Medikamente

So wenig wie möglich

Abbildung © Juha Tuomi / www.shotshop.com © Juha Tuomi / www.shotshop.com

Damit Mutter und Kind gesund durch Schwangerschaft und Stillzeit kommen, muss die Einnahme von Arzneimitteln sorgfältig abgewogen werden.

Der Embryo wird während der Schwangerschaft über den Mutterkuchen, also die Plazenta, versorgt. Sie ist eine Art Filter, der einerseits den mütterlichen und kindlichen Kreislauf voneinander trennt, aber andererseits ermöglicht, dass im Blut gelöste Substanzen ausgetauscht werden können. Man spricht zwar von einer Plazentaschranke, aber um eine echte Barriere handelt es sich dabei nicht. Denn viele Substanzen können diese Barriere überwinden.

Und nicht nur solche, die dem Wachsen und Gedeihen des Kindes dienen, wie Sauerstoff, Wasser und Nährstoffe. Auch Alkohol, Gifte, Drogen und Medikamente gelangen mit teilweise geringem Konzentrationsabfall durch Plazenta und Nabelschnur zum Fetus. Bei einer Schwangerschaft muss das Risiko der Medikamenteneinnahme also immer genau bedacht werden. Obwohl diese Gefahr den meisten Frauen bewusst ist, nehmen über 80 Prozent trotzdem Arzneimittel ein.

Vorsicht im ersten Trimenon  Ob und wie sich die Einnahme eines Medikamentes schädigend auf das Kind auswirkt, hängt vom Zeitpunkt der Einnahme im Verlauf der Schwangerschaft ab. In den ersten zwei Wochen nach der Befruchtung, in denen die Frauen meist noch nichts von ihrer Schwangerschaft wissen, herrscht das „Alles-oder-nichts- Prinzip“: Wird der Keim, genannt Blastozyst, stark geschädigt, entwickelt er sich nicht weiter und stirbt ab. Kleinere Schäden können aber auch ausheilen, da die Zellen noch wenig differenziert sind und sich relativ leicht regenerieren.

In der Embryonalzeit, der fünften bis zehnten Woche nach der letzten Periode (drei bis acht Wochen nach der Befruchtung der Eizelle) ist der Embryo besonders sensibel. Dann werden die Organe ausgebildet und differenziert. Durch die Einnahme verschiedener Medikamente können hier schwere Fehlbildungen auftreten. Während der Fetalzeit, also elf Wochen nach der letzten Periode bis zur Geburt, sind die meisten Organe grundsätzlich angelegt. Sie wachsen in dieser Phase noch, differenzieren sich weiter und reifen aus. Durch eine Schädigung kommt es zu weniger stark ausgeprägten sichtbaren Fehlbildungen, häufig jedoch treten Defekte in der Funktion auf.

Im Interesse von Mutter und Kind ist es nicht immer möglich, komplett auf alle Arzneimittel zu verzichten. Chronische Erkrankungen müssen teilweise auch während der Schwangerschaft medikamentös therapiert werden. In den meisten Fällen gibt es aber zu den Arzneimitteln, die dem Kind schaden können, eine Alternative. Frauen, die unter medikamentöser Dauertherapie stehen, wie Asthmatikerinnen, Epileptikerinnen, Diabetikerinnen oder Bluthochdruckpatientinnen, sollten bereits bei Kinderwunsch mit ihrem Arzt sprechen, damit die Behandlung vorher angepasst wird. So kann bei Diabetikerinnen auf Humaninsulin umgestellt werden, das mit seinem hohen Molekulargewicht nicht plazentagängig ist.

Auch die Behandlung von akuten Infektionen gehört in die Hand des Arztes. Als Alternativen zu Gyrasehemmern, Tetrazyklinen, Erythromycinestolat, Sulfonamiden, Trimethoprim und Cotrimoxazol, die während der Schwangerschaft nicht eingenommen werden sollten, stehen Penicilline, Cephalosporine und Erythromycin zur Verfügung. Vier Wochen vor der Geburt sowie in den ersten drei Monaten danach sollten keine Arzneimittel gegeben werden, die an Glukuronsäure gebunden ausgeschieden werden müssen.

