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Kinder leiden häufiger als Erwachsene unter akuten Erkrankungen der Atemwege. Was ist bei ihnen anders und welche Möglichkeiten bietet die Selbstmedikation?
Bis zu zehnmal im Jahr bekommen Kinder eine Erkältung. Da ist guter Rat aus der Apotheke gefragt – dorthin wenden sich die meisten Eltern, wenn ihr Nachwuchs krank ist. Aber Kinder kann man nicht einfach wie kleine Erwachsene behandeln. Dafür sind die physiologischen Unterschiede, angefangen beim Gewicht über die Größe bis zur Ausscheidungsfähigkeit der Nieren, einfach zu groß. Welche Wirkstoffe eignen sich also für Kinder mit Husten, Schnupfen oder Heiserkeit und sind auch für sie zugelassen?
Hustenlöser und Hustenstiller Klassische Wirkstoffe wie Ambroxol, Bromhexin und Acetylcystein (ACC) lösen den Schleim und erleichtern das Abhusten. Die Hustenlöser eignen sich prinzipiell auch für Kinder, sagt Dr. Jörg Wittig von der Oberland-Apotheke in Schleiz. Sie machen den zähen Schleim dünnflüssiger. Ambroxol kann in jedem Alter gegeben werden. Bromhexin und Acetylcystein sind ab zwei Jahren für die Selbstmedikation geeignet.
Zum Lösen des Hustens sollten die Patienten zudem immer viel trinken, das fördert die Verflüssigung des Schleims. Bei Reizhusten können Antitussiva eingesetzt werden. Die Hustenstiller sind sinnvoll, wenn zum Beispiel ein starker Reizhusten selbst zu Entzündungsprozessen führen kann, so Wittig. Auch Kinder, die von Hustenattacken heimgesucht werden oder vor Husten kaum ein-, geschweige denn durchschlafen können, profitieren davon.
Pentoxyverin ist für Kinder ab zwei Jahren zugelassen, Dextromethorphan wird erst ab dem zwölften Lebensjahr empfohlen. Vorsicht ist generell geboten bei Kombinationspräparaten mit ätherischen Ölen. Stark riechende Öle, wie Pfefferminzöl oder die Einzelkomponente Menthol, sind für Kinder unter zwei Jahren streng kontraindiziert.
Wechselwirkungen Die Hustenstiller Dextrometorphan und Pentoxyverin können als Saft oder Tropfen eingesetzt werden. Sie wirken zentral dämpfend auf das Hustenzentrum. Deshalb sind Wechselwirkungen vor allem mit anderen Substanzen möglich – etwa mit Psychopharmaka oder einigen Präparaten gegen Übelkeit und Erbrechen –, die ebenfalls zentral dämpfend wirken. So können sich Pillen gegen Reisekrankheit und Hustenstiller gegenseitig verstärken.
Von Hausmitteln wie Kamillen- oder Fencheltee, die Kinder oft aus anderen Gründen parallel erhalten, sind solche Probleme kaum zu befürchten, da ihre Wirkung zu schwach ist. Der Hustenlöser ACC kann laut Wittig im Magen zur Komplexbildung mit einigen gleichzeitig eingenommenen Antibiotika neigen, etwa mit Cephalosporinen, synthetischen Penicillinen oder Tetracyclinen. Ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden zwischen diesen Mitteln beugt diesem Problem vor.
Die Reihenfolge spielt dabei keine Rolle. Wegen möglicher Wechselwirkungen ist daher die Nachfrage, ob das Kind weitere Medikamente erhält, obligatorisch. „Das muss sein“, betont Jörg Wittig, „eine Apotheke ist kein Supermarkt!“
Kombiniert behandeln? Kombinationspräparate aus Hustenlöser plus Hustenstiller führen zu gegensätzlichen Reaktionen: Sie lösen den Schleim, verhindern aber laut Wittig das Abhusten. Das kann zu einem Sekretstau führen, das Sekret wiederum ist ein guter Nährboden für Bakterien. Sollen dennoch beide Effekte kombiniert werden, dann ist es oft sinnvoll, den Hustenstiller nachts zu geben. „Da ist der Hustenreiz meist stärker als tagsüber“, erklärt Apotheker Thomas Hieble von der St. Alto-Apotheke in München.
