Ein weibliches Problem?

Unregelmäßige Verdauung

Abbildung © Patrick Pleul / www.picture-alliance.com © Patrick Pleul / www.picture-alliance.com

Frauen sind mehr als doppelt so häufig von unregelmäßiger Verdauung betroffen wie Männer. Woran das liegt und wie Sie Ihren Kundinnen gezielt helfen können, lesen Sie hier.

Dabei könnte alles so schön sein: Wir Frauen ernähren uns bewusster und gesünder als Männer und im Breitensport hat die Zahl der weiblichen Aktiven auch deutlich zugenommen. Wir befassen uns sensibel mit unserem Körper und besuchen regelmäßig die Vorsorgeuntersuchungen. Und trotzdem gibt es Beschwerden, von denen Frauen statistisch gesehen häufiger betroffen sind als Männer. Dazu gehört das Thema Verdauung.

Etwa zwei Drittel Aller, die unter Verdauungsstörungen leiden, sind Frauen. Fast sechs Millionen von ihnen sind damit von unregelmäßiger Verdauung, Darmträgheit und Verstopfung betroffen. Diese Zahlen waren Anlass für Gynäkologen, sich damit zu beschäftigen, welchen Zusammenhang es zwischen der Verdauung und der Wirkung weiblicher Hormone gibt. Dabei fiel ihnen auf, dass Frauen vermehrt in den Phasen hormoneller Veränderung wie Menstruation, Schwangerschaft und Wechseljahren unter genannten Beschwerden leiden.

Weiterhin zeigte sich, dass vor dem 15. Lebensjahr, also vor dem Anstieg weiblicher Geschlechtshormone, sogar häufiger das männliche Geschlecht von Verdauungsproblemen geplagt wird als die jungen Mädchen. Nach dem Eintritt der Menarche hingegen ist die Verteilung umgekehrt.

Verantwortliche Hormone Diese Auffälligkeiten lassen sich dadurch begründen, dass die weiblichen Geschlechtshormone indirekt den Verdauungstrakt beeinflussen. Estrogen (umgangssprachlich: Östrogen) und das Gelbkörperhormon Progesteron beeinflussen aktuellen Erklärungsansätzen zufolge das wichtigste Hormon des Verdauungstraktes: das Serotonin. Was man nicht vermutet: Etwa 95 Prozent dieses Gewebshormons sind im Darm aktiv und nicht im Gehirn.

Serotonin ist an verschiedenen Verdauungsvorgängen, im Wesentlichen aber an der Beweglichkeit des Darmes beteiligt. Estrogen beeinflusst die Wirkung von Serotonin positiv. Es vermehrt die Serotoninrezeptoren und lässt sie empfindlicher reagieren. Was im Gehirn zur Stimmungsaufhellung führt, bewirkt im Darm eine geregelte Bewegung. Außerdem steigert Estrogen den Gallenfluss und unterstützt somit die Verdauung des Nahrungsbreis. Ein Anstieg des Progesterons hingegen schränkt die Wirksamkeit des Serotonins ein. Es kommt zu einer Ruhigerstellung der glatten Darmmuskulatur.

Vor der Periode In der zweiten Hälfte des monatlichen Zyklus steigt der Progesteronspiegel an. Dadurch bereitet sich der Körper auf eine mögliche Schwangerschaft vor. Das Gelbkörperhormon senkt die Kontraktion der Gebärmutter, um zu verhindern, dass das Einnisten der Eizelle gefährdet wird. Gleichzeitig wird aber auch die Verdauung beruhigt. Dazu erklärt Dr. Astrid Blank, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe: „Die Darmbewegung wird unter Progesteroneinfluss träge, die Wirksamkeit des Serotonins an den Rezeptoren ist vermindert und der Gallenfluss nimmt ab.“

Studien konnten bestätigen, dass in der Gelbkörperhormonphase die Transitzeit des Darminhaltes verlängert ist. Viele Frauen klagen deshalb in der Zeit vor ihrer Periode über Verstopfung. Das Symptom gehört zu den am häufigsten genannten Beschwerden des Prämenstruellen Syndroms (PMS).

Mit den Wechseljahren fängt für die Frau ein neuer Lebensabschnitt an. Er beginnt meist gegen Mitte 40 und dauert etwa 10 bis 15 Jahre. Dieser Zeitraum ist durch eine hormonelle Veränderung gekennzeichnet. Die Estrogenproduktion nimmt ab, was zu einer verminderten Signalvermittlung von Serotonin an den Darmrezeptoren führt. Als Folge davon verlangsamt sich die Arbeit des Verdauungssystems. Hormonersatzpräparate beeinflussen je nach Hormonverteilung Darm- und Gallenfunktion. In einer Untersuchung zeigte sich, dass mehr als ein Drittel der untersuchten Patientinnen in den Wechseljahren Probleme beim Toilettengang haben.

