Interview: Professor Dr. Holger Schulze

Die Macht der Gewohnheit

Abbildung © UZV © UZV

Professor Dr. Holger Schulze ist mit seiner immer wieder spannenden, humorvollen und interessanten Kolumne für die PTA IN DER APOTHEKE ein fester Bestandteil geworden.

Eines seiner Schwerpunktthemen ist – wie soll es auch anders sein – unser Gehirn. Wir wollten in diesem Zusammenhang sowie in Anlehnung an eine seiner jüngsten Kolumnen mehr wissen über die Macht der Gewohnheit und wie wir sie überrumpeln können – und haben den Leiter der Abteilung „Experimentelle Hals-Nasen-Ohrenheilkunde“ an der Universität Nürnberg/Erlangen an seiner Arbeitsstelle besucht.

VITA
Prof. Dr. Holger Schulze wird im Oktober 1967 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Diplom in Biologie promoviert er 1996 im Bereich Zoologie/Neurobiologie in Madgeburg. Dort wird er zwei Jahre später leitender Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Neurobiologie. 2003 erfolgt die Habilitation an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, seit 2007 ist er W2-Universitätsprofessor für Experimentelle HNOHeilkunde an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er hat zwei Kinder.

Zunächst allgemein gefragt: Was bedeutet Forschung für Sie?
Wer meint, dass das Ergebnis von Forschung eine endgültig beweisbare Angelegenheit ist, irrt. Wir Forscher können unsere Erkenntnisse nicht verifizieren, sondern ausschließlich falsifizieren. Jedes Modell, welches wir in der Wissenschaft benutzen und von dem wir meinen, dass es die Welt so darstellt wie sie ist, gilt nur so lange, bis dieses Modell durch ein anderes, besseres Modell, das noch mehr Beobachtungen erklären kann, widerlegt wird. Wir suchen zwar nach der Wahrheit, aber am Ende können wir immer nur herausfinden, was falsch ist.

Positiv daran ist, dass wir langfristig unter anderem Modelle für den Alltag entwickeln können, die den Alltag beispielsweise auch im Bezug auf unsere Gesundheit, enorm erleichtern können. Unsere Vorstellungen von der Welt sind also für unser alltägliches Leben hilfreich, aber ob sie im Detail stimmen, kann man prinzipiell nicht wissen, denn es ist unmöglich auszuschließen, dass es nicht doch irgendwo einen noch klügeren Kopf gibt, der sich ein Experiment ausdenkt, das ein Ergebnis liefert, dass das alte Modell nicht vorhergesagt hätte und daher nicht erklären kann. Dann machen wir ein neues, besseres Modell und so schreitet die Wissenschaft fort.

Unser Gehirn ist nicht „groß” – in der Relation – aber unglaublich effizient, weil ausgesprochen komplex. Stimmt es, dass es in keinem Alter einen bestimmten physiologischen Status erreicht und dann „nur noch abbaut“, sondern sich kontinuierlich verändert? Und dass es gerade dieser ständige Wandel ist, der uns bei allen lebensnotwendigen Gewohnheiten zum fortwährenden Lernen befähigt?
Ja, das stimmt. Unser Gehirn ist plastisch. Bestimmte Entwicklungsprozesse erfordern spezielle Formen des Lernens. In diesem Fall sprechen wir in Fachkreisen von dem Prägungslernen beziehungsweise Prägungsphänomen. Dabei werden Erfahrungen nicht nur abgespeichert, sondern wirken auch strukturierend auf das sich entwickelnde Gehirn. Das ist für uns Menschen lebensnotwendig und ausgesprochen hilfreich.

Ein gutes Beispiel ist unsere Sprache. Japaner können beispielsweise kein „R“ aussprechen, weil sie es als Kind nie gehört haben. Es klingt für sie genauso wie „L“. Für den in Japan lebenden Menschen ist das kein Problem, er braucht die Unterscheidung ja nie und das Gehirn versucht immer, sich optimal an äußere Anforderungen anzupassen, was nicht gefordert wird, wird auch nicht angelegt. Wenn jedoch viele Anforderungen in der frühen Kindheit bestehen, kann diese solide Basis später ausgebaut, verfeinert und erweitert werden. Daher kann man im Grunde zu keinem Zeitpunkt davon ausgehen, dass wir nur noch „abbauen“. Goya hat einmal einen weisen alten Mann gezeichnet und darunter steht in weisen Lettern „aun aprendo“ – was so viel bedeutet wie „Immer noch lernend“.

Was genau ist überhaupt eine Gewohnheit und ist sie im Gedächtnis gespeichert?
Von Gewohnheit spricht man, sobald Handlungen, die wir uns über prozessuales Lernen angeeignet haben, in sogenannte Automatismen übergehen. Am Anfang ist die Handlung also überwiegend kognitiv gesteuert. Bei ständiger Wiederholung (wie beispielsweise beim Autofahren) verstärken sich im Gehirn die dabei benutzten „Verschaltungen“. Sie können sich vorstellen, dass es genau aus diesem Grund sehr schwer ist, eine unerwünschte Gewohnheit wieder „los zu werden“.