Für die Verschleimung kann am Tag ein Hustenlöser eingesetzt werden: „Man gibt morgens und mittags einen Hustenlöser und nachts den Hustenstiller, damit das Kind schlafen kann.“ Der zeitliche Abstand zwischen beidem vermeidet den Sekret stau. Wichtig bei Hustenstillern ist, dass sie hoch genug dosiert werden, betont Hieble. „Man sollte an die obere Dosierungsgrenze der Packungsbeilagen gehen.“ Erfahrungsgemäß bleiben viele Eltern lieber am unteren Limit der angegebenen Dosisspanne: „Das wirkt dann lange nicht so gut.“
Natürliches gegen den Husten Als milde pflanzliche Hustenlöser kommen Efeu- und Thymianextrakt in Betracht. Spitzwegerich wirkt hustenstillend. Bei Reizhusten kann auch Saft mit Eibischwurzel verwendet werden. Er wird bis zu fünfmal täglich in altersabgestufter Dosis gegeben und beruhigt Hieble zufolge den Hals sofort. Die Wirkung hält etwas kürzer an als bei den synthetischen Substanzen.
Eine weitere Möglichkeit zur Hustenlösung ist die Inhalation mit Kochsalz. Allerdings mit Verneblern und nicht per Dampfbad, denn Salz verdampft nicht. Mentholhaltige Mittel, nicht nur zur Einnahme oder zur Inhalation sondern auch als Einreibung oder in Form eines Erkältungsbades, sind bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres zu meiden. Sie können, etwa bei Kindern mit Heuschnupfen, letztlich bis zum Tod durch Bronchospasmen führen. Wittig und Hieble empfehlen sogar, solche Mittel frühestens ab sechs Jahren zu verwenden.
Schnupfen Nasensprays verkürzen zwar den Schnupfen nicht, können aber Symptome lindern und die normale Atmung erleichtern. Hieble plädiert dafür, Schnupfen-Kindern prinzipiell ein Nasenspray zu geben – nur kurzzeitig, um die Atemwege frei zu machen und um zu verhindern, dass die Infektion als Mittelohr - entzündung auf die Ohren schlägt: „Man sollte fünf bis sieben Tage ein Nasenspray geben, zweimal am Tag, damit eine gute Belüftung da ist.“
In Betracht kommen abschwellende Sprays mit den Alpha-Sympathomimetika Xylometazolin, Oxymetazolin und Naphazolin. Xylometazolin etwa steht für Zwei- bis Sechsjährige in einer Konzentration von 0,05 Prozent zur Verfügung und für Kinder ab sechs Jahren mit 0,1 Prozent. Das Mittel verengt die äußeren Gefäße, die Schleimhaut schwillt ab und der kleine Patient kann freier atmen. Naphazolin ist ab zwölf Jahren zugelassen. Von Oxymetazolin existiert auch eine Variante für Säuglinge. Solch kleine Kinder schickt Wittig aber grundsätzlich zum Arzt.
Schmerzt das Ohr bereits, sind Nasentropfen besser geeignet als das Spray. Denn ein Teil der Tropfen läuft in die Eustachische Röhre, den Verbindungsgang zwischen Nase und Ohr. Wenn das Sekret aus dem Ohr abfließen kann, lassen Druck und Schmerz nach. Wegen der durch die Sprays verringerten Durchblutung der Nasenschleimhaut sollte die Gabe nach fünf bis sieben Tagen beendet oder zumindest für vier Tage unterbrochen werden, empfiehlt Wittig, damit die Schleimhaut sich von der Mangeldurchblutung wieder erholen kann. Sonst droht eine dauerhafte Schädigung, die Schleimhaut kann degenerieren.
Weil Schnupfen aber selten in fünf Tagen verschwindet, lässt sich die Schleimhautbelastung mindern, indem das Spray nur nachts benutzt wird – für den erholsamen Schlaf. Eine Alternative ist, tageweise immer nur ein Nasenloch zu behandeln.
Salzwassersprays Einen zusätzlichen Ausweg bieten Salzwassersprays. Sie wirken nicht abschwellend, aber pflegend: Das Nasensekret fließt damit besser ab. Sie sind ohne zeitliches Limit nutzbar und können auch ergänzend eingesetzt werden: Das abschwellende Spray wird beispielsweise bei Nacht gegeben und das salzhaltige bei Tag. Eine Nasendusche eignet sich Wittig zufolge erst für Kinder ab etwa zwölf Jahren. Den jüngeren fällt die korrekte Handhabung oft schwer.