Laxanzien für alle Fälle Zu den sanften Abführhilfen gehören Ballast- und Quellstoffe wie Leinsamen, Weizenkleie und Flohsamen. Bei gleichzeitiger Flüssigkeitsaufnahme vergrößern sie ihr Volumen und regen dadurch die Darmmotorik zum schnelleren Weitertransport des Darminhaltes an. Der Vorteil dieser pflanzlichen Verdauungshilfen ist, dass sie gut verträglich sind und so auch von Schwangeren eingenommen werden dürfen. Schnelle Hilfe darf man allerdings nicht erwarten. Die Wirkung setzt erst nach zwei bis drei Tagen ein.

Schneller, aber ähnlich gut verträglich wirken Macrogole. Sie sind für die Einnahme über einen längeren Zeitraum und auch für die Schwangerschaft geeignet. Macrogol ist chemisch betrachtet Polyethylenglycol. Das Pulver wird in Wasser aufgelöst und getrunken. Der Wirkstoff saugt die Flüssigkeit auf und transportiert sie in den Darm. Dort wird der Stuhl aufgeweicht, das Stuhlvolumen vergrößert sich und der Stuhldrang wird ausgelöst. Innerhalb von ein bis zwei Tagen stellt sich die Verdauung dann wieder ein. Macrogol wird unverändert wieder ausgeschieden. Der Elektrolythaushalt bleibt davon unbeeinflusst, sodass es auch bei Langzeittherapie zu keiner Wirkungsabschwächung kommt.

Für die Beratung ist es wichtig zu wissen, dass der Darm nicht gereizt wird und dass Macrogol die Wirkung anderer Medikamente nicht beeinträchtigt. Günstig ist auch, dass es nicht zu einer lästigen Gasbildung und somit zu Flatulenz kommt wie es bei den schwer resorbierbaren Zuckern und Zuckeralkoholen der Fall sein kann. Dazu gehören beispielsweise Laktulose oder Laktose. Laktulose ist ein synthetisch hergestelltes Disaccharid, das durch Isomerisierung aus Laktose hergestellt wird. Beide Zucker gelangen fast unverändert in den Dickdarm, wo sie osmotisch wirken.

Einst in Verruf geraten sind sie nun rehabilitiert: die Sennesblätter. Bei sachgemäßer Anwendung gelten sie als sicher. Sie enthalten Sennoside, die zu den Anthracenderivaten gehören. Letztere sind auch in Rhabarberwurzel, Faulbaumrinde, Sennesfrüchten, Kreuzdornbeeren und dem am stärksten wirksamen Aloe- Extrakt enthalten. Die Sennoside werden in Magen und Dünndarm nicht aufgenommen. Erst das im Dickdarm abgespaltene Aglykon wird resorbiert und löst die abführende Wirkung aus. Mit einem Wirkungseintritt ist nach etwa acht bis zehn Stunden zu rechnen.

Vergleichbar schnell wirken die Substanzen Natriumpicosulfat und Bisacodyl. Beide sind Prodrugs, die erst im Dickdarm in die Wirkform umgewandelt werden. Sie regen die glatte Dickdarmmuskulatur und damit die Bewegung des Darms direkt an. Zusätzlich steigern sie die Sekretion von Wasser in den Darm und hemmen seine Resorption. Der Wirkungseintritt von Bisacodyl kann durch die Gabe in Zäpfchenform beschleunigt werden. Durch die rektale Anwendung entfällt der Umweg über die Leber. Dadurch kommt es bereits nach 15 bis 30 Minuten zu einer abführenden Wirkung.

WIE KANN IHRE HILFE AUSSEHEN?
Jedes Verdauungsproblem braucht seine individuelle Lösung. Legen Sie sich gedanklich einen Stufenplan zurecht und prüfen Sie, welcher Einstieg für Ihre Kundin der richtige ist. Leidet sie schon häufiger oder länger an Verstopfung? Klären Sie darüber auf, dass beim Stuhlgang alles zwischen dreimal täglich und dreimal wöchentlich völlig normal ist. Auch die Fragen nach einer faserreichen Ernährung, der Trinkgewohnheit (zirka eineinhalb Liter pro Tag) und nach ausreichender Bewegung sollten immer Gegenstand Ihrer Beratung sein. Die Bedeutung dieser Maßnahmen dürfen im Beratungsgespräch jedoch nicht überbewertet werden. Sie sind nur prophylaktisch hilfreich und können eine akute Verstopfung nicht beseitigen. Gerade hormonell bedingte Stuhlgangbeschwerden lassen sich häufig nicht allein durch diese, die Peristaltik fördernden Maßnahmen beeinflussen. Den betroffenen Frauen kann das Leben durch Abführhilfen, die individuell und sachgemäß zu dosieren sind, erleichtert werden. Ihr fachlicher Rat kann dabei Vorurteile abbauen. Er hilft, dass Ihre Kundinnen nicht unter dem schlechten Gewissen leiden müssen, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Den vollständigen Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER APOTHEKE 07/09 ab Seite 68.

Dr. Susanne Poth, Apothekerin und Journalistin

Stichworte: Darmträgheit, Frauen, PMS, Prämenstruelles Syndrom, Serotonin, Verdauung, Verdauungsstörungen, Verstopfung, unregelmäßige Verdauung, Östrogen

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