Demenz

Das langsame Vergessen

Abbildung Tatiana Popova / www.iStockphoto.com Tatiana Popova / www.iStockphoto.com

Den Schlüssel verlegen, sich Namen nicht merken – gerade älteren Menschen passiert dies gelegentlich. Doch ab wann sind dies bereits Anzeichen einer Demenzerkrankung?

Etwa eine Million Menschen leiden hierzulande unter einer Demenz. Während bei den 65- bis 69-Jährigen der Anteil weniger als zwei Prozent ausmacht, sind bei den über 90-Jährigen mehr als 30 Prozent betroffen. Die Demenz ist damit eine der häufigsten psychiatrischen Krankheiten im höheren Alter.

Die Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr liegt bei schätzungsweise 244 000. Weniger als ein Drittel der Demenzkranken sind Männer – was daran liegen mag, dass Frauen sowohl ein höheres Erkrankungsrisiko als auch eine höhere Lebenserwartung haben. Das Statistische Bundesamt befürchtet, dass sich die Zahl der von Demenz Betroffenen bis zum Jahr 2020 auf 1,4 und bis zum Jahr 2050 auf 2,3 Millionen erhöhen könnte, wenn kein Durchbruch in der Prävention und Therapie erfolgt.

Formen der Demenz Laut der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) ist Demenz „ein Syndrom als Folge einer meist chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Das Bewusstsein ist nicht getrübt. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden gewöhnlich von Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation begleitet, gelegentlich treten diese auch eher auf.“

Im Vordergrund stehen somit der Abbau und Verlust kognitiver Funktionen und Alltagskompetenzen, wie die aktuelle S3-Leitlinie „Demenzen“ zusammenfasst, die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie herausgegeben wurde (S3 = höchste Qualitätsstufe). Klinischen Kriterien zufolge entfallen etwa 50 bis 70 Prozent der Demenzformen auf die Alzheimer-Demenz und 15 bis 25 Prozent auf die vaskuläre Demenz (z.B. nach Schlaganfällen). Mischformen sind möglich.

Von den Betroffenen unter 65 Jahren leiden um die 20 Prozent an einer fronto-temporalen Demenz (Morbus Pick, neurodegenerative Erkrankung im Stirn- bzw. Schläfenlappen des Gehirns, beginnt im mittleren Lebensalter). Laut ICD-10 wird zudem die Demenz bei Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, Chorea Huntington, primärem Parkinson-Syndrom und HIV-Krankheit unterschieden. Aber auch bei Epilepsie, Intoxikationen oder bei Multipler Sklerose kann sich eine Demenz einstellen. Eine akkurate Diagnose ist daher notwendig, um fundierte Aussagen über den Verlauf und die Behandlung treffen zu können.

Diagnostik In der genannten Leitlinie, die von insgesamt 28 medizinisch- wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Patientenorganisationen erarbeitet wurde, werden verschiedene diagnostische Verfahren empfohlen. Neben einer umfassenden (Medikamenten-) Anamnese ist eine körperliche internistische Untersuchung unabdingbar, die kardiovaskuläre, metabolische und endokrinologische Erkrankungen aufdeckt. So kann beispielsweise ein Mangel an Vitamin B12, B1, B6 oder Folsäure zu kognitiven Störungen führen, ebenso ein Mangel oder ein Zuviel an Natrium – nicht zu vergessen eine Unter- oder Überfunktion der Schilddrüse, eine Anämie, Leberzirrhose oder erhöhte Blutfette.

Aus neurologischer Sicht sollten kognitive Kurztests erfolgen, um die Einteilung in eine leichte, mittelschwere oder schwere Demenz zu erleichtern – was Folgen für die Therapie hat. Bildgebende Verfahren wie eine zerebrale CT (Computertomografie) oder MRT (Magnetresonanztomografie) sind der Leitlinie zufolge angezeigt, sobald klinisch eine Demenz festgestellt wurde. Damit kann nicht nur eine Differentialdiagnostik erfolgen, sondern auch der Ausschluss heilbarer Ursachen wie beispielsweise subdurale Hämatome. Weitere Untersuchungen, wie zum Beispiel die Liquordiagnostik oder bestimmte neuropsychologische Tests, sind im Einzelfall sinnvoll.

Therapie Da die Alzheimer-Demenz die häufigste der Demenzformen ist, wird hier ausschließlich auf ihre Behandlungsmöglichkeiten eingegangen. Im Mittelpunkt stehen die kognitiven Störungen und die beeinträchtigten Alltagstätigkeiten. Welche der aktuell vier verfügbaren Arzneistoffe jedoch tatsächlich einen Nutzen bringen, darüber sind die Initiatoren der Leitlinie und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) teils unterschiedlicher Auffassung.