Auf Nummer sicher gehen  In der Selbstmedikation ist Ihre Beratungskompetenz gefragt. Bei den gängigen Themen sollten Sie wissen, welche Mittel während der Schwangerschaft eingenommen werden können und welche auf keinen Fall. Generell ist im ersten Drittel, besser bis zur 16. Woche, die Arzneimitteleinnahme mit dem betreuenden Frauenarzt abzusprechen.

Empfehlen Sie grundsätzlich nur erprobte Medikamente, die sich im Laufe eines langen Zeitraums als sicher erwiesen haben. Bevorzugen Sie Arzneimittel, bei denen der Hersteller im Beipackzettel ausdrücklich auf die unbedenkliche Einnahme während der Schwangerschaft hinweist. Wählen Sie die niedrigste therapeutische Dosis.

BESONDERHEITEN IN DER STILLZEIT
Die Einnahme von Arzneimitteln während der Stillzeit muss genauso sorgfältig abgewogen werden wie in der Schwangerschaft, da die Medikamente dem Säugling über die Muttermilch zugeführt werden. Während der kindliche Blutkreislauf in der Schwangerschaft noch über die mütterlichen Organe entgiftet wird, müssen Leber und Nieren des Neugeborenen diese Aufgabe nach der Abnabelung selbst übernehmen. Die entsprechenden Enzyme haben zu diesem Zeitpunkt noch keine ausreichende Kapazität, daher kann es zu Kumulation des Medikamentes und zu entsprechend Nebenwirkungen kommen.

Gezielt empfehlen  Häufig werden Sie sicher nach einem geeigneten Schmerzmittel gefragt. Unter den verschreibungsfreien Arzneien gilt Paracetamol als das Mittel der ersten Wahl. Acetylsalicylsäure, Indometacin, Diclofenac und Ibuprofen sind als Prostaglandinsynthesehemmer in der Selbstmedikation nicht empfehlenswert. Mögliche Komplikationen sind verfrühter Ductus-Botalli-Verschluss (Ductus Botalli: vorgeburtliche Verbindung zwischen Aorta und Lungenarterie), Hemmung der Uterus-Kontraktilität sowie erhöhter Blutverlust während der Geburt. Außerdem kann das Kind zu Blutungen neigen.

Schnupfen therapiert man zunächst mit physiologischer Kochsalzlösung. Abschwellende Nasentropfen dürfen nur in niedriger Dosierung und so kurz wie möglich angewandt werden. Eine verstopfte Nase ist während der Schwangerschaft normal, da alle Schleimhäute leicht angeschwollen sind. Bei Hustenlösern gilt: Acetylcystein, Ambroxol und Bromhexin werden im ersten Trimenon nicht empfohlen. Das Antitussivum Dextromethorphan wirkt atemdepressiv. Kurz vor der Entbindung sollte man darauf verzichten.

Durch die hormonell bedingte Änderung des Scheidenmilieus sind vaginale Pilzinfektionen häufig. Während man diese Infektionen normalerweise gut selbst behandeln kann, ist einer Schwangeren der Arztbesuch wegen des Risikos eines Fruchtblasensprungs anzuraten. Besonders gegen Ende der Schwangerschaft sollte durch einen Abstrich gesichert sein, dass der Erreger nach der Behandlung nicht mehr vorhanden ist, um eine Infektion des Neugeborenen zu verhindern.

Arzneimittel gegen Schwangerschaftsübelkeit sollten, auch wenn sie, wie Dimenhydrinat, verschreibungsfrei sind, ärztlicherseits abgesegnet werden. Die medikamentöse Erstwahl gegen Sodbrennen fällt auf Antazida wie Algeldrat, Magaldrat oder Hydrotalcit. Bei Verstopfung können ballaststoffreiche Kost, Trockenobst, Lein- oder Flohsamen in Verbindung mit reichlich Flüssigkeit Erleichterung bringen. Als medikamentöse Steigerung werden zunächst Osmolaxanzien wie Macrogol empfohlen oder in letzter Instanz Bisacodyl oder Natriumpicosulfat. Anthrachinonderivate, Rizinusöl, Paraffinöl, Glauber- und Bittersalz sowie Einläufe sollten nicht verabreicht werden.