WIE LANGE BEHANDELN
In der Selbstmedikation sollten hustenstillende
Präparate generell nicht länger als zwei bis
drei Tage ohne ärztliche Abklärung eingesetzt
werden, Hustenlöser eventuell bis zu einer
Woche lang. Das muss den Eltern mitgeteilt
werden, um notwendige Therapien nicht
zu verhindern – schließlich kann auch ein
trockener Reizhusten verschiedene Ursachen
haben.
Heiserkeit Ambroxol-Lutschtabletten oder Isländisch-Moos-Zubereitungen können den Hals beruhigen und so Linderung schaffen. Letztere sind als Pastillen in verschie - denen Geschmacksvarianten erhältlich. Bonbons helfen, weil sie die Schluckfrequenz steigern und den Speichel über das gereizte Areal verteilen. Allerdings muss das Kind auch schon in der Lage sein, Bonbons zu lutschen, ohne sie zu verschlucken. Auch hier sollten für kleine Kinder nur mentholfreie Präparate gewählt werden.
Zulassung, Alter und Dosis Wer in der Apotheke für Kinder Mittel zur Selbstmedikation empfiehlt, sollte sich aus haftungsrechtlichen Gründen strikt an die für das Präparat in der Zulassung genannten Altersgrenzen halten, empfiehlt Wittig. Auch dann, wenn ein „baugleiches“ Präparat schon ab zwei Jahren zugelassen ist, sollte man also ein Mittel mit einer Zulassung ab sechs Jahren nicht für Fünfjährige empfehlen. Ein Off-lable-Einsatz obliegt Ärzten.
Die Dosierung nach Alter sollte der Packungsbeilage folgen: „Das entspricht den Zulassungsdaten.“ Fachinformationen mit Angaben zu diesen Punkten sind im Internet zum Beispiel unter www.zak-kinderarzneimittel.de für viele Medikamente abrufbar, so Wittig. Ist eine Dosierung nach Alter und eine nach Gewicht angegeben, dann orientiert sich der Apotheker am Gewicht.
Grenzen der Selbstmedikation Medikamente, die pro Einzeldosis mehr als 3 g Alkohol enthalten, sind für Kinder kontraindiziert. Auch Präparate mit mehr als 0,5 g Alkohol pro Dosis sollten nur nach Anweisung des Arztes gegeben werden und fallen damit aus der Selbstmedikation heraus. In der Regel, erläutert Wittig, sollte die PTA in der Apotheke eine Beratung zur Selbstmedikation nur anbieten, wenn das Kind mindestens zwei Jahre alt ist. Bei jüngeren Kindern allenfalls in leichten Fällen, also zum Beispiel dann, wenn nur die Nase läuft.
Auch bei höherem Fieber wird grundsätzlich auf den Arzt verwiesen, sagt Hieble: „Deshalb fragt man immer, ob Fieber auftritt oder beständig da ist.“ Entzündliches sollte ebenfalls vom Arzt abgeklärt werden, etwa ein leuchtend roter Rachen. Dieses Symptom muss bekanntlich nicht immer von einer Erkältung herrühren, es kann sich auch um Scharlach handeln.
Der Arzt ist ebenso die erste Adresse bei entzündeten Nebenhöhlen, starkem oder bellendem Husten, Schmerzen im Brustbereich, Krämpfen, Lungen- und Bronchialerkrankungen. Auch Ohrenschmerzen sollte er abklären, es könnte sich um eine Mittelohrentzündung handeln, die dann vielleicht mit Antibiotika behandelt werden muss.
KLEINE KINDER SCHLUCKEN ANDERS
Erst im Alter von vier bis sechs Jahren kann ein Kind Tabletten gezielt schlucken. Für kleine Kinder eignen sich deshalb eher Säfte und Tropfen. Wenn die nicht schmecken, kann zum Beispiel Hustensaft auf Zucker oder in Apfelsaft serviert werden. ACC-Saft unter das Essen zu mischen ist dagegen nicht zu empfehlen, da teilweise eine Komplexbildung mit anderen Stoffen erfolgen kann.
Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 09/09 ab Seite 68.
Helga Brettschneider, hbrettschneider@hotmail.com
Stichworte: Erkältung, Erkältungen, Fieber, Hustensaft, Kinder, Kleinkinder