Positiv stehen beide den Acetylcholinesterase-Hemmern bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz gegenüber. So scheinen Donepezil (erhältlich als Tablette, Schmelztablette), Galantamin (retardierte Hartkapsel, Lösung) und Rivastigmin (Hartkapsel, transdermales Patch) einen positiven Effekt auf die kognitive Leistungsfähigkeit (z.B. Erinnerung) und Alltagsfunktionen zu haben, wobei es keinen Hinweis auf die Überlegenheit einer der Substanzen gibt.

Unstimmigkeiten gibt es dagegen bei Memantin (erhältlich als Tablette, Tropfen). Der nicht kompetitive NMDA-Antagonist ist zur Behandlung der moderaten bis schweren (nicht der leichten) Alzheimer-Demenz zugelassen und verbessert gering, aber nachweisbar Kognition und Alltagsfunktionen. Das IQWIG spricht Memantin allerdings einen positiven Nutzen ab.

Bei Ginkgo Biloba (Extrakt EgB761) sieht die Leitlinie aufgrund der Studienlage keine überzeugende Evidenz für eine Wirksamkeit. Zudem sollte laut Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft vorab eine eingehende Gerinnungsanamnese erfolgen. Hingegen scheinen laut IQWIG 240 Milligramm Ginkgo Biloba täglich dabei zu helfen, den Alltag besser zu bewältigen. Weitere Therapeutika wie Vitamin E, nicht steroidale Antiphlogistika, Lecithin oder eine Hormonersatztherapie werden zur Behandlung der Alzheimer-Demenz von der Leitlinie nicht empfohlen.

Kritisch sieht sie den Einsatz von Psychopharmaka bei auftretenden Verhaltensstörungen. Positiv äußert sie sich dagegen zu psychosozialen Interventionen wie beispielsweise Ergo- oder Musiktherapie, die Kognition und Verhalten günstig zu beeinflussen scheinen. Auch eine unterstützende Begleitung für Angehörige von Demenzkranken wird empfohlen.

Interessantes für die Zukunft der Alzheimer-Therapie zeigt eine aktuell erschienene Studie. Eine Mischung aus Omega-3-Fettsäuren und den körpereigenen Substanzen Uridin und Cholin zeigte bei 40 Prozent der Patienten mit beginnender Alzheimer-Demenz ein deutlich verbessertes Namensgedächtnis. Ursache: Die drei Stoffe, die auch schon in der Muttermilch enthalten sind, stoppen den Abbau von Synapsen und regen zudem die Ausbildung neuer Verbindungen zwischen den Nervenzellen an. Dabei wissen die Forscher, dass sie Alzheimer zwar nicht heilen, aber zumindest den Krankheitsverlauf verlangsamen können.

Tipps für Ihre Beratung Eine frühe Diagnostik ist entscheidend, um Klarheit zu haben, was die weitere Planung und Behandlungsmöglichkeiten betrifft. Werden Sie daher aufmerksam, wenn ein Kunde über folgende Symptome bei sich oder einem Familienmitglied berichtet:

  • Vergesslichkeit;
  • Schwierigkeiten mit gewohnten Handlungen;
  • Sprachprobleme (z.B. das Verwenden von unpassenden Füllwörtern);
  • Räumliche und zeitliche Orientierungsprobleme;
  • Eingeschränkte Urteilsfähigkeit;
  • Probleme mit abstraktem Denken;
  • Liegenlassen von Gegenständen;
  • Stimmungs- und Verhaltensänderungen;
  • Persönlichkeitsveränderungen;
  • Verlust der Eigeninitiative.

Dies sind die zehn Anzeichen, die der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) zufolge auf eine Demenz hinweisen können. Da der Begriff Demenz oftmals negativ oder abwertend besetzt ist, sollten Sie jedoch im weiteren Gespräch behutsam vorgehen, um zu sehen, wie offen Ihr Gegenüber darüber redet. Empfehlen Sie die Abklärung der Symptome beim Arzt – der Hinweis, dass beispielsweise auch ein Mangel an Vitamin B12 oder ein Schilddrüsenproblem hinter den geschilderten Symptomen stecken könnte, nimmt Ihrem Kunden möglicherweise die Angst vor dem Arztbesuch und einer belastenden Diagnose. Sie können zudem auch Infomaterial mit nützlichen Adressen in Ihrer Apotheke auslegen.

Hilfe für Betroffene und Angehörige bietet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft im Internet unter www.deutsche-alzheimer.de  oder per Telefon unter 01903/171017 (9 Cent pro Minute). Dort erfährt man, ob Selbsthilfegruppen oder Demenzberatungsstellen vor Ort vorhanden sind. Unterstützung gibt es auch bei der Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V. auf der Website www.alzheimerforum.de. Aktuelles aus der Wissenschaft publiziert die Alzheimer Forschung Initiative unter www.alzheimer-forschung.de .

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 02/10 ab Seite 68.

Dr. Petra Kreuter, p.kreuter@uzv.de

Stichworte: Alzheimer, Alzheimer Demenz, Demenz, Vergesslichkeit

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