Je runder der Bauch wird, desto unruhiger schläft die werdende Mutter. Manchmal lassen sie aber auch Sorgen und Ängste nicht zur Ruhe kommen. Fragt die Kundin nach einem Schlafmittel, können Sie pflanzliche Sedativa wie Baldrian, Hopfen oder Melisse empfehlen. Auch Diphenhydramin und Doxylamin gelten als unbedenklich.

Aufklären  Aus ihrer Beratungspraxis in der Birken-Apotheke in Wiesbaden weiß Apothekerin Ulrike Baldus-Fiore, dass es bei der Beratung einer werdenden Mutter immer sinnvoll ist, ein ausführliches Gespräch zu führen, um Fragen, Unsicherheiten oder sogar Fehlinformationen zu klären.

So berichtet sie von einer Kundin in der Frühschwangerschaft, die wegen einer erneut gerissenen Analfissur ein Kamillensitzbad verlangt und auf Anraten ihres Hausarztes nach einer Hämorrhoidensalbe fragt. Die Apothekerin empfiehlt der jungen Frau neben einer Heilsalbe auf eine Stuhlgang erweichende Ernährung zu achten oder eine leichte Abführhilfe einzusetzen.

Im Laufe des weiteren Gesprächs erklärt die Kundin, dass sie gegen die Schmerzen gelegentlich ein Diclofenaczäpfchen einführe, das ihrer Ansicht nach nur lokal wirke. „Diesem Irrglauben unterliegen viele Kunden“, erklärt Baldus-Fiore. „Sie nehmen an, dass nur orale Medikamente systemisch wirken, Zäpfchen, aber auch Nasen- oder Augentropfen hingegen nur am Ort der Anwendung. Das Wissen, dass es gerade durch den Gebrauch von Zäpfchen zu einem besonders hohen Blutspiegel des Wirkstoffes kommt, da die erste Leberpassage umgangen wird (first-pass-Effekt), darf man beim Verbraucher nicht voraussetzen.“

Praxistipp  Ist die Frau, die vor uns steht, in Erwartung eines Kindes oder hat sie einfach nur ein Bäuchlein? Die Frage nach einer Schwangerschaft kann manchmal peinlich werden. Deshalb rät Ulrike Baldus-Fiore im Zweifelsfall dazu, bei der Abgabe von Medikamenten einen allgemeinen kurzen Hinweis zu geben, wie beispielsweise: „Dieses Arzneimittel darf nicht während der Schwangerschaft gegeben werden.“ Generell sollte man sich erkundigen, ob das Medikament eventuell für eine dritte Person (Schwangere, Kind) vorgesehen ist.

INFORMATIONSSERVICE
Der Berliner Betrieb für Zentrale Gesundheitliche Aufgaben hat einen besonderen Service für Fachkreise eingerichtet. Von montags bis freitags zwischen 9 und 16 Uhr können Sie unter der Telefonnummer 0 30/30 30 30 81 11 spezielle Fragen zu Arzneirisiken und Therapieempfehlungen in Schwangerschaft und Stillzeit stellen. Schriftliche Anfragen richten Sie an folgende Adresse: Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Spandauer Damm 130, Haus 10, 14050 Berlin. Oder per E-Mail an mail@embryotox.de. www.embryotox.de.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 08/09 ab Seite 68.

Dr. Susanne Poth, redaktion.poth@arcor.de

Stichworte: Arzneimittel in der Schwangerschaft, Ductus Botalli, Embryo, Fetalzeit, Medikamente in der Schwangerschaft, Schwangerschaft, Schwangerschaftsübelkeit, fetus

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