das RKI als auch das Bundesumweltamt hin.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 09/10 ab Seite 30.
Sabine Bender, Redaktion
Stichworte: Haare, Kopfhaut, Kopfläuse, Kundenberatung, Parasiten, Pediculus humanus capitis