Dies ist nur möglich, wenn dieser über die Jahre stark „verinnerlichte“ Vorgang immer wieder stark reflektiert wird, nur dann kann man die Gewohnheit mit der Zeit wieder „Verlernen“. Denn über eines sollten wir uns im Klaren sein: Gewohnheiten sind im Grunde gewollte Mechanismen, da sie unser Gehirn stark entlasten. Positiver Aspekt: Man kann auch im fortgeschrittenen Alter erwünschte Gewohnheiten trainieren.

© UZVUnser Gehirn verarbeitet riesige Mengen an Informationen. Wird tatsächlich unser gesamtes Denken, Fühlen und Handeln von hier aus gesteuert?
Ja!

Sind wir also am Ende nicht mehr als die Summe von unzähligen physiologischen Prozessen und wenn ja, gibt es Möglichkeiten, die Leistung durch Medikamente und/oder Trainings zu optimieren/zu fördern?
Zur ersten Frage ebenfalls ein klares Ja. Zur zweiten Frage: Es ist so, dass unser Gehirn normalerweise, also wenn keine Mangelernährung vorliegt, ausschließlich Zucker verbraucht. Wenn man von konzentrationsfördernden Substanzen spricht, sollte grundsätzlich die Frage gestellt werden, wie nachhaltig ein Produkt tatsächlich ist. Leider ist es in aller Regel so, dass die Effekte – wenn überhaupt erkennbar – eher kurzfristig sind. Eine kurzfristige erhöhte Leistungsfähigkeit oder Wachheit durch Zucker oder anregende Stoffe wie etwa Koffein wirkt sich eben auch kurzzeitig auf unser geistiges Leistungsvermögen aus.

Und so kann man bezüglich aller häufig vielversprechenden Slogans über effektive Medikamente leider keine starken Effekte erwarten. Im Gegenteil, meiner Ansicht gibt es keine intelligenzfördernden Medikamente. Was belegt ist, sind in gewissen Umfang gedächtnisfördernde Substanzen, aber auch hier darf man keine Wunder erwarten. Was es gibt: Inhaltsstoffe, die sich dahingehend positiv auswirken, damit wir ruhiger, entspannter und offener werden. Und was die Leistung grundsätzlich betrifft: Wenn etwas nicht benutzt wird, verkümmert es. Das gilt für das Gehirn genauso wie für einen Muskel.

Funktionen sollten daher grundsätzlich immer benutzt werden. Förderlich sind in diesem Zusammenhang auch Freizeitaktivitäten wie Sport, Sauna oder Lesen. Das kann unterstützend wirken, aber grundsätzlich trainiert und erhält man immer nur das, was man nutzt. Sie würden auch nicht erwarten, dass sie schneller schwimmen können, wenn Sie Hochsprung trainieren. Ganz ähnlich ist es auch mit dem Gehirn.

Wie arbeiten beispielsweise Gedächtniskünstler?
Unser Gehirn ist ein assoziativer Speicher. Gedächtniskünstler beispielsweise, denken grundsätzlich in „Schubladen“ – rufen also Informationen über sogenannte Assoziationsketten ab. Das heißt, Inhalte werden als Gedächtnisstütze systematisch eingeteilt, da wir in ausgesprochen abstrakten Kategorien und Konzepten denken. Ein Stuhl beispielsweise ist also kein „tatsächlicher Gegenstand“, sondern ein Konzept.

Was halten Sie von Gedächtnistraining? Welche Methoden empfehlen Sie?
Schach, Klavier, Lesen, Kreuzworträtsel etc. Alle erwähnten Methoden sind in jedem Fall empfehlenswert. Grundsätzlich sollten wir uns also immer wieder bewusst machen, dass Methoden, die viele einzelne, kleine und gute erreichbare Stufen benötigen, um ein Ziel zu erreichen, hilfreich sind, um das Gehirn zu trainieren.

Fazit: Wer rastet, der rostet – würden Sie dem so zustimmen? Falls ja – hat geistige Inaktivität also langfristige physiologische Konsequenzen?
Ja, in jedem Fall. Denn wenn ich möchte, dass mein Gehirn funktioniert, dann muss ich genau die spezifische Funktion trainieren, die gestärkt werden soll. Wer inaktiv ist, kann sich nicht entwickeln und bleibt stehen. Aus physiologischer Sicht grundsätzlich kein Problem, aus menschlicher Sicht hingegen schon, sofern ein Anspruch auf Entwicklung gegeben ist.

Wie komme ich aus der Gewohnheitsfalle raus? Wie kann ich mich selbst motivieren?
Wenn ich eine unangenehme Gewohnheit aus meinem Leben verabschieden möchte (wie beispielsweise Rauchen, übermäßiges Essen oder Verhaltensweisen, die am Arbeitsplatz nicht konstruktiv sind) und spüre, dass der Weg lang ist – also Zwischenstufen notwendig sind – dann sollte ich mich für erlangte Teilziele belohnen und Zwischenerfolge entsprechend würdigen. Was in jedem Fall erforderlich ist: Disziplin und die Freude daran, etwas verändern zu wollen. Die größte Motivation ist sowohl aus beruflicher als aus privater Perspektive letztlich es gerne zu tun: Man sollte sich also – wenn man etwas ändern möchte in seinem Leben – Ersatz suchen, der Spaß macht – in jeder Beziehung.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 06/10 ab Seite 60.

Benedikta Springer

Stichworte: Dr. Holger Schulze, Gedächtnis, Gedächtnistraining, Gehirn, Gewohnheit, Hirnforschung, Interview, Lernen, Springer

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